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Griff an den Hals. Niklas Moisander (links) attackiert den Dortmunder Giovanni Reyna.

Rote Karte unberechtigt

Schalke-Trainer David Wagner vor Freispruch

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Der Chefcoach kann nach dem überraschenden Platzverweis beim 3:2-Sieg gegen Hertha BSC auf DFB-Sportgericht hoffen.

Beim Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes ist am Mittwochmittag bereits der Sonderbericht des Schiedsrichters Harm Osmers zu der aufregenden Begegnung vom Vorabend eingegangen. Osmers hatte zwei Vorfälle aus einer Pokalpartie zu vermelden: Beim dramatischen 3:2-Sieg des FC Schalke 04 nach Verlängerung gegen Hertha BSC war es von den Rängen zu rassistisch motivierten Beleidigungen gegen den in Chemnitz geborenen deutschen U20-Nationalspieler mit nigerianischen Wurzeln, Jordan Torunarigha, gekommen (siehe nebenstehenden Bericht).

Im weiteren Verlauf rutschte der Berliner Defensivspieler nach einem Zweikampf an der Außenlinie in den in der Coachingzone befindlichen Schalker Trainer David Wagner hinein. Dieser half dem Hertha-Profi auf, hatte dabei eine Hand am Rücken des gegnerischen Spielers, eine im Nacken. Der Schiedsrichter wertete das als Tätlichkeit und schickte Wagner mit Rot auf die Tribüne. Der des Innenraums verwiesene 48-Jährige sagte nach dem Sieg: „Um ehrlich zu sein, sieht es in der Zeitlupe dämlich aus. Aber das war weniger als nichts. Meine Hand war auf seinem Hals, ja. Ich versuche aber mehr, dass alle die Balance halten.“

Gehört die Hand dahin? Schalkes Trainer David Wagner (links) und Jordan Torunarigha.  

Wagner, der nun vom Sportgericht zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert wird, kann auf einen Freispruch hoffen. Ohnehin würde eine mögliche Sperre nur für den DFB-Pokal gelten. Doch soweit wird es eher nicht kommen. Denn sowohl der als Kontrollausschussvorsitzender in der Funktion eines Fußball-Staatsanwalts befindliche Anton Nachreiner als auch der Vorsitzende Richter des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, beurteilen die Szene ähnlich wie Wagner selbst: „Nach Ansicht der Fernsehbilder hatte man den Eindruck, dass Wagner dem Spieler eher aufhelfen und nicht, dass er ihn in die Mangel nehmen wollte“, sagte Nachreiner bei Sport 1. Lorenz bestätigte diese Sicht der Dinge auf Anfrage der Frankfurter Rundschau: „So ähnlich sehe ich das auch.“ Klingt verdächtig danach, als würde das Verfahren gegen den Schalker Fußballlehrer wegen einer „offensichtlichen Fehlentscheidung des Schiedsrichters“ eingestellt.

Genau das hatte zuvor auch Lutz Hangarter gefordert. Der Präsident des Bundes Deutscher Fußballlehrer bezeichnete Wagners Tribünenverweis laut Sport 1 als „peinliche Fehlentscheidung“ und forderte: „Wagner muss freigesprochen werden.“ Eine Sperre wäre „ein fatales Zeichen“. Wagner selbst ergänzte tags darauf: „Je länger ich darüber nachdenke, desto sprachloser werde ich. Ich kann es einfach nicht fassen, wie man mein Verhalten dermaßen fehlinterpretieren kann.“

Eindeutiger scheint die Sachlage im Fall der im Schiedsrichterbericht von Harm Osmers ebenfalls erwähnten Rassismus-Ausfälle mutmaßlicher braun-königsblauer Fans. Der gastgebende FC Schalke 04 muss mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ (Sportrichter Lorenz) mit einer Geldstrafe rechnen.

Auch die ereignisreiche Pokalnacht in Bremen war beim 3:2-Sieg des SV Werder Bremen gegen Borussia Dortmund von Aggressionen begleitet, die sich indes nicht auf der Tribüne oder in der Coachingzone abspielten, sondern im Strafraum der Bremer. Dabei beließ es Schiedsrichter Guido Winkmann in der Schlussphase nach Ansicht der Videobilder in der Review Arena großmütig bei einer Gelben Karte für den zuvor gegen den Dortmunder Giovanni Reyna handgreiflich gewordenen Werder-Kapitän Niklas Moisander. Dieser hatte sich bemüßigt gefühlt, den 17-jährigen Reyna für dessen Flugeinlage zum Zwecke eines Elfmeterschindens persönlich zu bestrafen. Eine Angelegenheit, die eigentlich Sache des Schiedsrichters ist, zumal Moisander dem BVB-Talent dabei an die Gurgel ging.

Mats Hummels verärgert

Da es allerdings nur ein Greifen und Schubsen und kein Schlagen war, kam Moisander um Rot gerade noch herum - zum Unverständnis etlicher BVB-Fans in den Sozialen Netzwerken und des Abwehrspielers Mats Hummels: „Das ist Rot und Elfmeter. Ich weiß nicht, wie man zu einer anderen Entscheidung kommen kann. Es gibt Szenen, da gibt es keine zwei Meinungen. Das ist eine Tätlichkeit.“ BVB-Teamkollege Julian Brandt, der gebürtige Bremer, interpretierte die Situation vor der Sky-Kamera womöglich aus landsmannschaftlicher Verbundenheit ein wenig Werder-freundlicher: „Es ist halt ein Gerangel. Ein richtiger Schlag ins Gesicht war es ja auch nicht.“

Immerhin war der Finne Moisander hinterher einsichtig, es übertrieben zu haben: „Ich habe ein bisschen zu emotional reagiert. In der Situation war es ein bisschen zu viel, das gebe ich zu. Aber er sei halt „nicht einverstanden damit gewesen, dass er versucht hatte, einen Elfmeter zu bekommen“. Trainer Florian Kohfeldt interpretierte die Szene mit einem Höchstmaß an Diplomatie: Er könne es durchaus verstehen, dass die Situation aus Dortmunder Sicht auch anders bewertet werden könnte. Und er rügte seinen Kapitän, ohne diesen bloßzustellen: „Das muss er cleverer lösen. Das bringt uns in Gefahr, das ist nicht gut.“ Der Sieg tat den gebeutelten Bremern umso besser.

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