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Muss sich Einiges anhören dieser Tage: Schalke-Trainer Domenico Tedesco.

Bundesliga

Schalke und der tote Ball

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Die Königsblauen erschrecken mit gruseligem Defensivfußball ? Trainer Tedesco jedoch verweist auf seinen Plan.

Dietmar Hamann war außer sich. Der Mann, 45 Jahre alt und weit gereist, hat einiges gesehen in seiner Karriere als Fußballspieler und Fußballexperte, Gutes wie Schlechtes, aber bitte: 56 Prozent. 56 Prozent! Kaum zu fassen, die Passquote des FC Schalke 04 im Auswärtsspiel bei RB Leipzig (0:0) am vergangenen Sonntag, für Hamann jedenfalls. „Das ist unterirdisch“, zürnte der Fachmann des Bezahlsenders Sky, und für all jene in der Bergbauregion Gelsenkirchen, für die „unterirdisch“ ein positives Adjektiv ist, präzisierte Hamann unmissverständlich: „Blamabel ist das, jeden zweiten Ball zum Gegner zu spielen. Das hat nichts mit Fußball zu tun.“ Die volle Breitseite, live und in Farbe im Fernsehen. 

Schalke steht still. Seit 307 Minuten hat die Mannschaft des 33-jährigen Trainers Domenico Tedesco kein eigenes Tor mehr erzielt, das sind mehr als fünf Stunden, wie der Boulevard überschriftenfreundlich ausrechnete. Mit gerade einmal fünf Treffern stellen die Königsblauen gemeinsam mit Mainz 05 die schwächste Offensive der Bundesliga, Tedescos unattraktiver Defensivfußball trägt morbide Züge. „Also wenn das unser Anspruch ist, können wir den Laden zusperren“, hat Dietmar Hamann nach dem Schalke-Spiel in Leipzig gesagt. Und wie klang es, als sich der gute und alte und wortgewaltige Ewald Lienen über Tedesco ausließ, obwohl er ihn „ja mag“? „Der macht es wie Mourinho und stellt 18 Mann vor den Strafraum. Das ist der Tod des Fußballs.“ 

Gruseliges Gebolze

Lienens Aussage, für die er sich entschuldigte, stammt übrigens aus dem Juli, die neue Bundesliga-Saison hatte noch gar nicht begonnen. Schalke war Vizemeister und der Fehlstart in die Liga noch gar nicht passiert, aber schon damals hatte Tedescos Fußball mit Fußball nichts zu tun für die Lienens und Hamanns da draußen. Der Erfolg gab den Schalkern recht, aber jetzt ist er halt verschwunden, der Erfolg, und übrig bleiben Auftritte, die höchstens zu Halloween eine gewisse Sinnhaftigkeit aufweisen: als gruseliges Gebolze. 

Der gelernte Kaufmann Christian Heidel ist derweil schwer bemüht, die Dinge so teuer wie möglich zu verkaufen. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um da hinten Schritt für Schritt rauszukommen“, sagte der Sportvorstand zwar nach dem Nullnull in Leipzig, mit sieben Punkten rangieren die Schalker auf Platz 15 der Tabelle. Heidel fand aber auch: „Wir haben von den vergangenen fünf Spielen vier nicht verloren. Wenn man einen Trend erkennt, ist er eher positiv als negativ.“ Defensivmann Benjamin Stambouli verwies darauf, „dass jeder Spieler kämpft und verteidigt. Das ist unsere Qualität.“ 

Abwesenheit jeglicher Spielfreude

Die sogenannten Grundtugenden des Fußballs werden den Zuschauern gerade als Spielidee verkauft von den Schalkern, und damit stoßen sie in Abwesenheit jeglicher Spielfreude auch bei den eigenen Anhängern langsam auf Unverständnis. Bei den Gegnern sowieso. „Die Art und Weise, wie Schalke gespielt hat, war für einen Champions-League-Teilnehmer ungewöhnlich“, fand der Leipziger Trainer Ralf Rangnick. Er sage das „so wertfrei, wie ich nur kann“, was ihm ein paar Sätze später dann nicht mehr so gut gelang: „Es kam ein langer Ball nach dem anderen geflogen. Was willst du da machen? Die mit dem Luftgewehr herunterschießen, dass der Ball irgendwann mal tot herunterfällt? Das finde ich schon bei Wildgänsen nicht gut. Und im Fußball macht das wenig Sinn.“ 

Tedesco selbst verteidigte die königsblaue Minusleistung in Sachsen, indem er auf den Plan dahinter verwies. 56 Prozent? „Die Zahlen spiegeln nicht das wider, was wir vorhatten“, sagte der Fußballlehrer: „Wenn wir auf den zweiten Ball gehen und den ersten Ball absichtlich auf den Gegner spielen, ist es klar, dass die Quote nach unten geht.“ So betrachtet ist die S04-Strategie in Leipzig natürlich sehr gut aufgegangen, 44 Prozent gelungene Fehlpässe – ein ausgezeichneter Wert. 

Zum Handeln gezwungen 

„Wir hatten einen guten Plan, den Matchplan haben wir gut umgesetzt“, hat Tedesco außerdem noch behauptet, aber er wird es in Zukunft schwerer haben, den Mangel als Mehrwert zu veräußern, den langen Ball als kürzesten Weg zum Torerfolg. In Leipzig trafen die Schalker auf einen Gegner, der die Kugel gerne hat, so konnten sie sich genüsslich auf die Verteidigung konzentrieren (32 Prozent Ballbesitz). Nun warten Gegner, die selbst lieber reagieren als agieren, ihr Heil im Konterfußball suchen. Zunächst steht am Mittwoch die Zweitrundenpartie im DFB-Pokal beim 1. FC Köln an (18.30 Uhr), und am Samstag kommt der Bundesliga-16. Hannover 96 in die Schalker Arena. Tedescos Team wird sich gezwungen sehen, das Spiel selbst zu gestalten.

„Wir haben schon bewiesen, dass wir es besser können“, sagte Heidel: „Der Plan ist schon, diese Woche erfolgreich zu gestalten.“ Die Hoffnung ist, dass die alte Effizienz zurückkehrt und die Stürmer Breel Embolo und Guido Burgstaller (jeweils ein Treffer) und Mark Uth (kein Treffer) das Ding mit dem Toreschießen schnell wieder hinkriegen. Sonst droht den Knappen eine gespenstischer Herbst, auch über Halloween hinaus. Didi Hamann lauert schon. (mit sid)

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