+
Zurzeit in häuslicher Quarantäne: Hannovers Timo Hübers. 

Corona im Fußball

Ringen um Klarheit

Erster Profi in Deutschland erkrankt. In der Bundesliga finden nun Geisterspieltage statt. Die Dritte Liga ist unterbrochen.

Timo Hübers zählte bisher sicher nicht zu den bekannten Fußballprofis der Republik, bis gestern, Punkt 12.59 Uhr, da änderte sich das schlagartig, freilich ungewollt. Denn der deutsche Profifußball hat seinen ersten Coronafall. Timo Hübers, erst achtmal im Profifußball am Ball, wurde positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Was die Branche seit Tagen befürchtet hatte, ist damit Realität – die Folgen für den Spielbetrieb sind kaum abzusehen.

Während sich Hübers zurzeit in häuslicher Quarantäne befindet, herrscht bei seinem Klub Ausnahmezustand. Alle Spieler des Zweitligisten sowie das Trainerteam wurden vorsorglich auf das Virus getestet. Beim 3:0 in Nürnberg am vergangenen Freitag hatte Hübers 90 Minuten gespielt, sogar ein Tor geschossen. Die Niedersachsen gehen davon aus, dass sich Hübers am Samstag bei einer Veranstaltung in seiner Heimatstadt Hildesheim infizierte hat, wie es in einer Vereinsmitteilung hieß. Seit „der Ansteckung, die exakt eingrenzbar ist“, soll Hübers „keinen Kontakt zu seinen Mannschaftskollegen“ gehabt haben, weshalb „nicht davon auszugehen“ sei, dass „sich Mitspieler bei ihm infiziert haben“. Hübers habe „sich absolut vorbildlich verhalten. Er selbst zeigt bis jetzt keinerlei Symptome“, sagte Sportchef Gerhard Zuber: „Als Timo davon erfuhr, dass eine Person, die mit ihm auf der Veranstaltung gewesen war, positiv getestet wurde, meldete er sich direkt beim Arzt und begab sich provisorisch in häusliche Quarantäne.“

Der Fall könnte dennoch weitreichende Folgen haben. Am Sonntag ist Dresden in Hannover zu Gast. Die Sachsen wollten sich zur Entwicklungen vorerst nicht äußern. Derweil teilte Hannover mit, dass das Team die Vorbereitung fortsetzt. Bis zum Spiel, das ohne Fans stattfindet, werde nicht öffentlich trainiert. Zudem entfallen, wie bei vielen Klubs, alle Medien- und PR-Termine.

In der Bundesliga kommt es am 26. Spieltag derweil zu einem Novum. Erstmals werden nur Geisterspiele ausgetragen. Zuletzt wurde so gestern für die Spiele zwischen Leipzig und Freiburg sowie Union Berlin und dem FC Bayern entschieden – letztere Paarung sollte ursprünglich mit Fans durchgeführt werden. „Wir sind in einer Phase, die ein einheitlicheres Vorgehen braucht. Ich bin verwundert, was in Berlin bei diesem Fußballspiel passiert“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn im Deutschlandfunk am Morgen, ehe der Stadtbezirk Treptow-Köpenick seine Entscheidung von Dienstag doch revidierte und Union die Anordnung für einen Fanausschluss zukommen ließ. Spahn kritisierte die Union-Bosse. „Wer das immer noch so kommentiert“, so der CDU-Politiker, „der hat abschließend noch nicht verstanden, worum es hier gerade geht.“

Angesprochen fühlen durfte sich vor allem Union-Präsident Dirk Zingler. Es entscheide „nicht Herr Spahn, sondern die Gesundheitsbehörde in Köpenick“, hatte Zingler am Dienstag gesagt, er warnte zudem vor den wirtschaftlichen Folgen von Geisterspielen: „Uns wird die Unternehmensgrundlage entzogen.“

Zuvor hatte es in Bremen bereits Forderungen nach einer Komplettabsage des Spieltags gegeben. Andreas Bovenschulte, Bürgermeister der Stadt, hatte Christian Seifert, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, am Dienstag einen Brief geschrieben und die DFL darin aufgefordert, alle Spiele des Wochenendes zu verschieben. Die Zeit könnte dafür genutzt werden, um eine „einheitliche Linie für die nächsten Spieltage“ abzustimmen. Seifert reagierte deutlich. „Welche Maßnahmen wegen der Krise „angemessen sind, liegt nun einmal im Zuständigkeitsbereich der Gesundheitsministerien beziehungsweise -ämter am jeweiligen Standort.“ Diese Zuständigkeit respektiere die DFL, „genau weil sie dem Schutz der Menschen oberste Priorität einräumt“. Zudem zeigte sich Seifert „sehr irritiert“ über Bovenschultes Aussage, die DFL würde über bessere medizinische Erkenntnisse verfügen als das Bundesgesundheitsministerium. Eine ähnliche Einschätzung wie der Bremer Bürgermeister hatte im Übrigen auch Werder-Geschäftsführer Frank Baumann geäußert: „Wenn die Gesundheit wirklich das Wichtigste ist, hätten wir konsequenterweise die nächsten beiden Spieltage absagen müssen. Das wäre am fairsten gewesen“, sagte Baumann.

Genau dies, die Absage der nächsten beiden Spieltage, geschah dann am Mittwoch für die Dritte Liga, wie der DFB mitteilte. Die Spiele sollen nach Ostern nachgeholt werden. Helge Leonhardt, Präsident des Zweitligisten Aue ging mit Blick auf die Erkrankung von Hübers und in Erwartung von weiteren Coronafällen gar mehrere Schritte weiter: „Man sollte einheitlich präventiv handeln, sowohl aus sportlicher als aus wirtschaftlicher und vor allem aus gesundheitlicher Sicht. Deshalb empfehle ich einen Abbruch der Spielzeiten“, sagte er.

EM-Zeitplan bleibt bestehen

Derweil gibt sich die Europäische Fußball-Union völlig unbeeindruckt. „Die EM wird am 12. Juni 2020 in Rom gestartet“, teilte die Uefa gestern mit. Es gebe keinen Grund, „am geplanten Zeitplan etwas zu ändern“. Schon die anstehenden Playoffs sowie die Testspiele werden aber massiv beeinflusst. Ob die Verbände alle Profis einladen können, ist mehr als fraglich. „Im Moment ist mein Gedankengang: Ich werde unsere Spieler nicht losschicken, ich werde es ihnen verbieten“, sagte zum Beispiel Wolfsburger Geschäftsführer Jörg Schmadtke dem „Kicker“. Auch Vorstand Axel Hellmann von Eintracht Frankfurt würde dies „gerne vermeiden“. 

dani/dpa/sid

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare