+
Pep Guardiola spricht nach dem Spiel mit Riyad Mahrez, der kurz vor Schluss einen Elfmeter vergab.

Kommentar

Rostige Realität

  • schließen

Bayern München wird ungeschlagen Deutscher Meister? Dem europäischen Fußball steht eine gemütlich langweilige Saison ins Haus? Die Hoffnung, dass es anders kommt, macht Angst. Ein Kommentar.

Moment mal bitte, so geht das nicht, so war das nicht angekündigt. Man soll sich ja nicht mit der Realität anlegen, empfehlen Menschen, die aus Erfahrung wissen, wie stur sie ist, diese Realität. Neulich zum Beispiel, wirklich noch nicht lange her, 22. September, hatte der FC Bayern beim FC Schalke ein Bundesligaspiel gewonnen, ein lächerlich souveränes 2:0, das sich in seiner Lächerlichkeit und Souveränität nicht groß vom 3:1 gegen Leverkusen und vom 3:0 in Stuttgart unterschied. Hinterher sagte der Schalker Manager Christian Heidel voraus: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bayern diese Saison ein Spiel verlieren.“

Ja, das war nun die Realität: München würde alles wegräumen und im Mai müde die Meisterschale entgegennehmen, wieder gewonnen, wann wäre es jemals anders gewesen, denn Heidel ist schon sehr lange „im Geschäft“, wie man sagt, und niemand zweifelt an der Seriosität dieses Mannes (außer vielleicht Max Meyer). Niemand konnte ahnen, dass die Vorhersage des ehemaligen Mainzer Autohändlers einen durchgerosteten Unterboden mit sich führt, der nach wenigen Tagen auf die Straße kracht. Nicht mal er selbst.

Gerade wollte man es sich bequem machen in der gemütlichen Langeweile, mit der man gefahrlos durch diese Bundesligasaison schippern würde, und wäre es doch einmal, durch eine Unaufmerksamkeit der Realität, spannend geworden, hätte man zur Beruhigung rübergeschaut, nach Spanien, Italien, England, Frankreich, wo Barça, Juve, Man City, PSG bayernmäßig überlegen dem Mai entgegengeflogen wären.

Pep Guardiola weiß alles und nichts

Jetzt ist es Herbst, jetzt hockt man da, im Wortrost Christian Heidels und wundert sich: Über die Gebrechlichkeit der Bayern, die plötzlich Fünfter sind, über den Trainer Niko Kovac, der unter dem Druck mangelhafter Ergebnisse vom witzigen, smarten Dauerlächler zu einer Wachsfigur seiner selbst gemorpht ist. In Deutschland liegt das quickfidele Borussia Dortmund vorne, in Spanien der FC Sevilla, während Real Madrid und der FC Barcelona hinterherhecheln. In England hat am Wochenende Pep Guardiola Riyad Mahrez beauftragt, beim Stand von 0:0 in Liverpool kurz vor Schluss einen Elfmeter zu schießen, dabei kann Mahrez das nicht, Elfmeter schießen; er verfehlte das Tor, zum fünften Mal bei acht Versuchen. Guardiola, der alles weiß, sagte, er habe das nicht gewusst.

Da braucht man sich halt über nichts mehr wundern, auch nicht über die verklumpte Tabellenspitze in England, in deren Nähe sich sogar die notorischen Versager des FC Arsenal aufhalten. Nein, das hat nichts mit der Realität zu tun, auf die man sich eingestellt hatte. Nur in Frankreich (PSG) und Italien (Juve) kommt es, wie es kommen muss, aber sie ist lang so eine Saison, der Mai ist fern. Wer die Realität kennt, weiß, dass sie einen spielerischen Hang zu Ablenkungsmanövern hat. In einem Land, in dem es die Bayern gibt, kennt man das sowieso: Der Schmerz ist dann am größten, wenn man dachte, es könne anders kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion