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Homophobie im Fußball

Schatten auf dem Regenbogen

Bei ihrem Kampf um Akzeptanz im Sport erhalten Homosexuelle wenig Unterstützung von Politik und Verbänden.

Von Ronny Blaschke

Ein Straßencafé im Osten von Paris. Auf dem Tisch vor Jacques Lizé liegt ein Hochglanzmagazin. Auf der Titelseite umarmen sich unbekannte Fußballer, die Schlagzeile: „Respekt“. Jacques Lizé ist ein Mann von kräftiger Statur. Er lächelt ein wenig gequält, wenn er an die Toleranzkampagnen des Europäischen Verbandes Uefa denkt: An die Spots mit lächelnden Gesichtern, an die Stadionbanden und an die Statements der Mannschaftskapitäne, die meist vor den Halbfinalspielen wichtiger Wettbewerbe vorgelesen werden. Meist ohne ein Funken Leidenschaft.

„Die Uefa hat eine Schweigeminute für Orlando abgelehnt“, sagt Jacques Lizé. „Wir hätten gern der Opfer gedacht, und das Turnier hätte eine gute Gelegenheit geboten.“ Fünfzig Menschen wurden Mitte Juni in einem Schwulen- und Lesbenclub in Florida ermordet. „Das ist ein besonders trauriges und tragisches Beispiel von Homophobie, aber auch bei uns in Frankreich hat Homophobie Tradition. Nur wollen das viele nicht wahrhaben.“

Jacques Lizé engagierte sich über viele Jahre in Workshops für „Paris Foot Gay“, dem bekanntesten der schwullesbischen Sportvereine, die man in Frankreich an einer Hand abzählen kann. Der 58-Jährige schildert widersprüchliche Erfahrungen: Einerseits wollten auch viele Heterosexuelle für den Klub spielen, um – so vermutet Lizé – ihre Weltoffenheit auszudrücken. Andererseits wurde der Verein oft angefeindet. Einmal lehnte eine muslimisch geprägte Mannschaft ein Pflichtspiel ab. Dass Paris Foot Gay zeitweise selbst einen muslimischen Vorsitzenden hatte, war der Mannschaft egal. Im vergangenen Herbst gab die Vereinsführung ernüchtert auf, sagt Lizé: „Wir wollen mit Bildungsarbeit gegen die Hassgesänge angehen. Der Fußballverband und das Sportministerium haben uns viele Versprechungen gemacht. Aber nichts ist passiert.“

In Deutschland gibt es mehr als zwanzig schwullesbische Fanclubs. Kanzlerin Angela Merkel hat sich positiv zum Coming-out von Thomas Hitzlsperger geäußert, der Deutsche Fußball-Bund hat ein Forum gegen Homophobie organisiert und eine Broschüre herausgegeben. „In Frankreich ist das noch ausgeschlossen“, sagt Jacques Lizé. „Auch bei uns gibt es schwule Profis. Vielleicht outen sie sich irgendwann, aber höchstens lange nach ihrem Karriereende.“

Doch Lizé und etliche Mitstreiter wollen sich damit nicht zufrieden geben, sie stellen sich mit Bildungsarbeit dagegen. Zum Beispiel am vergangenen Sonntagmorgen: Zwanzig Spielerinnen und Spieler bestreiten ein Freundschaftsspiel für die Sensibilisierung gegen Homophobie. Es ist eine von mehreren Veranstaltungen des so genannten „Pride House“ in den EM-Austragungsorten. Dazu gehören Podiumsgespräche und eine Ausstellung. Ins Stadion sind nur wenige Zuschauer und Journalisten gekommen, der Vertreter der Uefa ist nach seinem Grußwort schnell wieder weg.

Am Mittelkreis bindet Bertrand Lambert seine Schuhe fest zu, er ist Präsident der „Panamboyz United“. Der schwullesbische Verein hat in den vergangenen Jahren Schnürsenkel in Regenbogenfarben verteilt, einige Profis haben diese sogar getragen. Für diese Kampagne wurden Lambert und sein Team ausgezeichnet. „Doch dann gibt es wieder Rückschläge“, wirft er ein. „Neulich, kurz nach dem Anschlag in Orlando, wollte ein Fan mit einer Regenbogenflagge ins Stade de France. Das wurde als politische Aussage abgelehnt. Es gibt noch immer eine Wand zwischen dem, was wir wollen und der Wirklichkeit.“

Die Akzeptanz gegenüber Lesben und Schwulen wächst nicht linear. Nach öffentlich beklatschten Coming-outs gab es Rückschritte, davon können Politiker wie Klaus Wowereit oder Schauspieler wie Hape Kerkeling berichten. In Frankreich hat die ehemalige Tennisspielerin Amélie Mauresmo gesagt, dass sie es sich heute genau überlegen würde, ob sie öffentlich noch einmal über ihre Homosexualität sprechen würde.

„Was lange unter der Oberfläche blieb, ist nun offensichtlich: Der Druck auf Schwule und Lesben ist wieder gestiegen“, sagt Cyril Millet, einer der Organisatoren des „Pride House“. Vor drei Jahren wurde die Ehe in Frankreich auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. An einigen Tagen haben in Paris mehr als eine Million Menschen dagegen demonstriert, es kam zu massiver Gewalt. Millet: „Die Attacken auf Schwule haben sich seitdem verdoppelt.“ Cyril Millet, Bertrand Lambert und Jacques Lizé möchten während der EM auf diese Entwicklung hinweisen. Glaubhafte Unterstützung erhalten sie dabei kaum, weder von der Politik noch von den Fußballverbänden. Sieht man von den Hochglanzkampagnen einmal ab.

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