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Trainer Ole Werner (li.) und Routinier Fin Bartels.
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Trainer Ole Werner (li.) und Routinier Fin Bartels.

DFB-Pokalknaller

Ruhepol im Rummel

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Wie Ole Werner als jüngster Trainer im Profifußball mit Holstein Kiel im Pokalspiel dengroßen FC Bayern ärgern will.

Eine virtuelle Pressekonferenz folgt auch im hohen Norden keinen eigenen Gesetzen. Holstein Kiel blieb vor dem größten Spiel der Vereinsgeschichte im DFB-Pokal gegen den FC Bayern (Mittwoch 20.45 Uhr/ARD) wegen der Pandemie gar nichts anderes übrig, als wissbegierige Journalisten auf digitale Distanz zu halten. Ole Werner saß recht entspannt an einem Holztisch vor einer Sponsorenwand, als der Trainer über die „besondere Motivation“ sprach, sich „mit der besten Mannschaft der Welt zu messen“. Von größerer Aufregung bei ihm keine Spur, aber natürlich sei das Spiel „eine Chance zu zeigen, was man drauf hat“.

Die Handballhochburg Kiel wird zumindest für einen Tag zur Fußballhauptstadt. Werner verhehlte nicht, dass ein ausverkauftes Holstein-Stadion „sportlich und emotional viel besser“ zu diesem Höhepunkt gepasst hätte, aber das sei ja nun einmal nicht zu ändern. Er sieht seine Aufgabe ohnehin darin, den Ruhepol im Rummel zu geben - und seinen Überzeugungen zu folgen. „Auch wir werden eine Idee haben.“ Wenn sich der Zweitligist nur darauf beschränken würde, „die Murmel irgendwo hinzudreschen, dann wird es ein langer Abend“, erklärte der in der Kleinstadt Preetz im Kreis Plön sozialisierte Fußballlehrer.

Er ist mit gerade 32 Jahren der jüngste Trainer im deutschen Profifußball und verkörpert jenes nüchtern-norddeutsche Naturell, aus dem zwar kurzfristig keine Schlagzeile entsteht, aber langfristig Vertrauen wächst. Daher musste der junge Familienvater auch kürzlich im NDR-Sportclub schmunzeln, als er als „Nagelsmann des Nordens“ bezeichnet wurde. Hört sich womöglich hübsch an, trifft aber den Typen nicht. Solch ein Vergleich, beschied Werner, „macht mit mir relativ wenig“. Die Bezugnahme auf sein Alter werde er nicht verhindern können, aber er gibt sich anders als der inzwischen für RB Leipzig tätige und von großem Selbstbewusstsein durchdrungene Julian Nagelsmann.

Werner verspürt kaum Geltungsdrang: Statt wie im Comicfilm „Werner - Beinhart!“ müsste es bei ihm heißen: „Werner - Bodenständig!“ Alles andere würde auch nicht an die Förde passen. Der einzige Repräsentant aus Schleswig Holstein im deutschen Profifußball gibt für den Lizenzspielerbereich mit knapp mehr als elf Millionen Euro weniger aus als einzelne Bayern-Stars an Gehalt bekommen. Der Verein gehört die vierte Saison der zweiten Liga an, belegte zuletzt die Tabellenplätze sechs und elf. Vor zweieinhalb Jahren klopfte der Emporkömmling sehr forsch ans Tor zur Bundesliga, damals leisteten der heute beim SV Darmstadt 98 angestellte Trainer Markus Anfang und der inzwischen für Dynamo Dresden tätige Sportchef Ralf Becker sensationelle Arbeit, denn eine eingeschworene Truppe um Rafael Czichos, Dominick Drexler oder Marvin Ducksch hätte in der Relegation womöglich jeden anderen Gegner als den VfL Wolfsburg auf die Bretter gezwungen, der sich letztlich mit seiner individuellen Klasse durchsetzte.

Obwohl danach Trainer, Manager und Topspieler an die zahlungskräftigere Konkurrenz in Köln oder Hamburg weiterzogen, gelang es den „Störchen“ in der Folgezeit, ihr Nest robuster zu machen. Die im Aufsichtsrat sitzenden Unternehmer Gerd Lütje und Hermann Langness gelten als Verfechter einer Vereinspolitik, die stets auch die infrastrukturelle Entwicklung im Auge hat. Den Vorteil der aktuellen Führung beschreibt Carsten Wehlmann als Darmstädter Sportchef und langjähriger Kieler Chefscout so: „Dass echte Kieler inzwischen Anker in diesem Gebilde sind, verleiht der Entwicklung eine gewisse Nachhaltigkeit.“ Der Lohn: Holstein ist aktuell Dritter, einen Punkt hinter dem zum Aufstieg verdammten Hamburger SV.

Als Sportchef arbeitet inzwischen der viel herumgekommene Uwe Stöver für Holstein Kiel. „Unsere Zielsetzung war im Sommer die weitere Etablierung in der zweiten Liga“, beteuert der 53-Jährige, der einige Zeit auch für den damaligen Zweitligisten FSV Frankfurt treue Dienste leistete. „Derzeit stehen wir besser da als vielleicht erwartet, aber die Mannschaft und der Vereine gehen fantastisch damit um.“

Bodenhaftung und Kontinuität sind bei Stöver keine Sprechblasen: Obwohl der Südkoreaner Jae-Sung Lee seinen Vertrag nicht verlängern wollte, blieb der feine Techniker - auf die Gefahr hin, dass der beste Kieler Kicker im Sommer ablösefrei wechselt. Aber auch das würde das Team verkraften. Als echte Verstärkungen kamen die bundesligaerfahrenen Profis Fin Bartels (Werder Bremen) und Joshua Mees (Union Berlin), die nun mit Kapitän Hauke Wahl, Stratege Jonas Meffert oder Antreiber Alexander Mühling eine funktionierende Achse bilden.

„Wir hatten im Sommer keinen großen Umbruch, was für unseren Verein eher ungewöhnlich ist. Das hat uns sicherlich geholfen, relativ schnell in die Spur zu finden“, sagt Werner. Er übernahm die Mannschaft im September 2019 auf Platz 16 und erfährt längst hohe Wertschätzung. Sich künstlich Autorität zu verschaffen, würde gar nichts bringen. Er müsse „mit Leistung überzeugen wie die Spieler“. Deshalb sei es auch völlig egal, wenn ein Routinier wie Bartels sogar ein Jahr älter als der Trainer ist. Der lernt auch gerne noch dazu.

Um die Verteidigung auf Vordermann zu bringen, hat sich der Coach nach eigener Aussage einiges per Videostudium von den Koryphäen José Mourinho (Tottenham Hotspurs) oder Diego Simeone (Altetico Madrid) abgeschaut. Man könne das nicht nachspielen, erklärte Werner, aber es helfe sicherlich immer, über den Tellerrand zu schauen. Holstein Kiel hat in 15 Punktspielen erst 14 Gegentore kassiert – Bayern München hingegen schon 24. Das muss natürlich für das Pokalduell nichts bedeuten, aber hinter seiner hohen Stirn hat Werner was ausgeheckt. Auch wenn er es nicht wirklich verraten wollte. „Wir wollen das bestmögliche Spiel zeigen. Dann kann es sein, dass vielleicht ein Spielverlauf entsteht, bei dem sich die Tür möglicherweise ein Stück weit öffnet. Dann wollen wir mit einer guten Leistung da sein.“

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