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Schiedsrichter Eierkopp

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Von: Jan Christian Müller

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Macht es nicht immer leichter: Schiedsrichter Daniel Schlager sieht sich im Videobeweis eine Szene erneut an.
Macht es nicht immer leichter: Schiedsrichter Daniel Schlager sieht sich im Videobeweis eine Szene erneut an. © dpa

Die Schiedsrichter der Fußball-Bundesliga ziehen den Zorn auf sich. Dabei geben selbst ehemalige Referees längst zu, dass die Unparteiischen früher in der Regel schlechter waren.

Früher war manches besser. Wenn ein Schiedsrichter nach Ansicht der Stehplatztribüne Mist zusammenpfiff, wurde er alternativ mit „Schiedsrichter Eierkopp“ oder „Schiedsrichter Telefon, deine Alte wartet schon“ beschimpft. Hinterher gingen die Leute in die Eckkneipe, hoben zwei, drei Bierchen, bei Bedarf ebenso viele Korn obendrauf und radelten im Zick-Zack nach Hause zu Frau und Kindern. Weil strittige Szenen selten irgendwo zu sehen waren, schon gar nicht bei Sky, Youtube oder Twitter, weil Pay-TV und Internet noch nicht erfunden waren - wurden sie bald wieder vergessen.

Wenn ein Schiri besoffen zu früh zu Pause pfiff, war das Folklore. Man lachte drüber. Später kamen dann bessere Zeitlupen, die Rückpassregel und Morddrohungen. Bald folgte der Stammtisch „Doppelpass“ und die Super-Slomos - das Zeitalter des TV-Tribunals war eingeläutet. Zweidimensional wurde darüber gerichtet, was dreidimensional auf dem Platz und an der Pfeife vermeintlich schiefgelaufen war.

Tatsächlich geben selbst Ex-Referees längst zu, dass die Schiedsrichter früher in der Regel schlechter waren. Sie arbeiteten oft Fulltime, kassierten einen Hungerlohn fürs Pfeifen, konnten sich kaum intensiv vorbereiten, waren zu dick oder zu mager, hatten niemals Videoschulungen, kamen viel seltener zum Einsatz und selten für Schlagzeilen: Skandal-Schiri Robert Hoyzer, der Spiele für die Wettmafia verschob; der vor zehn Jahren verstorbene Schiri-Boss Manfred Amerell, der über eine Affäre mit einem aufstrebenden Referee stolperte; Babak Rafati mit seinem zum Glück gescheiterten Suizidversuch.

Im Zeitalter der Sozialen Netzwerke, der Auffächerung des Bezahlfernsehens, der multiplen Regeländerungen und der Anwendung des Videobeweises wurden die Schiedsrichter in eine Situation befördert, die sie nun allseits überfordert. Der kürzlich in der „Bild am Sonntag“ geäußerte Vorwurf der „Vetternwirtschaft“ verfolgt die Zunft seit jeher. Sie ist systemimmanent, weil in der relativ kleinen Szene jeder jeden kennt und Machtverhältnisse nicht - wie nach den branchenüblichen regelmäßigen Rauswürfen von Trainern - ständig neu aufgebrochen werden.

Seit Schiedsrichter sechsstelligen Summen im Jahr für ihre komplexe Arbeit kassieren, deren Höhe sich an den Einsätzen auf dem Feld und im Videokeller bemisst, ist der Raum für Neid und Missgunst unter den Alphatieren entsprechend größer geworden. Auch hier zeigt sich wie bei den Entscheidungen an der Pfeife oder in der Review-Zone vorm Bildschirm: Schiedsrichter sind doch auch nur Menschen. Sie sind, wie auch die ausnahmslos aus Ex-Unparteiischen zusammengesetzte Führung, fehlbar.

Mit Erfindung des Videobeweises hatten sie sich erhofft, dass diese Fehlbarkeit dank der Technik bis zur Unkenntlichkeit minimiert wird. In der öffentlichen Wahrnehmung ist das Gegenteil eingetreten. Ein Problem, für das es keine Lösung gibt. Denn Fehlentscheidungen werden seitdem umso ungnädiger seziert. Und niemand findet eine Linie, der um sich greifenden Unsicherheit Herr zu werden.

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