Die Hürden für junge Talente sind hoch: der Freiburger Robin Koch (Mitte) bei der Nationalmannschaft. afp
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Die Hürden für junge Talente sind hoch: der Freiburger Robin Koch (Mitte) bei der Nationalmannschaft.

Viele negative Anzeichen

Der DFB schlägt Alarm

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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  • Frank Hellmann
    Frank Hellmann
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Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff findet deutliche Worte: „Wir müssen uns im deutschen Fußball massiv bewegen.“

Der Termin am Dienstag im Deutsche Fußballmuseum gegenüber vom Dortmunder Hauptbahnhof als Schauplatz für einen Medientalk des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) war natürlich nicht zufällig gewählt. Die führenden Köpfe aus der DFB-Direktion Nationalmannschaften und Akademie unter Leitung von Oliver Bierhoff, der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou, der Akademieleiter Tobias Haupt, U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz oder auch Britta Carlson als Assistenztrainerin der Frauen-Nationalmannschaft, konnten im Anschluss noch Augenzeuge des Champions-League-Achtelfinals zwischen Borussia Dortmund und Paris St. Germain werden. Um Fußball der Spitzenklasse, besser gesagt um den Anschluss an die Weltspitze, war es zuvor bei der zweistündigen Informationsveranstaltung gegangen, in der Bierhoff von „klar warnenden Tendenzen“ im deutschen Fußball berichtete – „und das sind nicht nur gefühlte Anzeichen“.

Konkret geht es darum, dass der Nachschub im Nachwuchs ausbleibt. „Bis zur Europameisterschaft 2024 sind wir gut aufgestellt. Es gibt aber klare Anzeichen, dass wir uns im deutschen Fußball massiv bewegen müssen.“ Die Qualität in den Jahrgängen 1995 bis 1999 würde vielleicht noch ausreichen, um in vier Jahren eine ordentliche Heim-EM hinzulegen, dahinter wird es aber arg dünn. „Wir müssen die Weichen stellen, dass wir auch in zehn, 15 Jahren eine erfolgreiche Nationalmannschaft haben“, forderte der 51-Jährige, der zugleich vor überzogenen Erwartungen für die paneuropäische Auflage im Sommer warnte.

Trotz des Heimfaktors München für die EM-Vorrunde findet Bierhoff die Vergleiche des aktuellen Teams von Bundestrainer Joachim Löw mit der WM-Generation 2010 nämlich nicht ganz passend. „Die Mannschaft war damals weiter.“ Spätere Weltmeister wie Mats Hummels, Jerome Boateng, Mesut Özil oder Sami Khedira hätten gestandene Akteure wie Philipp Lahm, Miroslav Klose oder Bastian Schweinsteiger vorgefunden, was damals eine besondere Mischung ergab, die in Südafrika bis ins Halbfinale stürmte. „Unsere Jungs haben auch Ambitionen, aber wir gehen nicht mit dem Bewusstsein in die EM, dass wir Favorit sind“, so Bierhoff.

Der inzwischen wie ein Projektleiter agierende Bierhoff verbreitet allerdings keinen Pessimismus, sondern zieht seinen Antrieb aus seiner dynamischen Abteilung, die die Probleme erkennt, benennt und bestenfalls schnell löst. Unter dem Dach des – auch für die Frauen – ins Leben gerufenen Projekts Zukunft versammeln sich endlich alle Betroffenen. „Es ist einmalig, was wir hier in Deutschland aufbauen“, jubiliert der DFB-Direktor.

2020 ist laut Bierhoff „ein Jahr des Handelns“ – und 2021 soll der „Think tank“ des deutschen Fußballs auf dem Gelände der ehemaligen Frankfurter Galopprennbahn bereits stehen, um voller Power gegenzusteuern: „Das ist einmalig, was wir da versuchen aufzubauen. In der Akademie arbeiten unsere Praxisleute. Es werden Impulse ins System gegeben, die uns bereichern werden.“

Dramatische Entwicklung

Bierhoff scheut sich nicht, die elementaren Fehler bei Trainerausbildung und Talententwicklung zu beschreiben: „Wir waren zu technokratisch, haben nur an Taktiken und Systeme gedacht. Persönlichkeit, Menschenführung, Charakter sind verloren gegangen.“ Mit teilweise dramatischen Folgen: Der jüngste Sportreport der Deutschen Fußball-Liga (DFL) belegte, dass in der Hinrunde der Bundesliga deutsche U-21-Spieler nur noch zu drei Prozent an der Gesamtspielzeit aller Profis beteiligt waren – weniger als die Hälfte gegenüber der Vorsaison. Diese Zahl sei „alarmierend“, sagte Chatzialexiou. Überraschend kommt sie für Bierhoffs wichtigsten Vertrauten nicht. Eigene Nachforschungen haben sogar noch Besorgnis erregende Trends ergeben. „Wir sehen, dass England, Frankreich, Spanien oder die Niederlande teilweise das Fünffache an guten Spielern ausbilden.“

Stefan Kuntz berichtete, dass diese Nationen ihren Eigengewächsen in der ersten Liga durchweg mehr Einsatzminuten bieten könnten, nur über die so genannten „soft facts“ wie Umsetzung eines Matchplans, Teamgeist oder Disziplin sei es bei der jüngsten U-21-EM gelungen, noch ins Finale zu kommen. Kuntz arbeitet mitten im Notstandsgebiet, denn mittlerweile sei da einfach niemand mehr, der ans Tor zur A-Nationalmannschaft klopfe. Wo er sich früher lange mit Löw über Spieler austauschen konnten, die für das A-Team infrage kamen, „sind wir jetzt beim Espresso fertig – da ist nur noch Kai Havertz.“ Der 57-Jährige kann einiges über fehlgeleitete Karrieren erzählen. Sein Ratschlag an manch schlecht beratenen Möchtegernstar: „Spielminuten müssen Gehalt ersetzen.“

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