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Uli Hoeneß erfüllt seinen Job seit Verbüßung seiner Gefängnisstrafe mit einer selbstherrlichen Attitüde, bei der die populistische Attacke dazugehört.

Bayern München

Schelte für Hoeneß

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Uli Hoeneß hat bis heute nicht begriffen, dass die Zeit der Patriarchen vorüber ist. Ein Kommentar.

Eines ist gewiss: Johannes Bachmayr, eine völlig andere Generation als Uli Hoeneß, ist ein Platz in den Geschichtsbüchern des FC Bayern gewiss. Weil er am vergangenen Freitag der Erste war, der die Allmacht des Präsidenten und Aufsichtsratschefs auf einer Mitgliederversammlung in dieser Deutlichkeit infrage stellte. Aber irgendjemand musste ja mal aufstehen, wenn die unsägliche Verquickung zwischen kontrollierendem Organ und operativem Geschäft nicht nur dem Ansehen des größten deutschen Fußballvereins schadet, sondern auch seine Zukunftsfähigkeit gefährdet.

Hoeneß hat bis heute nicht begriffen, dass die Zeit der Patriarchen vorüber ist. Weshalb ihm zugerufen wurde: „Der FC Bayern ist keine One-Man-Show.“ Dem schmollenden Oberhaupt ist im Nachgang nichts eingefallen, um die Vorwürfe, zu denen auch der respektlose Umgang mit ehemaligen Spielern von Juan Bernat bis Paul Breitner gehört, argumentativ zu entkräften.

Hoeneß erfüllt seinen Job seit Verbüßung seiner Gefängnisstrafe mit einer selbstherrlichen Attitüde, bei der die populistische Attacke dazugehört. Logisch, dass ihn nun der Unmut der Basis traf. Dass sich unter die Kritik auch Spott mischte, hat Hoeneß zwar nicht verdient, aber der 66-Jährige wäre bei seiner Rückkehr viel besser beraten gewesen, sich allein noch als Repräsentant zu begreifen, der für seinen Herzensverein zuerst soziale und gesellschaftliche Vorzeigeprojekte anschiebt. Das aber war mit seinem Machtbewusstsein nicht zu vereinbaren. Das nicht zum Wohle des FC Bayern.

Denn die wahre Herkulesaufgabe wird in den nächsten Monaten nicht, die neun Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Dortmund einzuholen, sondern den deutschen Rekordmeister fit für die Zukunft zu machen. Die Zeiten sind vorbei, dass ein Zugriff aufs Festgeldkonto reichte, um an internationaler Schlagkraft zuzulegen. Die Summen, die einst die Weltstars Franck Ribery und Arjen Robben kosteten, reichen heute gerade mal für eine Kaderergänzung.

Ein kluges Scouting ist selbst für die Spitzenvereine der Premier League elementar geworden. Der Champions-League-Finalist FC Liverpool hat seinen Weltklassesturm mit Mohamed Salah, Sadio Mane und Robert Firmino vom AS Rom, FC Southampton und der TSG Hoffenheim rekrutiert. Borussia Dortmund hat sein Toptalent Jadon Sancho in den vergessenen Winkeln von Manchester City, den Torjäger Paco Alcacer auf der Ersatzbank des FC Barcelona gefunden.

Es gibt berechtigte Zweifel, dass Münchens Sportdirektor Hasan Salihamidzic für eine derartige Einkaufspolitik das richtige Netzwerk, das notwendige Gespür besitzt. Statt mit dem damals durchaus nicht abgeneigten Gladbacher Macher Max Eberl ist diese Schlüsselpersonalie mit einem blassen Berufsanfänger besetzt, was dem FC Bayern als Nächstes auf die Füße fallen könnte. Dann hilft es auch wenig, wenn Oliver Kahn 2021 den bis dahin wohl bei Karl-Heinz Rummenigge verorteten Vorsitz übernehmen sollte.

Die wichtigen Weichenstellungen müssen vorher erfolgen. Fatale Fehleinschätzungen wie im vergangenen Sommer kann sich der FC Bayern nicht noch einmal leisten. Johannes Bachmayr hat vielleicht deshalb allen Mut zusammengenommen, für eine Hoeneß-Schelte ans Rednerpult zu treten, weil er sich vor einem solchen Szenario fürchtet.

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