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Schauspiel und Schurkenstück

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Von: Frank Hellmann

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Unheilvoll: der damalige Fifa-Boss Blatter verkündet 2010 Katar als Ausrichter der WM 2022. imago images
Unheilvoll: der damalige Fifa-Boss Blatter verkündet 2010 Katar als Ausrichter der WM 2022. imago images © Ulmer/Imago

Wie die Fußball-Weltmeisterschaft vor zwölf Jahren überhaupt nach Katar gehen konnte und warum die Korruptionsvorwürfe trotz vieler Skandale bis heute nicht aufgeklärt sind.

Es waren mal wieder salbungsvolle Worte, die Fatma Samoura kürzlich per Videobotschaft verbreitete: Wenn die WM 2022 am Sonntag im Al-Bayt-Stadion in Doha zwischen Gastgeber Katar und Ecuador eröffnet werde, würden die Augen der ganzen Welt auf Katar gerichtet sein, versicherte die Generalsekretärin des Weltverbandes Fifa: „Es wird ein Monat voller Jubel und Feiern. Eine einmalige Gelegenheit für Fans aus der ganzen Welt, zur größten Show aller Zeiten zusammenzukommen.“ Die Senegalesin wiederholt damit genau dieselbe Botschaft, die der schon länger in der katarischen Glitzermetropole wohnende Präsident Gianni Infantino gebetsmühlenartig hinausposaunt. Der Schweizer Impresario schwadroniert mit Vorliebe von „the biggest show on earth“ (der größten Show der Welt). Aber vielleicht trifft die Beschreibung sogar zu?

Denn bei einer Fernsehshow – und das ist letztlich solch ein Fußballturnier – weiß auch kaum jemand, was wirklich hinter den Kulissen läuft. Als am 2. Dezember 2010 der Infantino-Vorgänger Sepp Blatter den Zettel aus dem Umschlag fingerte, auf dem in Versalien „Qatar“ stand, löste das politische, wirtschaftliche und sportliche Schockwellen aus. Wie konnte damals die mit Abstand schlechteste Bewerbung gewinnen? Ein Land so groß wie Schleswig-Holstein wollte in der Wüste in der Gluthitze solch ein Turnier ausrichten? In der ersten Wahlrunde hatte die Offerte von Australien – wo nun die Frauen-WM 2023 stattfindet – nur eine Stimme bekommen. Danach verabschiedeten sich nacheinander Japan und Südkorea – beide ja schon Ausrichter der gemeinsam veranstalteten WM 2002 – aus dem Bewerberkreis.

So blieben zur vierten Wahlrunde nur noch Katar und USA übrig. Das Wüstenemirat gewann die Abstimmung deutlich mit 14:8. Abgestimmt hatten in Zürich 22 teils schon sehr betagte Herren. Mehr als die Hälfte hatte hernach mit Korruptionsvorwürfen zu tun, einige sind inzwischen gestorben, nur zwei sind überhaupt noch im Fußball tätig. In der ARD-Dokumentation „WM der Schande“ hat WDR-Reporter Benjamin Best die Skandalgeschichte detailliert nacherzählt, die viel früher beginnt.

Nämlich im Dezember 2008, als das Fifa-Exekutivkomitee bei einer Sitzung in Tokio beschloss, gleichzeitig zwei Weltmeisterschaften zu vergeben. Für 2018 und 2022. Die Gründe für eine Doppelvergabe – ein Nährboden für dubiose Deals – liegen im Dunklen. Erste Korruptionsvorwürfe tauchten auf: Aus dem Fifa-Exekutivkomitee zeigten sich Amos Amadu (Nigeria) und Reynald Temarii (Tahiti) empfänglich, gegen hohe Geldsummen ihre Stimmen den USA zu geben – dummerweise kam die Offerte von Reportern der „Sunday Times.“ Der Imageschaden war beträchtlich, Suspendierungen unvermeidlich.

Drei Tage vor der WM-Vergabe passierte der nächste Skandal: Mit Ricardo Texeira (Brasilien), Nicolas Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) hatten weitere einflussreiche Fifa-Exekutivmitglieder früher Schmiergelder für TV-Vermarktungsrechte kassiert. Mittendrin gab der katarische Strippenzieher Mohamed bin Hamman – über den auch die ominösen Zahlungsflüsse für die WM 2006 in Deutschland liefen – vor der Kamera zu, dass gegenseitige Absprache für Stimmenzusagen an der Tagesordnung seien.

Katar, zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der tragenden geopolitischen und wirtschaftlichen Rolle wie heute, hatte in der Herrscherfamilie seine ranghöchsten Repräsentanten eingespannt. Bereit jeden Preis zu zahlen, um mit einer Fülle von sportlichen Großveranstaltungen bis 2030 eine strategische Machtposition zu erreichen, die dem Land, umgeben von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Sicherheit bietet.

Eine Fußball-Weltmeisterschaft, die tatsächlich Menschen aus allen Länder, Kulturen und Religionen verbindet, war als die Leuchtturmveranstaltung auserkoren. Die Mittel sind vorhanden: Das Land, nur knapp halb so groß wie Hessen, liegt auf den drittgrößten Erdgasreserven der Erde.

Als Katar den Zuschlag bekam, rief Blatter aus: „2022 gehen wir in die arabische Welt, die auch ein Anrecht auf die WM hat. Das ist Neuland, und das passt genau in die Entwicklungsarbeit des jetzigen Präsidenten.“ Kurz vor der WM 2014 sollte der Fifa-Boss im Schweizer Fernsehen erstmals zugeben, dass der Zuschlag für eine Wüsten-WM, die wegen der klimatischen Bedingungen erst noch in den Winter verlegt werden musste, ein Fehler war. Zudem hatten sich Indizien für eine unlautere Vergabe rasend schnell verdichtet.

Die Fifa setzte deshalb im Oktober 2011 eine eigene Ethikkommission ein, doch als Chefermittler Michael Garcia im September 2014 eine Veröffentlichung seines 430-seitigen Untersuchungsbericht vorlegen wollte, bremste ihn sein Auftraggeber aus. Zwei Monate später trat der frühere US-Staatsanwalt entnervt zurück. Dafür traten Ermittler aus der Schweiz und den USA im Mai 2015 auf den Plan, als sie im Zürcher Hotel Baur au Lac sieben hochrangige Fifa-Funktionäre festnahmen.

Der Zugriff hatte zwar mit Katar nichts zu tun, aber es ging erneut um Bestechung, Korruption, Intransparenz. Wenig später entstand bei einer Fifa-Pressekonferenz zu Blatters Wiederwahl das legendäre Bild mit fliegenden Dollar-Noten. Ende desselben Jahres sollte die von 1998 bis 2016 reichende Ära Blatter wegen Amtsmissbrauch und Untreue enden. Das von ihm beförderte Korruptionsnetzwerk wirkte einzigartig.

Handfeste Beweise für eine im großen Stil gekaufte WM, die eine Neuvergabe hätten einleiten können, fehlen bis heute. Was sicher ist, dass die Machenschaften bis in höchste Kreise reichten. Frankreich, Paris und die Politik spielten für das Emirat zur Legitimation in Europa eine Schlüsselrolle: 2013 behauptete das Magazin „France Football“ erstmals, dass der – später mit Blatter gestürzte – Uefa-Präsident Michel Platini seine Stimme auf Drängen des damaligen französischen Staatschefs Nicolas Sarkozy an Katar gegeben habe. Sarkozy speiste wenige Tage vor der WM-Vergabe im Élysée-Palast mit dem Emir von Katar, Scheich Hamad Al Thani, und der Klubführung von Paris Saint-Germain.

Aus diesem Dinner Ende November 2010 entstand ein folgenreicher Deal: die Unterstützung für PSG durch einen katarischen Staatsfond. Der Pariser Prinzenpark ist heute die millionenschwere Spielwiese für Weltstars wie Lionel Messi, Kylian Mbappé und Neymar – und Paris St. Germain ist bald wieder Gegner des FC Bayern in der Champions League. PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi hat inzwischen großen Einfluss auf den europäischen Klubfußball. Seine Person hat das Sportswashing perfektioniert – alle Anschuldigungen sind vom smarten Tausendsassa aus Katar abgeperlt wie Starkregen von einer Öljacke. Und so öffnet sich bald der Vorhang in seiner Heimat für das wichtigste Fußballturnier der Welt. Für ein Schauspiel, das einem Schurkenstück gleicht.

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