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Ende schlecht, alles schlecht

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Von: Jan Christian Müller

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Frust pur: Kai Havertz (links) und Niclas Füllrug.
Frust pur: Kai Havertz (l.) und Niclas Füllkrug. © dpa

Das erneute Aus bei der WM ist eine Hypothek für die Zukunft des deutschen Fußballs. Mal wieder stellen sich Personalfragen. Sie sollten schnell beantwortet werden. Ein Kommentar.

Aus. Vorbei. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft boykottiert unfreiwillig die K.o.-Runde bei der WM 2022 in Katar. Das ist kein Rückschlag. Das ist ein Tiefschlag. Für Bundestrainer Hansi Flick. Für Manager Oliver Bierhoff. Und für die „Generation Kimmich“, die 2017 so hoffnungsvoll erfrischend mit dem überraschenden Sieg beim Confederations Cup losgelegt hat und seitdem jede Messlatte reißt.

Die Indizien für eine Tendenz sind erdrückend: Es ist das zweite WM-Aus des Weltmeisters von 2014 in Folge bereits in der Vorrunde. Vor vier Jahren in Russland scheiterte Titelverteidigertrainer Joachim Löw als Tabellenletzter hinter Mexiko, Schweden und Südkorea. Danach passierte erst einmal: nichts! Erst mit drei Jahren Verspätung räumte Löw seinen Posten. Zu spät, wie man heute weiß. Ein großer Mann des deutschen Fußballs bleibt er dennoch.

Deutschland scheidet bei WM 2022 aus: Rückhalt fehlte überall

Nachfolger Flick begann mit Schwung. Aber in den ersten Tagen von Katar wirkte er reichlich genervt, ganz ähnlich wie in den letzten Monaten beim FC Bayern. Die Souveränität und Entspanntheit, die er bis vor dem Turnierstart noch mit Überzeugung ausgestrahlt hatte, schien in der Wüste versandet. Die Debatten um die Kapitänsbinde, die vielfach übertriebene Kritik aus der Heimat an der doch eigentlich bemerkenswerten Protestaktion vor dem Auftaktspiel gegen Japan, der fehlende Rückhalt der Fans in Deutschland und vor Ort in den Stadien – all das hat Trainer und Team zugesetzt.

Ende schlecht, alles schlecht, so ist das nach dem bitteren Aus von Al Khor, wo die Arena-Umhüllung einem Beduinenzelt nachgeahmt ist. Jetzt bricht der deutsche Tross die Zelte in der Wüste ganz schnell ab. Deutschland ist keine Turniermannschaft mehr. Das 1:2 im Auftaktspiel gegen Japan erwies sich als zu schwere Hypothek, als in der Schlussphase nach ordentlichen 65 Minuten alles schieflief, was schieflaufen konnte.

Aus bei WM 2022: Bleiben Flick und Bierhoff im Amt?

Flick ist jetzt nicht mehr der Über-Trainer, dem so gut wie alles gelingt, was er anpackt. So wie bei der multiplen Titelsammlung mit dem FC Bayern, den er als Interimscoach übernahm und in einer Art und Weise überperformte, die ihm niemand zugetraut hatte. Das WM-Aus ist eine schwere Hypothek für die Zukunft.

Und natürlich wird nun automatisch die Frage gestellt, ob der künftige Bundestrainer auf dem Weg zur EM im eigenen Land noch Hansi Flick heißen kann und der künftige Geschäftsführer Akademie und Nationalmannschaft wirklich noch Oliver Bierhoff. Kann der Manager nach 18 Jahren im Amt ein prägendes Gesicht des deutschen Fußballs bei der Europameisterschaft im eigenen Land bleiben?

WM 2022: Schwarzer Tag des deutschen Fußballs

Es ist an diesem Schwarzen Tag des deutschen Fußballs zu früh für eine Antwort darauf, und möglicherweise gibt es auch unterschiedliche Antworten auf beide Personalien. Flick hat ja schon sehr deutlich gemacht, dass er beabsichtigt, seinen bis 2024 gültigen Vertrag zu erfüllen. Er will es also so halten wie Joachim Löw 2018, der sich das hohe Amt noch zutraute (und von Bierhoff gestützt wurde). Und somit nicht so wie Rudi Völler 2004, der noch in der Nacht nach dem EM-Vorrundenaus in Portugal seinen Rücktritt erklärte (obwohl der DFB ihn behalten wollte).

In den nächsten Tagen, aber nicht unter dem ganz großen Zeitdruck, wollen sich die Verantwortlichen nun zusammensetzen. Dass sie alle miteinander erst einmal ein paar Nächte ins Land gehen lassen wollen, ehe sie die Köpfe zusammenstecken, ist richtig. Sie sollten sich von aufgeregten Medien nicht treiben lassen.

Es darf aber auch ja keine zwei Monate dauern, ehe, wie 2018, eine WM-Analyse präsentiert wird. Präsident Bernd Neuendorf ist wahrscheinlich klug genug, das zu erkennen, aber auch nichts übers Knie zu brechen. Es dürfte ihm aufgefallen sein, dass es um die von Flick und Bierhoff zu verantwortende Außendarstellung der Nationalmannschaft in den wenigen Tagen von Katar nicht zum Besten stand.

WM 2022 in Katar: Diskussion über Bierhoff

Sonst wäre die Peinlichkeit nicht passiert, zur internationalen Pressekonferenz vor dem Spanien-Spiel ohne den obligatorischen Spieler zu erscheinen. Der Anfahrtsweg, eine gute Stunde pro Richtung über einen vierspurigen, kaum befahrenen Highway, erschien den Beteiligten zu aufwendig.

Ein Treppenwitz, den der Präsident völlig zu Recht nicht lustig fand. Professionalität und Imagepflege sehen anders aus. Hansi Flick muss noch lernen, sich weltgewandter zu präsentieren. Aus Katar verabschieden sich die Deutschen in den Augen der Welt als Moral-Weltmeister, dessen fußballerische Hochzeit vorbei ist.

Das in Katar nur in kleinen Teilen anwesende DFB-Präsidium mit Neuendorf an der Spitze ist nicht mehr die Instanz, die den Weg in die Zukunft weist. Auch die Deutsche Fußball-Liga mit Hans-Joachim Watzke an der Spitze wird ein Wörtchen mehr mitreden wollen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Vor allem die Personalie Bierhoff dürfte dabei intensiv diskutiert werden. (Jan Christian Müller)

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