+
Eiskalt: Alex Meier verlädt den Torwart und macht den Siegtreffer per lässig verwandeltem Elfer.

Alex Meier beim FC St. Pauli

Heldenepos auf dem Kiez

  • schließen

Liga-Rückkehrer Alex Meier schießt Pauli gegen Union Berlin mit einem Doppelpack zum Sieg.

Als Schiedsrichter Guido Winkmann nach einem letzten, eher harmlosen Zweikampf in der vierten Minute der Nachspielzeit doch tatsächlich auf Strafstoß für den FC St.Pauli entschied und klar war, dass der fällige Elfer die letzte Aktion dieses wilden Fußballspiels zwischen St. Pauli und Union Berlin werden würde, suchte Alexander Meier sofort den Blick von Marvin Knoll. Knolli, wie er gerufen wird, ist der eigentliche Elfmeterschütze der Hamburger, er gilt als sicher vom Punkt, hat in dieser Saison schon zweimal getroffen. Doch der 28-Jährige war mit seinen Kräften am Ende, und es stand ja einiges auf dem Spiel, nicht weniger als der Sieg in dieser Zweitligaspitzenpartie, 2:2 stand es, nachdem die Paulianer einen 2:0-Vorsprung leichtfertig hergeschenkt und die Berliner binnen 85 Sekunden (84./86.) ausgeglichen hatten. „Als ich Knolli angesehen habe, stand er da und hatte die Hände auf die Knie gestützt“, sagt Meier. „Er hat mir gesagt: Alex, ich kann nicht mehr, du musst schießen.“

Kneifen ist nicht, gerade nicht für einen Alex Meier, nicht mit dieser Vita. Er hat 336 Spiele für Eintracht Frankfurt gemacht und 119 Treffer erzielt, war Torschützenkönig in Liga eins und zwei, er trägt den Beinamen Fußballgott. Auf ihn blicken sie in der zweiten Liga mit einiger Ehrfurcht, er ist, ohne Übertreibung, eine lebende Legende. „Ich konnte ja nicht sagen, ich schieße nicht“, befindet der 36-Jährige, selbst wenn auch er nicht unbedingt das beste Gefühl hatte. Meier war ebenfalls fix und fertig, und er hatte, noch für die Eintracht, seine letzten beiden Elfer verschossen, gegen Schalke und Wolfsburg, damals hatte ihm der damalige Trainer Niko Kovac reingeredet, ihn verunsichert.

Und dieses Mal war es Union-Verteidiger Florian Hübner, der Sohn von Eintracht-Manager Bruno, der auf den letzten Drücker versuchte, das Unheil abzuwenden, indem er seinem Torwart Rafat Gikiewicz den entscheiden Tipp geben und die von Meier bevorzugte Ecke verraten wollte; es ist ja kein Geheimnis, dass der Lange den Ball fast ausnahmslos links oben versenkt, zehnmal hatte er so oder so ähnlich schon aus elf Metern getroffen. Die Nerven waren zum Bersten gespannt.

„Es war unglaublich“, sagt der Fußballgott

Doch der Routinier blieb cool, riss sich zusammen, verzögerte den Anlauf, bremste ab, behielt den sich viel zu früh bewegenden Keeper im Blick und schickte ihn in die falsche Ecke, ganz locker schob er rechts unten ein, der Alex Meier, und der Kiez flippte aus. 3:2, Abpfiff, Satz auf Rang zwei der Tabelle, vorbei an Köln, direkt hinter den Nachbarn HSV. Ein neuer Held war geboren, einen, den sie in Frankfurt im Sommer aufs Abstellgleis geschoben haben und der erst im Winter einen neuen Verein gefunden hat, St Pauli, seinen Heimatklub.

Meier hatte an diesem Montagabend nicht nur den Siegtreffer in jener 94. Minute gemacht und die Reeperbahn in ein Freudenhaus verwandelt, sondern auch vorher schon getroffen, das 2:0 erzielte er per Kopf (62.). Da übersprang er Florian Hübner – ausgerechnet Hübner, dessen Vater Bruno in Frankfurt gewiss nicht zu den Meier-Freunden zählte. Eine pikante Fußnote.

Für Meier, den neuen König von St. Pauli, war der Abend etwas ganz Besonderes, „einfach unglaublich“, wie er sagt. Von den Pauli-Fans wurde er nach allen Regeln der Kunst abgefeiert, auch am Millerntor haben sie jetzt einen Fußballgott, wie es aus Zehntausenden Kehlen in ohrenbetäubender Lautstärke schallte. Er genießt schon jetzt Kultstatus.

Die beiden Treffer sind für ihn eine Genugtuung

Für den Mittelstürmer, der nach seinem Kurzeinsatz in Darmstadt erstmals von Beginn an auflief, sind die Tore eine Genugtuung, er hat bewiesen, dass er auch mit 36 noch nicht zum alten Eisen gehört. Es geht ihm runter wie Öl, es all jenen gezeigt zu haben, die ihn fast schon als Sportinvaliden abgestempelt und das teils sogar öffentlich erklärt haben.

Ein großes Lamento würde Meier drüber nicht anstimmen, dazu ist er zu anständig, aber es ist kein Geheimnis, dass es ihn verletzt hat, wie mit ihm am Ende in Frankfurt umgesprungen wurde, eine Ikone hat zweifellos etwas anderes, einen respektvolleren Umgang verdient. Im Nachhinein stört ihn am meisten, dass immer wieder mal gestreut wurde, er sei nicht richtig fit, der Körper müsse den vielen Jahren Tribut zollen, das reiche nicht mehr für Profifußball. Deshalb war es für ihn so schwierig, einen neuen Verein zu finden, einer, der fast eineinhalb Jahre kein Spiel gemacht hat, kommt nicht mehr so leicht unter, gerade in diesem Alter nicht.

Doch Meier spürte, dass es noch nicht vorbei war und arbeitete an seiner Fitness, trainierte in Österreich beim Bundesligisten Admira Mödling, später dann in der Heimat bei den Oberligisten FC Süderelbe und Buchholz. Er wollte bereit sein für den Tag X.

Nur nicht erdrücken, St. Pauli braucht ihn noch: Alex Meier nach seinem ersten Tor.

Auch für St. Pauli hat sich die Rückholaktion schon jetzt bezahlt gemacht, zum einen tut es einem Klub gut, eine Identifikationsfigur wie Meier in seinen Reihen zu wissen, zum anderen hat er bewiesen, dass er auch sportlich seine Daseinsberechtigung hat und eine Verstärkung ist, vielleicht sogar das entscheidende Puzzleteilchen, um an Ende aufzusteigen.

Am Freitag geht es für die Hamburger zum Gipfeltreffen nach Köln mit Ex-Eintracht-Coach Armin Veh, der Meier einst zum Kapitän machte. Veh war es auch, der damals einen Wechsel nach China verhinderte, wo Meier zehn Millionen Euro pro Jahr hätte verdienen können. „Alex, ich brauche dich hier“, hatte er nur bedeutet. Für Meier war das Veto auch Ausdruck der großen Wertschätzung. Die ist ihm wichtiger als der Zaster, Geld genug hat er in mehr als eineinhalb Jahrezehnten im Geschäft eh verdient. Alex Meier will einfach nur spielen, und Tore schießt er ja quasi im Vorbeigehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare