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Trumpfte groß auf gegen seinen Ex-Klub Dortmund: Bayern-Angreifer Robert Lewandowski.

Bayern-Sieg

Schillernde Zirkusnummer

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Robert Lewandowski dreht richtig auf, während Bayern-Trainer Niko Kovac das 5:0 gegen den BVB zu einer Grundsatzkritik nutzt.

Den Beweis, dass er noch zu Höchstleistungen fähig ist, lieferte Niko Kovac kurz vor der Halbzeit. Der Trainer des FC Bayern schraubte am Spielfeldrand seinen drahtigen Körper nach oben, weit nach oben und vereinte Eleganz und Dynamik. Dieser emotionale Ausbruch war ein Akt der Befreiung, zu vergleichen mit dem Gesamtauftritt der Mannschaft in diesem Gipfeltreffen in der Münchner Arena. „Man sieht“, sagte er später, „dass ich noch hochspringen kann.“ Der deutsche Rekordmeister auch, das 5:0 gegen den bisherigen Tabellenführer Borussia Dortmund war mehr als eine Machtdemonstration. Als „Statement“ bezeichnete Thomas Müller den Erfolg, mit dem die Routiniers des FC Bayern die Jungspunde aus Westfalen entzauberten.

Die Münchner Siegesfeier fand später auf der von Jerome Boateng organisierten Party in einem Club in der Innenstadt seine Fortsetzung. Die Sause hatte erst einmal nichts mit dem Gipfeltreffen zu tun, wobei es sich sehr viel launiger feiern ließ für den Rekordmeister nach dem 5:0-Sieg, und doch spielte sie vor und auch noch nach der Partie eine Rolle, sie war eine der „Nebensächlichkeiten“, über deren öffentliche Bedeutung Bayern-Trainer Niko Kovac klagte. Der Kroate, der bisher in München alle Probleme und die Tadel von außen weggelächelt hatte, schaltete ausgerechnet nach dem Sieg gegen den BVB in den Angriffsmodus. Es werde sich zu wenig mit dem Fußball beschäftigt, sagte der 47-Jährige, und die Trainer seien diejenigen, „die es abbekommen“.

Kovac und die Qualitätskriterien

Tatsächlich hat er es zuletzt wieder ein bisschen mehr abbekommen. Er darf sich deshalb als der große Gewinner des Abends fühlen. Kovac ist ein guter Trainer, aber der FC Bayern will eben einen sehr guten, und es hat in dieser Saison immer wieder einmal Zweifel gegeben, ob Kovac die hohen Qualitätskriterien erfüllen kann. Auch der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge konnte die Skepsis bei „Sky“ am Sonntag nicht ganz ausräumen. Ganz im Gegenteil. „Es gibt keine Jobgarantie beim FC Bayern – für Niemanden. Das ist auch gut so, jeder muss beim FC Bayern liefern“, erklärte der Boss, der sehr deutlich wurde: „Das ist das Prinzip bei Bayern München und mit diesem Druck muss auch jeder umgehen können. Und wer mit dem Druck nicht umgehen kann, ist bei uns im falschen Klub“, konstatierte der 63-Jährige in der Fußball-Talkshow.

Der Trainer hatte bis Samstagabend nicht unter Beweis gestellt, auch Gegner auf Augenhöhe besiegen zu können. Für das ermauerte 0:0 in Liverpool Ende Februar war Kovac zurecht gelobt worden, weil aber in der zweiten Champions-League-Partie gegen Jürgen Klopps Engländer Esprit, Mut der Mannschaft und vor allem eine klare Spielidee von Kovac fehlten, zählt der gute Auftritt an der Anfield Road nicht mehr viel. Nach dem beschwingten Sieg im Gipfeltreffen dürfte nun wieder der gute Eindruck überwiegen, für den Moment jedenfalls. Am Ende aber muss der von Eintracht Frankfurt verpflichtete Fußballlehrer wohl Meister und Pokalsieger werden, um seinen Job abzusichern.

Am Samstag profitierte Kovac von einer straffen Leistung des gesamten Teams, zuvorderst aber vom Galaauftritt von Stürmer Robert Lewandowski. Und wenn es stimmt, dass gegnerische Attacken die höchste Form der Anerkennung sind, weil viel Feind auch viel Ehr‘ bedeutet, dann hatte es gegen den BVB besonders gut getroffen. Der Schmerz, den er in der Schlussphase zweimal verspürte, muss richtig süß geschmeckt haben. Einmal riss ihn Thomas Delaney am Arm und wollte gar nicht mehr loslassen. Wenig später rückte auch Axel Witsel Lewandowski auf eine sehr körperliche Art zu Leibe. Am Ende scheiterte auch dieses Dortmunder Vorhaben.

BVB zerstört zurückgelassen

Das frühe 1:0 hätten die Gäste noch als schludriges Zweikampfverhalten nach einer Ecke abtun können, doch das 2:0 war ein Schauspiel für sich, das den BVB zerstört zurückließ. Instinktsicher fing er einen haarsträubenden Pass des jungen Verteidigers Zagadou ab, hob ihn über den Torwart hinweg und beförderte ihn per Seitfallzieher ins Netz.

Könnte man sich als Stürmer aussuchen, wie man ein Jubiläumstor erzielt, käme mit ein bisschen Fantasie genau so ein Produkt heraus. Das 2:0 war Lewandowskis 200. Bundesligatreffer, diese Marke haben vor ihm nur Gerd Müller, Klaus Fischer, Jupp Heynckes und Manfred Burgsmüller übertroffen. Nummer 201 kurz vor Schluss – ein schmuckloser Abstauber aus wenigen Metern – war dann das genaue Gegenteil dieser schillernden Zirkusnummer. „Das war kein typisches Tor“, sagte Lewandowski später über seinen ersten Streich, weil er diesmal keinen Angriffszug der Bayern veredelte, sondern den Ball selber listig eroberte und im Alleingang verarbeitete. In einem Bewerbungsvideo hätte dieses Spiel einen besonderen Platz verdient. Es zeigte den Angreifer in all seiner Vielfalt. So robust wie listig, schnell und doch in jedem Moment mit Übersicht, auf den Punkt konzentriert und dabei bienenfleißig. „Wie der Lewy heute gearbeitet hat, das war unglaublich“, schwärmte Thomas Müller.

Das mit den Bewerbungen ist immer so ein Thema für sich gewesen bei Robert Lewandowski. Als er sagte, er hätte „nie geglaubt, dass ich so viele Tore schieße in der Bundesliga“, wollte er damit vor allem seinen Stolz ausdrücken. Aber unfreiwillig klangen die Worte doppeldeutig. Es war schon auch immer sein Plan, dieser Liga irgendwann zu entwachsen und in eine noch größere zu entschwinden, zu einem noch ruhmreicheren Klub. Real Madrid, sein Sehnsuchtsverein, wird ihn aber wohl nicht mehr zu locken versuchen. Das hat auch Lewandowski inzwischen eingesehen.

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