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Kennt sich in Mainz aus wie in seiner Westentasche, auf Schalke war das anders: Christian Heidel.
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Kennt sich in Mainz aus wie in seiner Westentasche, auf Schalke war das anders: Christian Heidel.

Mainzer Vorstand

Rückkehr ohne Reue

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Für Christian Heidel ist das Kellerduell zwischen Schalke 04 und Mainz 05 auch eine Reise in die eigene Vergangenheit - manche Vorwürfe kann er nicht nachvollziehen.

Ein paar Bekannte wird Christian Heidel zum Freitagabendspiel der Fußball-Bundesliga in der Schalker Arena schon noch antreffen. Peter Knäbel, den Sportchef, Gerald Asamoah, den Teammanager, einige Spieler sind auch noch da, seit Heidel im Februar 2019 genug hatte von Schalke 04, und Schalke 04 wohl auch von ihm. Damals teilte er seinen Abschied maximal ernüchtert und entnervt nach einem 0:3 bei Mainz 05 mit - jenem Herzensverein, zu dem der 57-Jährige vor zwei Monaten zurückgekehrt ist und umgehend die Aufräumarbeiten aufgenommen hat.

Heidel ist in das Büro seines Vorgängers Rouven Schröder in einer ehemaligen Loge des alten Bruchwegstadions eingezogen. Er firmiert offiziell als Vorstand Strategie, Sport und Kommunikation. Zwischenzeitlich hatte der Mann, der Mainz 05 zwischen 1992 und 2016 vom Niemand in der zweiten Liga zum jemand in der Bundesliga entwickelte, ernsthaft überlegt, nie wieder zurück in den Profifußball zu kehren. Mit Frau und jüngster Tochter lebte es sich auf Mallorca wunderbar. Derzeit sieht er die beiden nur selten, sie sind auf der Insel geblieben. Die Tochter geht dort zur Schule.

Manager Heidel war bei Mainz 05 Alleinunterhalter

Der gebürtige Mainzer Heidel hat nie ganz losgelassen von Mainz 05. „Ich war mit dem Herz immer hier. Auch in meiner Zeit bei Schalke wusste ich immer, wie es bei Mainz steht, ich hatte das Handy etwas versteckt“, berichtet er jüngst im Klub-Podcast. In Mainz war er in der operativen Vereinsführung „der Alleinunterhalter“, wie er selber sagt, „früher habe ich an drei Knöpfen gedreht, schon war Stimmung im Stadion“. Darüber hinaus hatte Manager Heidel die Medien im Griff, wusste genau, wie mit jedem einzelnen Reporter umzugehen war, wirkte wie ein Marionettenspieler, der die Fäden ganz fest in den Händen hielt. Seine Autorität speiste sich aus zwei Jahrzehnten meist überragender Arbeit.

Diese vollkommene Akzeptanz hat er sich in den knapp drei Jahren in Gelsenkirchen-Buer nicht verschaffen können. Vor allem mit der dortigen Redaktion der „Bild“-Zeitung gab es ständige Scharmützel, was auch deshalb besonders auffiel, weil er mit dem Boulevardblatt in Mainz vertrauensvolle Korrespondenz führte. Man kannte sich und schätzte sich, und so ist es auch jetzt wieder nach seiner Rückkehr. Auf Schalke, sagt er rückblickend, sei es „besser gewesen zu gehen, weil ich mit einer Zeitung Spektakel hatte“. Er meint die „Bild“.

Heidel hatte sich mit seinem Engagement beim Traditionsklub auch selbst etwas beweisen wollen, nachdem der Schalker Aufsichtsratschef Clemens Tönnies ihn monatelang bezirzt hatte. Er hatte Tönnies seinerzeit schon abgesagt, „ich habe mich total schwergetan“, aber dann habe es in Mainz „Dinge im Verein gegeben, die ich nicht mehr mitmachen wollte“. Das vormalige Vertrauensverhältnis zum damaligen Präsidenten Harald Strutz war spätestens dann zerstört, als Strutz in einem SWR-Interview entgegen der internen Absprache öffentlich machte, dass Heidel ein Schalker Angebot vorliegen habe.

Negative Bilanz

Christian Heidels Transferbilanz bei Schalke 04 fällt negativ aus. Insgesamt wurden laut tansfermarkt.de rund 40 Millionen Euro mehr ausgegeben als eingenommen - und dabei nur wenige Werte geschaffen.

Zwei große Verkäufe fallen in seine Amtszeit von Juli 2016 bis Februar 2019: Leroy Sané für 50 Millionen Euro zu Manchester City und Thilo Kehrer für 37 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain - beides freilich Spielerwerte, die schon vor Heidels Amtsantritt in der Knappenschmiede geschaffen wurden.
Heidels beste Transfers waren Suat Serdar (11 Millionen Euro), Daniel Caligiuri (2,5), Guido Burgstaller (1,5) und Mark Uth (ablösefrei).

