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„Rote Taste“ statt Videoassistent

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Von: Jan Christian Müller

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Die eindrucksvolle Silhouette des Weserstadions als Buchcover. Und viel zu Erhellendes zu lesen zwischen den Deckeln.
Die eindrucksvolle Silhouette des Weserstadions als Buchcover. Und viel zu Erhellendes zu lesen zwischen den Deckeln. © Verlag

Ex-Nationalspieler Marco Bode präsentiert in seinem just mit dem Autoren Dietrich Schulze-Marmeling veröffentlichten Buch einen Vorschlag, wie der VAR optimiert werden könnte.

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler und Ex-Aufsichtsratschef von Werder Bremen, Marco Bode, hat gemeinsam mit dem Autoren Dietrich Schulze-Marmeling ein Buch geschrieben: „Tradition schießt keine Tore - Werder Bremen und die Herausforderungen des modernen Fußballs“ erzählt viel mehr als nur die Geschichte eines Klubs. Es ist ein überaus gelungenes, tiefgründiges Werk geworden, das sich facettenreich mit dem Profifußball und dessen Untiefen beschäftigt. Marco Bode, Vize-Weltmeister 2002, gehört mit nur zehn Gelben Karten in 379 Spielen (somit weniger als einer Verwarnung pro Saison!) zu den fairsten und sozialkompetentesten Profis, die je in der Bundesliga gespielt haben. Im Kapitel „Auf der Suche nach der VARheit“ schlagen die Verfasser eine Neuausrichtung des Videoassistenten (VAR) vor. Die FR dokumentiert Auszüge des im Verlag Die Werkstatt erschienen Buchs:

„Wahrscheinlich gibt es kaum eine andere Sportart als Fußball (der Männer), bei der die Spieler mit so viel Theatralik und böser Absicht versuchen, den Schiedsrichter in die Irre zu führen, seine Entscheidungen zu beeinflussen oder meist unangemessen kommentieren. Auf der anderen Seite gehört zur Wahrheit aber auch, dass Schiedsrichter gelegentlich eine Körpersprache an den Tag legen, die einen kollegialen, respektvollen Umgang nicht unbedingt fördert.

Wir meinen, dass es insgesamt einen ganz anderen Umgang zwischen den Akteuren auf dem Platz braucht. Spieler müssen Regeln und Entscheidungen akzeptieren, und das unaufhörliche Kommentieren muss aufhören. In anderen Sportarten wie Handball oder Hockey, ganz zu schweigen von Rugby, gibt es diesen anderen, besseren Umgang. Warum sollte das im Fußball nicht möglich sein?

Beim VAR scheiden sich die Geister. Die zentrale Frage, auf die es hinausläuft, lautet wohl: Bringt der VAR mehr Gerechtigkeit in den Fußball? Der VAR wurde in der Saison 2017/18 in der Bundesliga installiert. Damals wurde kommuniziert, dass vor allem extrem krasse Fehlentscheidungen korrigiert werden sollten.

Obwohl wir glauben, dass alle Beteiligten mit dieser Intention begonnen haben, können wir mit fast vier Jahren Erfahrung nun aber zweifellos konstatieren, dass dieses ursprüngliche Ziel aufgegeben wurde und durch das Ziel ersetzt wurde, so viele Fehlentscheidungen wie nur möglich zum Besseren zu korrigieren. Wo es ursprünglich nur um die Korrektur von 100:0- oder 90:10-Entscheidungen gehen sollte, wird tatsächlich in der Praxis jede strittige Entscheidung überprüft. Gerade bei der Frage, ob ein elfmeterwürdiges Foulspiel oder Handspiel vorliegt, gehen die Meinungen aber oft so weit auseinander.

Wir fummeln jetzt an allen 70:30-, 60:40-, häufig auch an 50:50-Entscheidungen herum und schaffen dadurch neue Probleme.

Aber wir werden den VAR nicht zurückdrehen. Wahrscheinlich würde das die Situation auch nicht mehr verbessern. Die ‚Büchse der Pandora‘ wurde geöffnet. Gingen wir zurück in die Zeit ohne VAR, wäre unser Gefühl vermutlich noch schlimmer bei jeder diskutablen Entscheidung des Schiedsrichters. Aber könnte man den Einsatz des VAR optimieren?

Wir wollen hier einen hoffentlich bedenkenswerten Vorschlag für ein Experiment unterbreiten, das man vielleicht bei einem besonderen Spiel testen könnte, zum Beispiel beim Supercup. Unser zentraler Ansatz in diesem Experiment ist es, unabhängige Entscheidungen der Akteure zu erhalten, ohne dass sie sich gegenseitig beeinflussen können.

Wir haben folgenden Aufbau: Der übliche VAR wird ergänzt durch drei Experten (zum Beispiel ehemalige Schiedsrichter oder Nachwuchs-Schiedsrichter), die in Einzelkabinen das Spiel verfolgen und keine Möglichkeit haben, miteinander zu kommunizieren. Auch mit dem Schiedsrichterteam auf dem Platz findet keine Kommunikation statt. Der Schiedsrichter auf dem Platz leitet mit seinen Assistenten das Spiel so, wie es früher vor Einführung des VAR der Fall war, trifft alle Entscheidungen nach bestem Wissen.

Bei nicht-faktischen Entscheidungen beurteilt der Schiedsrichter die jeweilige Situation und seine Entscheidung steht, es sei denn, ALLE Experten kommen zu dem Schluss, dass eine Fehlentscheidung vorliegt. In diesem Fall wird die Entscheidung korrigiert und an den Schiedsrichter kommuniziert. Wenn nur ein Experte nicht die „Rote Taste“ drückt, wird nicht eingegriffen – offensichtlich war die Situation nicht eindeutig genug.“

So nicht, Herr Bode. Der damalige Bremer Bundesligaspieler sieht eine seiner seltenen gelben Karten, hier von Referee Hellmut Krug.
So nicht, Herr Bode. Der damalige Bremer Bundesligaspieler sieht eine seiner seltenen gelben Karten, hier von Referee Hellmut Krug. © imago/pmk Marco Bode (Bremen) und Schiedsrichter Hellmut Krug (Gelsenkirchen); Marko, Helmut, Vdig, quer, close, Schiri, Referee, Unparteiischer Saison 2000/2001, SV Werder Bremen Bremen Weserstadion Fußball 1. BL Herren Mannschaft Deutschland Gruppenbild Aktion Personen

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