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Sadio Mané - auf kaputten Sohlen zur Weltkarriere

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Von: Daniel Schmitt

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Ein Superstar in München: Sadio Mané.
Ein Superstar in München: Sadio Mané. © IMAGO/Shutterstock

Sadio Mané ist das neue Aushängeschild des FC Bayern München - wie er dorthin kam und was Pampelmusen damit zu tun haben.

Die Weltkarriere des Sadio Mané begann keine zwanzig Meter entfernt vom Heim seiner Eltern. Rausschauen konnte er vom Bett direkt aufs Fußballfeld, reinhören, wenn die Großen aus dem Dorf kickten und er schlafen sollte. Und mitmachen wollte er dann natürlich auch. Mit drei, vier, so die Erzählung, stand er das erste Mal auf diesem Platz inmitten von Bambali, seiner Heimat, einem Dorf im Senegal. Mit sechs, sieben war er regelmäßig dabei.

Auf einem staubigen Platz, auf dem kein Grashalm wächst, auf dem barfuß gespielt wird, immer, weil die wenigsten richtige Schuhe besitzen und, wenn doch, es sowieso nur hinderlich wäre. Die Füße graben sich in den Sand, wieder und wieder, anstrengend, schweißtreibend. Die Tore sind keine, zumindest keine mit einer Querlatte. Vier Holzpfähle in den Boden gerammt, das eine Tor größer als das andere, kein Netz, natürlich nicht, Büsche bremsen die Schüsse. Gespielt wird, wenn’s gut läuft, mit platten Bällen. Oder, weniger beliebt, mit Pampelmusen. Man nimmt das, was man hat.

Hier, in Bambali, auf dem Sandplatz mit vier Holzpfählen begann die Weltkarriere des Sadio Mané, des neuen Superstars des FC Bayern München und der Fußball-Bundesliga.

Die Lebensgeschichte des 30-Jährigen wird in diesen Tagen nicht nur deshalb so häufig erzählt, weil er, der von einer deutschen Berateragentur (Sitz in Grünwald) unterstützt wird, für rund 40 Millionen Euro vom FC Liverpool ins Südbayerische übersiedelt und dort laut Vertragswerk mindestens bis 2025 bleiben soll, sondern auch, weil sie schlicht bemerkenswert ist.

Denn Sadio Mané sollte eigentlich kein Fußballprofi werden, er sollte es nicht mal rausschaffen aus Bambali, sollte als Bauer auf den Feldern arbeiten, wie es alle taten, um die Familie zu ernähren, und womöglich Lehrer werden. Gehobene Dorflaufbahn sozusagen. Es kam anders, weil Mané anders ist. Ein bodenständiger Junge mit großen Träumen - ein Junge mit dem Mute der Verzweiflung.

Eines Tages haute er seinen Onkel an, Ibrahima Traoré, der wie die Cousins im selben Haus wohnte, zu zehnt lebten sie zusammen. Er haute ihn an und bat um Hilfe. Um Fluchthilfe. Manés Ziel: Dakar, die Hauptstadt des Senegal, rund 500 Kilometer entfernt, nördlich gelegen. Traoré ließ sich überzeugen. Eines Morgens, 6 Uhr, Mané war gerade 15 Jahre alt, packte er seine Sachen in eine Tasche und sie zogen los. Der Onkel hatte eine Mitfahrgelegenheit organisiert, nur er, Sadio und dessen bester Kumpel wussten davon. Zwei Wochen lang suchte die Familie schließlich ihren Sohn, die Eingeweihten aber hielten dicht, verrieten nicht, wo er war. Sie sagten nur, dass es ihm gut gehe.

Mané war eingeladen zu einem Probetraining bei einer Fußballakademie in Dakar, Génération Foot. Doch ernst nahm ihn dort anfangs niemand, sie belächelten den dürren Jungen aus dem Süden, machten sich lustig - vor allem über dessen Fußballschuhe, die diesen Namen kaum verdienten. Eine Sohle hing schlaff herunter. „Ein älterer Mann hat mich nur angesehen, als ob ich dort völlig verkehrt wäre. Er hat mich gefragt: ‚Kommst Du auch für die Tests?‘ Ich habe Ja gesagt. Er hat mich gefragt: ‚Mit diesen Schuhen? Wie soll man in denen spielen können?‘“, erzählt Mané in der TV-Reportage „Made in Senegal“. Ob das alles also sein Ernst sei? Manés Antwort: „Ich habe halt keine anderen.“ Also spielte er, spielte herausragend, schoss vier Tore im ersten Übungsspiel - und durfte bleiben.

Ausgestattet mit neuen Tretern, wohnend bei einer Gastfamilie, entwickelte sich Mané rasch weiter, alle erkannten, dass er besser war als der Rest. Nur ein halbes Jahr später verhalf ihm Mady Touré, der Akademie-Chef, zu einem Probetraining in Europa, in Frankreich, in Metz, beim FC. Sadio Mané hatte es geschafft, mit Willen, mit Mut, mit Können, auf kaputten Sohlen.

Seitdem ging es nur bergauf: FC Metz, RB Salzburg, FC Southhampton, FC Liverpool, FC Bayern, Sadio Mané ein Weltstar. Englischer Meister, Torschützenkönig der Premier League, Champions-League-Sieger, Afrikameister, Afrikas Fußballer des Jahres, ein Volksheld im Senegal. „Ich habe gehungert. Ich habe auf den Feldern gearbeitet, ich habe barfuß gespielt, ich bin nicht in die Schule gegangen“, sagt Mané. Jetzt ist er das Vorbild vieler Menschen.

Jürgen Klopp, dem Liverpooler Coach, ist es nicht leicht gefallen, seinen Offensivspieler, der in 269 Spielen für die Reds 120 Tore erzielte und 48 weitere vorbereitete, ziehen zu lassen. Dabei wollte er den Angreifer, der mit seinem starken rechten Fuß gerne auch über die linke Seite agiert, um von dort in den Strafraum zu ziehen, einst gar nicht haben. Damals, zu Klopps Dortmunder Zeiten, hatte sich der Trainer mit dem Salzburger Spieler zwecks einer möglichen Zusammenarbeit ausgetauscht.

„Sadio kam mit einer Käppi auf halb Acht und mit seiner blonden Strähne im Haar zum Gespräch - wie ein Rapper im Anfangsstadium“, erinnert sich Klopp an ein „schlechtes Bauchgefühl“. Er vertraute diesem und lag falsch.

Erst einige Jahre später fanden die beiden in Liverpool zueinander - und Klopp formte den sehr guten Stürmer zu einem Weltklasseangreifer. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Er hat mir sehr dabei geholfen, der zu werden, der ich bin“, ließ Mané in seinen Abschiedsworten verlauten. Die Bayern sind ob ihres nun auch offiziell verkündeten Coups begeistert. Vorstandschef Oliver Kahn würdigte Mané als einen Spieler, „wie es sie nur ganz wenige auf der Welt gibt“. Sportvorstand Hasan Salihamidzic nannte ihn einen „internationalen Topstar, der dem Weltfußball seinen Stempel aufgedrückt hat“.

Der Spieler selbst, der etwas Deutsch aus seiner Zeit in Salzburg versteht und spricht, empfindet den Wechsel von der Insel an die Isar nicht etwa als sportlichen Abstieg, wie manch Experte ihn zuletzt medienwirksam bezeichnete. „Für mich gab es von Beginn an keinen Zweifel: Das ist der richtige Zeitpunkt für diese Herausforderung.“ Er, Mané, wolle viel erreichen, „auch international“.

Den Fußballplatz in Bambali gibt es im Übrigen immer noch, häufiger denn je wird hier gekickt. Mittlerweile jedoch ausschließlich mit Bällen auf vollwertige Tore - samt Querlatten und Netzen. Sadio Mané, der nie vergessen hat, woher er kommt und seinem Heimatdorf finanziell hilft, wo er nur kann, war es ein ganz persönliches Anliegen.

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