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Von den Franzosen kaum zu halten und oft allein auf weiter Flur: Leroy Sané, Tempospieler.

DFB-Team

Sané und Gnabry auf der Überholspur

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Leroy Sané und Serge Gnabry haben alle Anlagen, einen Thomas Müller zu verdrängen.

Dass es sich bei Leroy Sané und Serge Gnabry um zwei schwer zu greifende Zeitgenossen handelt, davon hatte sich bereits das Auditorium im Stade de France überzeugt. Mitunter ging ein Raunen durch das Nationalstadion im Pariser Stadtteil Saint Denis, wenn sich einer der beiden wie ein Hochgeschwindigkeitszug per Vollsprint in die französische Hälfte aufmachte. Nur übertroffen vom Geräuschpegel, wenn auf der anderen Seite Kylian Mbappé, diese Wunderwaffe des Weltfußballs, antrat. Zeitweise wirkte es so, als würden sich dies- und jenseits der Mittelfeldlinie ein ICE und TGV einen Wettstreit um die größere Endgeschwindigkeit liefern. 

Schneller als die Polizei erlaubt

Den Protagonisten sind die schnellen Beine angeboren – schon in Jugendzeiten konnten sie einfach Kraft ihrer Beschleunigung entwischen. Im Erwachsenenalter bringen temporeiche Auftritte gemeinhin das Erfordernis mit sich, irgendwann einmal anzuhalten. Spätestens in der Mixed Zone. Doch weder der 22-jährige Sané nach seinem 15. Länderspiel noch der ein Jahr ältere Gnabry nach seinem dritten Einsatz verspürten hier Erklärungsbedarf. Die Tempodribbler von Manchester City und Bayern München huschten an den Reportern fast schneller vorbei als die Polizei erlaubt.

Der eine (Sané) passte im Rücken von Toni Kroos den Moment ab, der andere (Gnabry) klemmte sich den Kultbeutel unter den Arm und entkam im Schatten von Mats Hummels. Gnabry hatte vorher am Spielfeldrand bei der ARD ausgerichtet: „Ich denke, dass wir in keinster Weise schlechter waren als Frankreich. Hintenraus war es schwer. Wenn wir die Konter besser ausspielen, können wir sogar 2:0 in Führung gehen.“ 

Dass beide dem Verhör entflohen, ist ihnen einerseits nicht zwangsläufig vorzuwerfen. Andererseits mutete es im Pariser Nachspiel skurril an, dass der erst in der 88. Minute für Gnabry eingewechselte Thomas Müller mehr als doppelt so lange sprach wie er spielte. Der 29-Jährige hielt, wenig verwunderlich, auch eine Verteidigungsrede in eigener Sache. Gegen den Weltmeister sehe alles besser aus, diesmal habe auch die taktische Marschroute gestimmt.

Wenn die Müller-spielt-immer-These von Louis van Gaal nicht mehr gilt, ist die öffentliche Aufregung groß. Im Verein wie in der Nationalmannschaft. Carlo Ancelotti als Trainer des FC Bayern ist vor einem Jahr auch darüber gestolpert, dass er den damals noch in Bestform auftrumpfenden Allesmacher unversehens bei einem Auswärtsspiel in Bremen für den gerade genesenen Thiago opferte. Sein Nach-Nachfolger Niko Kovac suchte bislang immer nach einem Platz für das Unikum mit Urgesteinfaktor: Müller wurde in allen zehn Pflichtspielen eingesetzt, achtmal von Anfang an. Doch die Schaffenskrise beim Branchenführer der Bundesliga weist frappierende Ähnlichkeit mit dem Aushängeschild des deutschen Fußballs auf. Auch da fehlt alternden Leistungsträger neben der Unbeschwertheit die Endgeschwindigkeit. 

Löw schützt Müller noch 

Nun waren selbst Münchner Mitstreiter voll des Lobes über einen müllerlosen Sturm-und-Drang-Stil. „Wir haben in der Offensive ein unglaubliches Tempo gehabt mit den dreien“, erklärte Mats Hummels. Und Kapitän Manuel Neuer ergänzte: „Die Jungen haben uns gut getan. Die Kreativität, die Spritzigkeit und Schnelligkeit.“ Der Bundestrainer negierte natürlich, dass die Wachablösung vollzogen sei. Der 98-fache Nationalspieler ist bei ihm nicht abgeschrieben. „Thomas Müller hat sich vielleicht zuletzt nicht so gezeigt“, sagte Joachim Löw, „aber er ist ein Antreiber, der vorangeht, der mit den jungen Spielern spricht.“ Als einziges Alleinstellungsmerkmal wird das auf Dauer jedoch zu wenig sein. Die Himmelsstürmer überholen ihn gerade schweigend. 

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