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Stürmer mit Startelf-Potenzial: Neuzugang Ermedin Demirovic (re.) während eines Testspiels.

Bundesliga-Tipptabelle (16)

Schwarzwälder Scheinzwerge

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Wie so oft frisst beim SC Freiburg der Erfolg seine Kinder, doch dank sauberer Vorarbeit lässt sich der Umbruch an der Dreisam diesmal gut steuern.

Der SC Freiburg hat eine starke Bundesliga-Saison hinter sich, durchgehend stand er auf einem einstelligen Tabellenplatz (am Ende: Achter). Das haben die Südbadener noch nie geschafft. Die Saison, die der SC Freiburg nun vor sich hat, verläuft vermutlich nicht ganz so entspannt. Die Gründe dafür sind nicht neu.

Wie ist die Stimmung?

Ziemlich schlecht. Aber eigentlich ganz gut! Es ist ja einerseits so, dass mehrere Stammspieler den SC verlassen haben, dass das neue Stadion nicht wie geplant zu Saisonbeginn fertig wird und dass die neuen Trikots irgendwie komisch aussehen, das Auswärtstrikot zum Beispiel wie ein Anzug, den der Leipziger Trainer Julian Nagelsmann tragen würde, was nicht für Freiburgs Trikot spricht und erst recht nicht für die Anzüge von Julian Nagelsmann. Andererseits: An der Dreisam kennt man derartige Probleme, weiß mit ihnen umzugehen. Talente kommen, als Stammspieler gehen sie wieder, irgendwann, so ist das in diesem Verein, und außerdem gab’s vor ein paar Jahren mal ein Trikot, das aussah, als hätte sich der Schwarzwald im LSD-Rausch übergeben. Also: Alles vielleicht gar nicht so schlimm diesmal.

Wie stark ist der Kader?

Verluste gibt es an allen Ecken und Enden. Torwart Alexander Schwolow ist zu Hertha BSC gegangen, Defensivstratege Robin Koch zu Leeds United, Angreifer Luca Waldschmidt nach Lissabon, zu Benfica, und Mittelfeldmann Janik Haberer ist offiziell zwar noch Spieler des SC Freiburg, will aber unbedingt woanders hin, und zwar sofort. Doch die Sportliche Leitung der Freiburger, im Kern die Sportdirektoren Jochen Saier, Klemens Hartenbach und natürlich Trainer Christian Streich, hat gewusst, dass es mal wieder so kommen könnte. Man ist vorbereitet, für viele Probleme scheint die Lösung bereits vorzuliegen. Im Tor hat Mark Flekken schon in der abgelaufenen Saison gezeigt, dass er Schwolow unfallfrei ersetzen kann. Verteidiger Keven Schlotterbeck ist als gestandener Bundesligaprofi von seinem Leihjahr bei Union Berlin zurückgekehrt. Im zentralen Mittelfeld soll der junge Niederländer Guus Til (ausgeliehen von Spartak Moskau) künftig das Spiel gestalten. Im Angriff hat Neuzugang Ermedin Demirovic (kam vom FC Malaga) sofortiges Startelf-Potenzial. Und auf einen schlecht gelaunten Haberer haben die Freiburger ohnehin keine große Lust. Die üppigen Transfererlöse (33 Millionen Euro) würden zudem noch eine etwas kostenintensivere Neuverpflichtung ermöglichen.

Worauf steht der Trainer?

Auf Testspiele, aus denen er wichtige Erkenntnisse ziehen kann. Und deshalb war Christian Streich neulich etwas stinkig. „Wir mussten jetzt vernehmen, dass der FC Basel – obwohl sie wussten, dass sie Länderspielabstellungen haben – das Spiel abgesagt hat. Was für uns natürlich ganz, ganz schlecht ist, eine Woche vor dem Pokalspiel. Aber man muss es akzeptieren, obwohl es schwer ist zu akzeptieren“, sagte der 55-Jährige, der sich ja sowieso dauernd Sorgen machen muss um seine kleinen Freiburger.

Zu- und Abgänge

Zugänge: Guus Til (Spartak Moskau, Leihe), Ermedin Demirovic (Deportivo Alaves), Mohamed Dräger (SC Paderborn 07, Leihe beendet), Constantin Frommann (Sonnenhof Großaspach, Leihe beendet), Keven Schlotterbeck (Union Berlin, Leihe beendet), Marco Terrazzino (Dynamo Dresden, Leihe beendet), Jeong Woo-yeong (Bayern München II, Leihe beendet), Benjamin Uphoff (Karlsruher SC).

Abgänge: Brandon Borrello (Fortuna Düsseldorf, Leihe), Robin Koch (Leeds United), Luca Waldschmidt (Benfica Lissabon), Christoph Daferner (Dynamo Dresden), Alexander Schwolow (Hertha BSC), Nico Schlotterbeck (Union Berlin, Leihe), Chima Okoroji (SC Paderborn, Leihe), Mike Frantz (Hannover 96), Pascal Stenzel (VfB Stuttgart, nach Leihe fest verpflichtet), Jerome Gondorf (Karlsruher SC, nach Leihe fest verpflichtet), Yoric Ravet (Grenoble Foot 38).

Wo hapert’s noch?

Bedarf besteht trotz der Verpflichtung des offensiv denkenden Guus Til am ehesten im zentralen Mittelfeld. Auf Talent Yannik Keitel, seit Neuestem U-21-Nationalspieler, hält man beim Sport-Club zwar große Stücke, was man schon daran erkennt, dass der 20-Jährige zu Startelfeinsätzen in Dortmund und in München kam und dabei vielversprechende Leistungen zeigte. Doch zur Sicherheit will der Sport-Club auf der Sechserposition noch einmal zusätzlich Qualität in den Kader bringen – immer vorausgesetzt, beim notorisch wechselwilligen Janik Haberer findet nicht doch noch ein überraschender Sinneswandel statt.

Wer sticht heraus?

Niemand. Auf Heldenfußball und Starkult reagiert man beim Sport-Club traditionell allergisch, der Kollektivgedanke, auf dem Platz und daneben, steht im Vordergrund. Die Rückennummer Zehn zum Beispiel, Inbegriff der Extravaganz im Fußball, wurde seit acht Jahren nicht mehr vergeben.

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Bundesliga-Tipptabelle

Die Geister der Corona-Krise haben auch die Freiburger erschreckt, aber der Klub ist finanziell stabil, muss um keine Landesbürgschaft bitten wie manch anderer Bundesligist und hat seine Mitarbeiter auch nicht in Kurzarbeit geschickt. Das neue Stadion am Flugplatz ist durchfinanziert und soll, mit einer halben Saison Verspätung, zur Rückrunde bezogen werden. Das Eigenkapital beträgt um die 80 Millionen Euro, in den Spielzeiten 2017/18 und 2018/19 konnte ein Gewinn von 18 Millionen Euro erwirtschaftet werden, und mit mehr als 50 Millionen Euro liegt der SC bei den TV-Gelderlösen in er nächsten Saison im Mittelfeld der Bundesliga. So klein sind die kleinen Freiburger nämlich gar nicht mehr.

Was ist drin?

Alles und nichts, wie immer halt. Trotz gewichtiger Abgänge sollten die Breisgauer gut genug aufgestellt sein, um dem Abstieg zu entgehen (und nur darum geht es). Abrutscher, nach oben wie nach unten, sind aber jederzeit möglich.

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