Clemens Tönnies tritt bei Schalke 04 von allen Ämtern zürück
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Nicht ganz freiwilliger Rücktritt: Clemens Tönnies

Kommentar zum Rücktritt bei Schalke 04

Rücktritt von Clemens Tönnies: Schalker Chance

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Der Rücktritt des Vereinspatrons beim sportlich, finanziell und ideell darbenden FC Schalke 04 war alternativlos, aber er reißt auch eine Lücke. Der Kommentar.

In den Jahren 2001 bis 2018 galt der Schalker Aufsichtsratschef Clemens Tönnies stets als Teil der Lösung für den notorisch klammen Klub. Denn der Potentat holte reichlich Kohle ran, mal als Sponsorendeal mit Kumpel Wladimir und dessen reichhaltiger Ölreserven aus Russland, mal gut verzinst aus der eigenen Portokasse des familieneigenen Schweine- und Rinder-Schlachtimperiums. Seitdem ist aus der Lösung ein Problem für einen am Rande des Ruins operierenden Fußballverein geworden. 2019 haben unsägliche öffentliche Aussagen, deren rassistischer Claim sich auch im Nachgang nicht leugnen ließ, den Vereinspatron schon unmöglich gemacht. Seine Allmacht war jedoch groß genug, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Ein dem großen Meister höriger Ehrenrat knickte schnell ein.

Nun, nachdem das Image des Vollblut-Unternehmers gewissermaßen auf der Schlachtbank liegt, ist Tönnies zu einer Belastung für den sportlich, finanziell und ideell aus den Fugen geratenen Traditionsverein geworden, die sich nicht mehr tolerieren ließ. Sein Rücktritt war alternativlos. Die Verantwortung für seinen aus Ostwestfalen gesteuerten, internationalen Metzgerbetrieb und sein bevorzugtes, zur regionalen Größe verzwergtes Hobby, den Fußballklub in Gelsenkirchen, ließen sich nicht mehr voneinander trennen. Zu groß ist das öffentliche Empörungsecho auf den Coronaausbruch in seiner Schlachterei und die dort vorherrschenden Lebens- und Leidenswege von Mensch und Tier.

Einen Nachfolger für den chronisch auch in sportlichen Fragen zur Selbstüberschätzung neigenden Milliardär hat Schalke 04 fix gefunden: den Rechtsanwalt Jens Buchta, der seinem vormaligen Vorsitzenden noch ein paar warme Worte schenkte. Der sei „immer wieder der Motor“ gewesen, „der wegweisende Prozesse angestoßen und federführend begleitet“ habe. Ein entlarvender Satz, der zeigt, dass Clemens Tönnies seine Rolle als Aufsicht und Rat heillos überinterpretierte und in Wahrheit ein weit ins operative Tagesgeschäft hinein tätiger Klubchef war. Entsprechend groß ist nun die Lücke, die sein Abgang reißt. Entsprechend groß ist aber auch die Chance, dass dieser einst so stolze Malocherklub den Menschen dort wieder mehr Verbindendes als Trennendes vorlebt.

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