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Kapitän, Nummer zehn, Topstar: Dimitri Payet von Olympique Marseille.

Olympique Marseille

Die Schlange beißt zu

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Dimitri Payet ist kein Modellathlet und dennoch ein fantastischer Kicker.

Wer Dimitri Payet im hautengen Trikot von Olympique Marseille über den Platz traben sieht, der ist geneigt, mal kurz bei der Feuerwehr durchzuklingeln, um den 31-Jährigen nach dem Spiel auch ja fachmännisch aus seiner Arbeitskleidung zu befreien. Ein Modellathlet, das ist der Mann mit den grimmigen Gesichtszügen, dem Irokesenschnitt und dem um die Hüften ziemlich gespannten Trikot ganz gewiss nicht. Das hindert Payet aber nicht daran, schlicht ein verdammt guter Kicker zu sein. Wohl der beste, den der morgige Europa-League-Gegner der Frankfurter Eintracht zu bieten hat. 

Ein Beispiel gefällig? Kein Problem, das Videoportal Youtube liefert viele. Erst am vergangenen Sonntag schraubte Payet einen Fernschuss derart in den Giebel, dass im Stade Velodrome unweit der Mittelmeer-Küste die Anwesenden ihre heruntergeklappten Kiefer gar nicht mehr zubekommen wollten. Eigentlich ziemlich mustergültig hatte ein Verteidiger vom französischen Tabellenletzten EA Guingamp einen hohen Ball mit dem Kopf zur Seite geklärt. Allerdings: Genau auf den rechten Schlappen Payets.

Der Kapitän von Olympique fackelte nicht lange, ja er dachte ziemlich sicher überhaupt nicht nach, sonst hätte er die Kugel aus der Luft geholt und abgespielt. Stattdessen schwang sein Bein einfach durch, traf den Ball perfekt mit der Innenseite und versenkte ihn aus rund 30 Metern unhaltbar über den verdutzten Torhüter hinweg in den Winkel des Gästetores. Wahnsinn, aber kein Zufall. 

Dimitri Payet hat eine schwere Zeit hinter sich

Denn Dimitri Payet ist seit Jahren für seine exzellente Schusstechnik bekannt. Hart, präzise, erfolgreich. Freistöße in Strafraumnähe sollte die Eintracht tunlichst vermeiden, sonst könnte es gefährlich werden. Drei Tore und zwei Vorlagen verbuchte Payet in bisher fünf Partien der Ligue 1. Der Mann ist in Topform. Zweifelsohne. Dabei hat Payet alles andere als eine erfreuliche Zeit hinter sich. Im Europa-League-Finale Mitte Mai gegen Atletico Madrid musste der offensive Mittelfeldspieler bereits nach 32 Minuten das Feld verlassen. Unter Tränen, getröstet von der kompletten Mannschaft, ja sogar vom Gegner. Eine Muskelverletzung im Oberschenkel kostete ihn nicht nur weite Teile des Endspiels (0:3), sondern auch die WM in Russland und den großen Triumph seiner Equipe Tricolore. Payet wurde in der französischen Öffentlichkeit ähnlich bedauert wie einst der deutsche Pechvogel Marco Reus bei der WM 2014. 

Freilich, der verpasste WM-Traum passt irgendwie auch in die Karriere des auf der Insel Reunion – einer französischen Überseedepartment im indischen Ozean – geborenen Payets. Eine Karriere, die wellenförmig verlief. Im ständigen Auf und Ab. Mit zwölf Jahren verließ Payet seine geliebte Heimatinsel und flog ins 9200 Kilometer entfernte Le Havre, um in der Normandie Fußballprofi zu werden. Schon mit 16 kehrte er zurück, als gebrochener Junge, nicht gut genug für den AC. „Ich dachte damals, mein Traum wäre vorbei. Ich war wirklich traumatisiert, wollte nie wieder nach Frankreich zurück. Ich wollte einfach auf meiner Insel bleiben und dort Fußball spielen“, sagte Payet einst dem „Guardian“. 

Ein Jahr später meldete sich der FC Nantes, um Payet fürs Jugendinternat zu gewinnen. Doch der wollte nicht mehr. Erst als der Vater stundenlang auf ihn einredete, wagte der nun 17-Jährige einen zweiten Versuch in Europa. Zum Glück. Gleich beim zweiten Einsatz in der Profimannschaft von Nantes traf er. „Es war magisch, es beförderte mich in eine andere Welt“, sagte Payet. 

In Payets Leben ist wieder Ruhe eingekehrt

Das Selbstbewusstsein wuchs, die Vereine wurden immer prominenter. AS Saint-Etienne, OSC Lille, Olympique Marseille, West Ham United in England. Gerade auf der rauen Insel spielte Payet brillant auf und avancierte zu einer festen Größe in der französischen Nationalmannschaft. Bei der EM 2016 in der Heimat spielte er gar so stark, dass ihn die Experten in die Mannschaft des Turniers wählten. Doch Payet packte erneut das Heimweh. Diesmal nicht nach Reunion, aber nach Marseille. Dort, wo er von den Fans geliebt wurde. Dort, wo gerade ein Investor eingestiegen war und die nötigen Mittel für ein üppiges Gehalt bereitstellte. Also streikte Payet, er wollte nicht mehr für West Ham spielen, die Fans beleidigten ihn, gaben ihm den Spitznamen Schlange, so dass der Klub ihn schließlich für 30 Millionen Euro ziehen ließ. 

Mehr als zwei Jahre sind seitdem vergangenen, im Leben von Payet ist wieder Ruhe eingekehrt. Der 31-Jährige wirkt zufrieden in Marseille, mit Ausnahme der Topstars aus Paris können nur wenige mit ihm Schritt halten. Daran ändert selbst die ziemlich eng sitzende Arbeitskleidung nichts. Denn Dimitri Payet ist einfach ein verdammt guter Kicker.

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