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„Russland ist nicht nur Putin“

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Von: Jan Christian Müller

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Im Regen stehen gelassen: Fifa-Präsident Gianni Infantino (links) und Russlands Machthaber Wladimir Putin bei der Pokalübergabe bei der WM 2018.
Im Regen stehen gelassen: Fifa-Präsident Gianni Infantino (links) und Russlands Machthaber Wladimir Putin bei der Pokalübergabe bei der WM 2018. © imago/ULMER Pressebildagentur

Ex-DFB-Präsident Reinhard Grindel über die erschreckenden Entwicklungen in der Ukraine und wie die Uefa und der Deutsche Fußball-Bund jetzt reagieren sollten

Reinhard Grindel ist auf der Fahrt von einem Termin in Berlin zurück in seine Heimatstadt Rotenburg an der Wümme. Fürs eilig verabredete Interview macht der ehemalige DFB-Präsident Pause an einer Raststätte.

Herr Grindel, wie haben Sie es aufgenommen, dass russische Truppen tatsächlich die Ukraine angreifen?

Ich habe mich daran erinnert, dass wir vor nicht einmal ganz zehn Jahren bei der Europameisterschaft mit unserer Nationalmannschaft gegen die Niederlande in Charkiw gespielt haben, in einem Stadion, das heute nicht mehr genutzt werden kann, in einer Stadt, in der die Menschen große Angst haben. Die Welt ist in dieser Region leider nicht friedlicher, sondern für das Leben von Zivilisten dramatisch gefährlicher geworden.

Sie haben vor der WM 2018 als damaliger DFB-Präsident gemeinsam mit dem russischen Verbands-Generalsekretär das ehemalige Stalingrad besucht. Es fand dort am Schauplatz schlimmster Gräueltaten aus dem Zweiten Weltkrieg auch ein Fußballspiel der deutschen U18-Nationalmannschaft gegen Russland statt. Sie sprachen danach davon, dass solche Treffen auch ein Garant für Frieden sind. Sind Sie umso enttäuschter und entsetzter über die aktuelle Entwicklung?

Ich bin in der Tat sehr bedrückt darüber. Und ich habe erste Reaktionen erhalten, wie entsetzt viele Menschen auch in Russland über das sind, was sich jetzt in der Ukraine tut. Gerade auch die Jüngeren äußern sich kritisch in den Sozialen Netzwerken. Wir haben im Sport, wie auch die Politik bis in die letzten Tage hinein, auf Dialog gesetzt.

War das ein Fehler?

Nein. Wir haben 2018 zum Beispiel mit der Menschenrechtsorganisation Memorial gesprochen, die von Putin Ende 2021 verboten wurde. Insofern haben wir genau die Richtigen getroffen, die wegen seines Machtanspruches ihre Arbeit nicht mehr ausführen können, deren Gedanken aber weiter da sind. Diese Menschen zu stärken, ist wichtig. Dass wir das aus Anlass der WM seinerzeit gemacht haben, war mit Sicherheit richtig.

Die WM 2018 stand für Sie ja auch unter der Überschrift „Versöhnung“. Was ist davon geblieben?

Russland ist nicht nur Putin. Russland ist ein sehr heterogenes Land, in dem gerade die Jüngeren so leben wollen wie wir. Und dazu hat unser Dialog sicher beigetragen. Dass Putin nur noch mit brutaler Macht in seinem Land und jetzt darüber hinaus vorgeht, zeigt, dass er ans Ende gekommen ist. Zumindest, was seine Hoffnung angeht, die Überzeugung jüngerer Menschen gewinnen zu können. Deswegen ist es so wichtig, die demokratischen Kräfte in Russland zu stärken.

Welchen Eindruck haben Sie von Putin gewonnen?

Ich habe ihn während der WM 2018 nur kurz getroffen und begrüßt. Mir ist die ausgesprochene Herzlichkeit seiner Begegnung mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder noch sehr in Erinnerung geblieben.

Ist der Sport in Russland nur ein verlängerter Arm der Politik?

Dass sich die Verbände sowohl im Fußball als auch in den olympischen Sportarten mit der Politik rückkoppeln müssen, ist völlig eindeutig. Das machtpolitische Netzwerk, das Putin über das Land geworfen hat, ist zu engmaschig, als dass er dort Spielräume erlauben würde. Wiewohl der eine oder andere Sportfunktionär Entscheidungen durchaus kritisch sieht.