Insgesamt Durchschnitt lieferten Omar Mascarell (10), Amine Harit (9), Benjamin Stambouli (8), Salif Sané (7) und Bastian Oczipka (4,5) ab.

Zu Flops wurden: Breel Embolo (26), Nabil Bentaleb (19), Sebastian Rudy (16), Yevgen Konoplyanka (12), Rabbi Matondo (9), Hamza Mendyl (6) und Coke (4). Alle erlitten erheblichen Wertverlust. jcm

Schalke, beteuert Heidel, habe ihn „schnell gegriffen, ich konnte mich emotionalisieren für den Verein“. Wenngleich wohl immer auch eine Distanz übrigblieb zu diesem hochkomplizierten Klub in Königsblau, dessen Krisenresistenz gegen null tendiert. Das war Christian Heidel aus Mainz anders gewohnt, da meisterte er Unbill im Alleingang. Seine sportliche Bilanz tief im Westen, nun ja: im ersten Jahr Zehnter, im zweiten Jahr Zweiter, im dritten Jahr Champions League-Achtelfinale, aber bei seinem vorzeitigen Abschied nur 14. in der Bundesliga. Viel Verletzungspech, aber auch einige Transfers, die kolossal schiefgingen (siehe Infobox).

Clemens Tönnies wollte Heidel unbedingt zu Schalke 04 holen

Heidel war als Heilsbringer zu Schalke 04 gekommen, der mächtige Tönnies wollte sich aus dem operativen Geschäft zurückziehen, wie es sich für einen Aufsichtsratsvorsitzenden gehört, Heidel sollte es richten. Aber im Sommer 2018, nach der Qualifikation zur Champions League, spürte dieser schon, dass es besser wäre, sich im Sportbereich Unterstützung zu holen. Er hatte seinen Vertrauten Axel Schuster (inzwischen bei den Vancouver Whitecaps) mit aus Mainz gebracht, der als Sportdirektor firmieren durfte. Jonas Boldt sollte dann von Bayer Leverkusen noch dazukommen, Heidel hatte schon entsprechende Gespräche geführt, aber Boldt entschied sich letztlich anders. Und Schalke rutschte unter Domenico Tedesco nach dem rauschhaften Jahr in der Bundesligaspitze bis ins untere Mittelfeld ab. Kaum war Heidel weg, musste auch Tedesco gehen.

Rückblickend hört er sich im Gespräch so an, als fühle er sich für die Zeit bei Schalke öffentlich zu schlecht bewertet. Vor allem ärgert ihn, dass die aktuelle Misere mit ihm in Zusammenhang gebracht wird. „Ich bin jetzt zwei Jahre weg. Es ist ein bisschen weit hergeholt, der Christian Heidel sei daran Schuld.“ In der „Sportbild“ ergänzt er: „Nach mir wurden viele Spieler gekauft, Trainer gewechselt und Strukturen verändert. Zehn Monate nach meinem Abschied war Schalke Dritter in der Bundesliga, und alle waren voller Euphorie. Alles war prima. Dann erst begann die Talfahrt.“

Heidel räumt ein, dass „nicht jeder Transfer gepasst“ hätte, verweist vor seiner Rückkehr ohne Reue aber auch darauf, dass Schalke 04 in seiner Amtszeit den „höchsten Umsatz und den höchsten Gewinn gemacht“ habe. „Ganz Schalke hat gefeiert. Wir waren auf dem richtigen Weg.“

Schalke-Fans üben Kritik

Jetzt ist Schalker Letzter hinter Mainz, und Schalker Fans reagieren wenig verständnisvoll für diese Argumentation. Der Hauptvorwurf ist nicht von der Hand zu weisen: Heidel hat wenige Werte geschaffen, zu viele (teure) Spieler erfüllten die Erwartungen nicht, die ihr Preis versprach: Allen voran Breel Embolo, Nabil Bentaleb, Sebastian Rudy, Yevgen Konoplyanka, wiewohl bei Embolo viel Verletzungspech mit im Spiel war.

In Mainz bewegt Bauchmensch Heidel sich wieder wie ein Fisch im Wasser. Mit Sportchef Martin Schmidt und Trainer Bo Svensson und sich selbst hat er verloren gegangene Identität zurückgebracht. Er spürt, dass der Verein der Stadt fremd geworden ist. „Unser Ziel muss sein, dass wir nicht überlegen, wie wir sein wollen, sondern, dass wir so sind, wie wir tatsächlich sind.“ Er will Mainz 05 wieder in der Stadt positionieren, Nähe herstellen. „Ich kenne hier ja fast alle.“ Anders als auf Schalke.

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