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"Wir wollen in den Spiegel schauen und sagen: Wir haben alles gegeben", verspricht DFB-Kapitän Manuel Neuer vor der Partie gegen Frankreich.

Nationalmannschaft

Ringen um Zusammenhalt

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Das DFB-Team strebt zum Auftakt der Nations League eine rasche Wiedergutmachung für die verpatzte Weltmeisterschaft an.

Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gleich drei Akteure gemeinsam zu einer Pressekonferenz entsendet, ist bei der deutschen Nationalmannschaft eher ungewöhnlich. Aber irgendwie muss das Bestreben nach einem Neuanfang nach dem WM-Desaster ja dokumentiert werden, weshalb sich neben Pressesprecher Jens Grittner am Dienstag in den Ballsaal im Foyer des Münchner Mannschaftshotels Manuel Neuer, Julian Brandt und Thomas Müller setzten. Erschienen nicht nur in derselben grünen Trainingsjacke, sondern auch mit derselben Haltung für den Auftakt der Nations League gegen Weltmeister Frankreich (Donnerstag 20.45 Uhr/ZDF).

„Wir wissen alle, was wir gut zu machen haben. Wir wollen in den Spiegel schauen und sagen: Wir haben alles gegeben“, beteuerte Torwart Neuer. „Ein schöneres Spiel kann man sich nicht vorstellen“, bestätigte der Flügelspieler Brandt. „Wir spielen gegen die beste Mannschaft der Welt – eine super Aufgabe. Wir wollen wieder zu dem energiereicheren Spiel hinkommen, das nach Power-Fußball aussieht“, betonte Alleskönner Müller.

Es war den Repräsentanten der in Russland krachend gescheiterten Mission Titelverteidigung abzunehmen, dass sie sich die rasche Wiedergutmachung für die bereits ausverkaufte Arena in München-Fröttmaning vorgenommen haben.

Am Englischen Garten ein paar mehr Autogramme zu kritzeln, kann nur ein Mosaiksteinchen sein, um verlorene Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen. Und doch bestehen Zweifel, ob wirklich jeder die Zeichen der Zeit erkannt hat.

Ausgerechnet Nationalmannschaftskapitän Neuer kam seiner Aufgabe nur oberflächlich nach, weil er keine Rückschau zuließ. Zwar bezog der Weltklassekeeper Stellung zu dem gegen Neonazis gerichteten Konzert in Chemnitz („finde ich eine gute Sache“) und äußerte sich zur Integrationskraft seiner Mannschaft („stand immer dafür, eine gesunde Integration zu leben“), aber angeblich will der Wahl-Münchner nichts von der vom „Spiegel“ veröffentlichten Darstellung über die Grüppchenbildung innerhalb seiner Gemeinschaft mitbekommen habe. „Den Artikel habe ich nicht gelesen“, beschied der 32-Jährige lapidar – und wollte keinerlei Stellung beziehen. Wer aber ist bei einer Klarstellung gefragt, wenn angeblich das Binnenklima gelitten haben soll?

Müller musste als Ersatz-Klassensprecher einspringen, um diese pikante Causa zu behandeln: „Wir haben natürlich Typen mit unterschiedlichen Interessen. Im Misserfolg gibt es viele Themen und Details, die genutzt oder benutzt werden, um Stimmungen darzustellen. Ich kann verneinen, dass es Risse im Team gibt. Grundsätzlich verstehen wir uns gut“, sagte der 28-Jährige. Das Nachrichtenmagazin hatte nicht von gegenseitigen Ressentiments berichtete, sondern um anders gearteten Lifestyle. Hier eine Fraktion mit Jerome Boateng, Antonio Rüdiger oder Julian Draxler, die mehr dem Jetset und Hip-Hop zugeneigt ist. Dort eine Gruppe mit Mats Hummels, Neuer oder Müller, die Freizeit auf dem Gestüt oder Urlaub in Bayern verbringt. Verwunderlich ist das erstmal nicht: Fußball-Mannschaften sind selten homogen – ob bei den Profis oder Amateuren. Oft zersplittern diese Gemeinschaften gar nicht an gegensätzlichen Weltanschauungen, sondern an profanen Dingen. Welche Musik wird in der Kabine gehört? Wer sitzt beim Essen zusammen?

Bei der WM 2014 filterten die Wohnanlagen im Campo Bahia nicht nur die Unterschiede heraus, sondern sie schweißten das Team irgendwann so sehr zusammen, dass sogar der schwer erziehbare Kevin Großkreutz keinen Schaden anrichtete. Der damalige Kader hatte den Vorteil, dass ihm mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Per Mertesacker zielorientierte Führungsköpfe vorstanden. Solcher Zusammenhalt ist schwer von außen zu verordnen, sondern muss sich von innen entwickeln.

Bei der WM 2018 ist das nie gelungen, auch wenn Bundestrainer Joachim Löw eine scharfe Trennlinie zwischen „Kanaken“ und „Kartoffeln“ – und erst recht ein Rassismusproblem – bei seiner Analyse vergangene Woche negiert hat: „Es gibt keine unüberbrückbaren Differenzen oder Konflikte, die nicht gelöst worden sind. Wir hatten aber nicht den unglaublichen Teamgeist.“ Daher sollte morgen das Duell zwischen dem entthronten und dem amtierenden Weltmeister auch ein Zeugnis fürs Zusammenwachsen liefern.

Was am besten im Spiel passiert, meinte Müller. „Wir wollen Leistung auf dem Platz bringen – dann müssen wir uns nicht darüber unterhalten, wer beim Kartenspielen den letzten Stich gemacht hat oder nicht.“ Dass er das Rapper-Gehabe seiner Mitspieler mit dem Ausruf „Yo, man!“ nachgeahmt haben soll, daran konnte er sich nun übrigens „nicht mehr erinnern“. Vermutlich ist es auch bei der Aufarbeitung ein völlig unwichtiges Detail. Denn wie sagte der bauernschlaue Oberbayer noch: „Wenn’s Ergebnis passt, hast du alles richtig gemacht. Wenn’s nicht passt, dann nicht.“

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