Zur Person

Reinhard Grindel war von April 2016 bis April 2019 DFB-Präsident. Während dieser Zeit gastierte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zweimal über mehrere Wochen mit dem 60-Jährigen als Delegationsleiter des Deutschen Fußball-Bundes in Russland: beim Confederations Cup 2017 und bei der Weltmeisterschaft 2018. jcm

Das Uefa-Exekutivmitglied Alexander Djukow ist Präsident des russischen Fußballverbandes und Vorstandschef von Gazprom. Ist das nicht geradezu beispielhaft für die enge Verbandelung von Sport, Politik und Wirtschaft?

Das war bei seinem Vorgänger Witali Mutko noch auffälliger, der ja sogar stellvertretender Ministerpräsident war. Herr Djukow war lange Jahre Präsident von Zenit St. Petersburg. Insofern hat er eine starke Affinität zum Fußball. Somit war nichts dagegen einzuwenden, dass er als Vertreter eines großen Verbandes auch Zutritt zum Uefa-Exko bekommt.

Das Finale der Champions League soll in St. Petersburg stattfinden. Was erwarten Sie jetzt von Ihrem Freund, dem Uefa-Präsidenten Alexander Ceferin?

Ein solches Finale erfordert einen großen organisatorischen Vorlauf. Deshalb befasst sich am Freitag das Uefa-Exko sehr zeitnah damit. Alexander Ceferin wird sich gemeinsam den Verantwortlichen in der Uefa die Frage stellen, ob es vorstellbar ist, dass politische Rahmenbedingungen herrschen, die ein Finale der Champions League in St. Petersburg zulassen. Daran habe ich meine Zweifel.

Ceferin auch?

Ich denke, dass er diese Zweifel auch hat. Grundsätzlich sollte man die Tür aber nicht auf ewig zuschlagen, sondern dem russischen Verband deutlich machen, dass zu einem späteren Zeitpunkt ein erneute Bewerbung möglich ist. St. Petersburg ist ja gerade für uns als DFB in guter Erinnerung, weil wir dort 2017 in dem sehr schönen Stadion Confed-Cup-Sieger geworden sind – übrigens mit großer Unterstützung der russischen Fans im Endspiel gegen Chile. Das darf man den Menschen nicht vergessen. Und diese Menschen sollte man wissen lassen: Ihr habt in Zukunft wieder die Chance auf ein Finale. Das machen wir nicht alleine von Putin abhängig.

Was erwarten Sie vom DFB und seinem Uefa-Exekutivmitglied Rainer Koch?

Ich erwarte, dass er loyal die Entscheidungen mitträgt, die Alexander Ceferin vorschlägt.

Kann Gazprom bei einer EM-Endrunde in Deutschland im Sommer 2024 ein großer Uefa-Sponsor bleiben?

Diese Entscheidung müssen die Kollegen im Uefa-Exekutivkomitee treffen.

Was sagen Sie als ehemaliges Exko-Mitglied?

Schauen Sie: Sowohl bei der EM als auch bei der Champions League geht es ja nicht vordringlich um Einnahmen der Uefa, sondern der Klubs und der nationalen Verbände. Die haben in ihrer Mehrheit große Erwartungen an die Uefa, gerade in diesen finanziell so angespannten Zeiten der Corona-Pandemie. Insofern würde ich als reicher Verband, der der DFB im Vergleich zu den kleinen und mittleren Verbänden ist, dort niemals eine Entscheidung vorgeben. Wenn die finanzschwächeren Verbände es mittragen, auf diese Sponsorengelder zu verzichten, dann würde ich dem sicherlich zustimmen.

Olympia 2014 in Sotschi war kaum vorbei, da ist Putin auf der Krim einmarschiert. Olympia 2022 in Peking war gerade zu Ende, schon schickt Putin seine Truppen in die Ukraine. Baut der Sport gar keine Brücken und reißt sie sogar ab? Hat der Sport zu wenig Kraft?

Das kann man nicht kurzfristig beantworten. Wenn ich die Reaktion der jungen Leute in Russland beobachte, dann bin ich gar nicht so pessimistisch, dass sich nicht doch auch dank des Sport zivilgesellschaftliche Diskussionen entwickeln, die Fenster öffnen für mehr Demokratie und Menschenrechte in Russland. Solche Prozesse sind keine Frage von Jahren, sondern von Jahrzehnten. Wir sollten uns nicht beirren lassen. Es gibt zum Dialog keine Alternative.

Interview: Jan Christian Müller

Denkt an die Menschen in Russland: Reinhard Grindel.
Denkt an die Menschen in Russland: Reinhard Grindel. © imago images / Sven Simon

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