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Domenico Tedesco entschuldigt sich bei den Fans-

Kommentar Schalke 04

Schicht im Schacht

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Bei Schalke 04 ist der Bruch mit der Basis vollzogen. Ein Kommen

Die Kraft der Kurve ist im Fußball gewaltig. Zumindest dort, wo Tradition und Nostalgie, Vergangenheit und Gegenwart eine Symbiose bilden. Frankfurt, Hamburg und Stuttgart, Köln oder Dortmund sind solche Schauplätze, aber Gelsenkirchen ist noch mal anders. Weil das Band zu den Fans hier besonders stark ist. Wer sich einmal durch eine von vielen, vielen Nöten geplagte Stadt im Ruhrgebiet begeben hat, spürt schnell, dass die Bundesliga dort mehr als das moderne Profigeschäft abbildet. Wenn der Ball in dem königsblauen Tempel rollt, spielt die latente Sehnsucht mit, wenigstens auf dieser Bühne mit ansonsten ganz weit enteilten Großstädten im Land noch mithalten zu können.

Der harte Kern des Schalker Anhangs hat deshalb vor Saisonbeginn eine Allianz mit den Akteuren in kurzen Hosen geschmiedet: Die Fans durften in einem Akt voller Symbolik den Spielführern Kapitänsbinden mit dem Aufdruck Nordkurve in verschiedenen Designs überreichen. Die Ultras erklärten dazu, dass dieses Stück Stoff die Elf die komplette Saison über begleiten soll. Den Arm des Kapitäns schmücke die Binde bei „sicherlich schwierigen sportlichen Aufgaben in Europa“. Nun ist am Samstag genau diese bunte Binde wieder zurückgewandert: Dem nicht das erste Mal völlig überforderten Franzosen Benjamin Stambouli blieb gar nichts anderes übrig, als es zwei aufgebrachten Fanvertretern zurückzugeben.

Was sich bei der 0:3-Blamage in Mainz andeutete, ist nach dem 0:4-Desaster gegen Düsseldorf symbolisch vollzogen: der Bruch mit der Basis. Es war der größte Bannstrahl, der die Kickerkarikaturen in den königsblauen Trikots treffen konnte: nicht mehr der Zuneigung der Nordkurve wert zu sein. Was das für ein Gebilde wie den FC Schalke 04 bedeutet, kann sich jeder vorstellen. Wenn dieses Band mal endgültig reißt, ist Schicht im Schacht.

Keiner weiß um die Zusammenhänge besser als der tief mit der Schalke Seele verwurzelte Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. Der Unternehmer hat zwar einen neuen Sportvorstand gefunden, Jochen Schneider, aber dringender braucht Tönnies einen neuen Cheftrainer. Domenico Tedesco scheint kaum noch Zugang zu seinen Spielern zu finden – das hat der zweite Offenbarungseid binnen acht Tagen bewiesen.

Es ist dem 33-jährigen Fußballlehrer nicht gelungen, in seiner zweiten Saison seinen radikal pragmatischen Ansatz in die nächste Stufe zu überführen. Schalke hat – Vizemeisterschaft aus der Vorsaison hin oder her – unter seiner Anleitung die offensive Idee verraten und die defensive Stabilität verloren. Eigentlich wäre der seelenlose Trupp sofort ein Abstiegskandidat, wenn es nicht ein Schneckenrennen im Tabellenkeller gäbe.

Wer gegen Mainz und Düsseldorf komplett chancenlos ist, dessen Mannschaft hat aber nicht nur in der Ausrichtung oder Einstellung elementare Mängel. Dem Kader - von dem sich bereits aus dem Staub gemachten Christian Heidel zusammengestellt - fehlt es erkennbar an individueller Qualität. Dieser Fakt macht die Herausforderung für einen noch zu bestimmenden Tedesco-Nachfolger zur Herkulesaufgabe. Erst einmal geht es aber um den Rückhalt der Fans: Sonst verlöre der FC Schalke 04 aktuell alles, was den Verein noch von der Konkurrenz abhebt.

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