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Rocco Reitz und das Märchen vom Bökelberg

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Der Name ist Programm: Rocco Reitz bejubelt eines seiner Tore.
Der Name ist Programm: Rocco Reitz bejubelt eines seiner Tore. © IMAGO/Laci Perenyi

Jung, vereinstreu, gut - wie Senkrechtstarter Rocco Reitz Borussia Mönchengladbach verzückt. Der Mittelfeldspieler wurde bei der Geburt vom Patenonkel als Mitglied eingetragen.

Es geht ja immer schneller mit den Superlativen, jetzt gilt Rocco Reitz schon als „Messi vom Niederrhein“, dabei erinnert der Shootingstar von Borussia Mönchengladbach von seiner Dynamik und seinem Spiel her viel mehr an den jungen Lothar Matthäus. Außerdem schwärmt der erst 21-Jährige nach genau 18 Bundesligaeinsätzen mittlerweile für einen ganz anderen Kicker, Joshua Kimmich von Bayern München findet er „beeindruckend, das ist der Maßstab, wo ich mal hinwill“, hat er kürzlich verraten.

Rocco Reitz ist in Gladbach, am Mittwoch zum Jahreshalali Gegner von Eintracht Frankfurt im Stadtwald (20.30 Uhr), in aller Munde, und nicht erst seit seinem Doppelpack am letzten Freitag beim 2:2 gegen Werder Bremen. Weil Reitz, ein unverbrauchtes, offenes, sympathisches Gesicht, genau diese romantischen Ideal-Vorstellungen der Fans verkörpert, die jeder so liebend gerne auf Fußballer projizieren mag: Jung, flott, aus dem eigenen Stall, vereinstreu, ein bisschen frech - und ziemlich gut dabei. Es sind diese im Fußball häufig zu findenden märchenhaften Geschichten von einem, der es nach oben geschafft hat. Kein Wunder, dass Sportboss Roland Virkus, früher selbst für den Nachwuchs verantwortlich, angesichts dieses Juwels mit einem Wert von zehn Millionen Euro vor Stolz fast platzt, „dass ein Eigengewächs so eine Performance abliefert“. Und schon haben die Gladbacher, nach grauen. bleiernen Jahren und angesichts eines nicht unerheblichen personellen Umbruchs wieder eine Identifikationsfigur im Kader, fast wie gemalt.

Mitglied und Einlaufkind

Bei seiner Geburt in Duisburg hat der Patenonkel Klein-Rocco bei der Borussia in Mönchengladbach angemeldet, seit der E-Jugend kickt er für die Fohlen, durchlief alle Jahrgangsstufen, war Einlaufkind, ist glühender Fan der Gladbacher und unterschrieb mit 18 seinen ersten Profivertrag. So zügig ging es aber nicht weiter. Im Oktober 2020 debütierte er in der Bundesliga (gegen Mainz 05), nachhaltig war sein Einstand nicht. Im nächsten Sommer 2021 ließ er sich nach Belgien ausleihen, zu VV St. Truiden, dort war Bernd Hollerbach sein Trainer. Keine schlechte Adresse, dort hatte vor Jahren etwa auch der Ex-Frankfurter Daichi Kamada leihweise gespielt und sich das Rüstzeug für die hiesige Liga geholt. Reitz blieb zunächst ein Jahr, kehrte an den Bökelberg zurück, um dann noch einmal eine Halbserie in Belgien zu spielen. Große Fußstapfen hat der nur einmal für die U16 des DFB nominierte Mittelfeldspieler dort nicht hinterlassen, in 35 Pflichtspielen waren ihm lediglich drei Tore gelungen.

Aber das Verlassen der Komfortzone rund um den Borussia-Park hat Reitz offenbar gut getan, er ist reifer gewordenen, erwachsener. Und startete in dieser Hinrunde regelrecht durch, im ersten Spiel durfte er eine Minute spielen unter dem neuen Trainer Gerardo Seoane, im zweiten kam er nach 23 Minuten in die Partie, seitdem stand der junge Mann stets in der Anfangsformation. Und erzielte in diesen 15 Spielen vier Tore (eine Vorlage), sein erstes vor fünf Wochen gegen Wolfsburg - soviel wie zuvor in seiner ganzen jungen Profikarriere zusammen nicht.

Reitz, der seit November in der deutschen U21 spielt, hat seine Chance genutzt, weil er „giftig, bissig und unheimlich fleißig“ sei, lobte Seoane. Reitz sei einer, sagt Antonio di Salvo, Coach der U21, der „immer den Ball will und keine Angst zeigt“. Dazu bringt der 21-Jährige viel Elan mit, ist dribbelstark, cool vor dem Tor und hat im aktuellen Mittelfeld auf der Acht etwa Nationalspieler Florian Neuhaus ausgestochen.

Und Reitz ist flugs zum kleinen Publikumsliebling geworden, dank seiner Unbekümmertheit und Leichtigkeit. Die Fans wählten ihn im September, Oktober und November zum Spieler des Monats. „Die Liebe zu diesem Verein ist genauso wie die Liebe zum Fußball riesig – größer geht’s gar nicht“, versicherte er. Und: „Momentan lebe ich meinen Traum.“

Und weil alles so schön kitschig passt: Rocco Reitz ist mit der Tochter von Karlheinz Pflipsen liiert, von 1989 bis 1999 am Bökelberg unterwegs, eine echte Gladbacher Ikone.

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