+
Robert Lewandowski, Torgarant.

DFB-Akademie

Neuro-Athletik: Wie Robert Lewandowski seine Tore schießt

  • schließen

Die DFB-Akademie schaut überall hin, um den deutschen Fußball aus der Phase der Stagnation zu führen.

Manuel Baum fühlt sich inzwischen ein Stück weit befreit. Nach seiner Beförderung vom Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim FC Augsburg zum Cheftrainer vor knapp drei Jahren drang der Fußballlehrer schnell auch bei den Profis durch, doch Ende April ging die lange harmonische Ehe bei den bayerischen Schwaben in die Brüche. Der gebürtige Landshuter, der gerade in München ein Haus baut, weiß inzwischen, dass der vermeintliche Rückschritt sich durchaus als belebender Fortschritt entpuppt. „Ich kann endlich wieder über den Tellerrand schauen. Der Seitenblick ist im Alltag der Bundesliga ansonsten kaum mehr möglich.“

Seitdem der 40-Jährige nämlich nicht nur für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) als U20-Nationaltrainer, sondern auch in der Trainerausbildung mitarbeitet, eröffnen sich dem wissbegierigen Charakter neue Horizonte. 

DFB-Akademie in Frankfurt-Niederrad auf der Suche nach Potenzialen

Weil die neue DFB-Akademie erst noch auf einem riesigen Gelände im Frankfurter Stadtteil Niederrad entstehen muss, werden einzelne Veranstaltungen der von Oliver Bierhoff verantworteten Abteilung immer mal wieder ausgelagert. Auf einen Workshop am Montag in einer Eventlocation in Berlin hatte sich vor allem Baum akribisch vorbereitet. Er sezierte interessante Spielszenen, in denen er sein neuestes Steckenpferd, die „versteckten Potenziale“, verdeutlichte.

Robert Lewandowski: Sich wiederholende Muster sprechen für Methode

Psychologie, Kognition und die dazugehörige Neuro-Athletik spielen dabei eine Rolle. Klingt kompliziert, sieht aber bei den Weltbesten einfach aus: Robert Lewandowski dreht gerne im letzten Moment den Fuß auf und zielt dann genau in das andere Eck, in das der Bayern-Torjäger vor einem Alleingang blickt. Atletico-Angreifer Diego Costa schirmt oft gleichzeitig den Ball ab und drückt mit der Hand den Abwehrspieler weg. Liverpool-Abräumer Jordan Henderson verpasst im Champions-League-Achtelfinale dem Bayern-Feingeist Thiago in jedem Zweikampf noch einen Körperkontakt. Wenn sich solche Muster wiederholen, steckt dahinter Methode. Baum erzählte, wie er als FCA-Trainer das letzte Fallbeispiel nachgeahmt habe. „Gegen Dortmund hat’s geklappt, weil die diese Körperlichkeit nicht kannten. Gegen Leipzig ging’s schief, weil uns der Schiedsrichter jeden Zweikampf abgepfiffen hat.“ Nun tüftelt er daran, ob sich davon etwas in der Ausbildung deutscher Nachwuchskicker integrieren lässt. Wenn der deutsche Fußball zurück an die Weltspitze gelangen will, führt die Arbeit halt ins letzte Detail.

Bierhoff präsentiert schockierende Statistik

DFB-Direktor Bierhoff saß bei Baums Vortrag entspannt auf einem Stuhl an der Seite. Seinen Schlüsselsatz hatte der oberste Lehrmeister für die Fußballentwicklung fast genauso bereits beim DFB-Bundestag fallen lassen: „Wir haben nicht mehr den Pool an Talenten in der Qualität und Quantität, den wir uns wünschen würden. Wir müssen den nächsten Schritt machen, und das haben alle verstanden.“ DFB und DFL seien sich glücklicherweise einig, die Stagnation bei der Talentförderung oder Trainerausbildung gemeinsam aufzubrechen. „Schockierend“ nennt der 51-Jährige gerade die Statistik zu Einsatzzeiten deutscher U21-Nationalspieler in der Bundesliga. Eine sanfte Revolution hat bereits die Ausbildung zum Fußballlehrer unter dem neuen Leiter Daniel Niedzkowski erlebt.

DFB sucht Anleihen beim American Football

Die aktuell ausgebildeten Trainer können länger in den Vereinen arbeiten. Weniger Präsenzzeit und Frontalunterricht werden von einem „digitalen Campus“ aufgefangen, in dem die Anwärter von Zuhause die Aufgaben erledigen. Akademieleiter Tobias Haupt benennt ein „größeres Anforderungsprofil und ein komplexeres Aufgabenfeld.“ Grundsätzlich geht es den Vordenkern um Innovationen aller Art. Bei neuen Vorschlägen besteht ein „Aber-Verbot“ (Haupt), was heißt: Vorteile statt Vorbehalte sind gefragt. So experimentiert der VfB Stuttgart für den Verband gerade in einem Pilotprojekt im Nachwuchsbereich mit Virtual-Reality-Brillen, um die „Vororientierung“ zu schulen. Eine Praxis, die im American Football bei einem Quarterback wie selbstverständlich eingesetzt wird, weil „virtuelle Realität“ längst Teil des Trainingsalltags abbildet.

Ob das auch auf den deutschen Profifußball zu übertragen ist, werden sich 16 Manager, Sportvorstände und Sportchefs aus der Bundesliga bald direkt vor Ort ansehen, die Anfang Dezember gemeinsam nach San Francisco jetten. Das viertägige Programm für die erste derartige Fortbildungsreise unter Leitung der Akademie mit Besuchen bei den Profiteams aus NFL, NHL und NBA sowie Stippvisiten an der berühmten Stanford Universität oder bei Facebook sei derart vollgepackt, versicherte der 35 Jahre junge Professor Haupt, „dass wir keine Zeit fürs Sightseeing an der Golden Gate Bridge haben werden.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion