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Zu viel Macht in einer Hand ist selten gut - daher hat Hertha richtig entschieden, als Jürgen Klinsmann mehr Macht wollte.

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Jürgen Klinsmann: Riegel am Managerbüro

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Hertha BSC hat gut daran getan, Klinsmanns Sehnsucht nach mehr Macht im Klub nicht nachzugeben. Denn sportliche Alleinherrschaften sind selten eine gute Idee. Der Kommentar.

So schnell verraucht der Pulverdampf in Berlin nicht. Am Dienstagabend hat Jürgen Klinsmann per Chat seine überstürzte Flucht aus dem Hauptstadtklub den Fans zu erklären versucht, derweil Hertha mühsam die Scherben zusammenkehrt und die eine oder andere Entscheidung des abgestürzten Überfliegers umgehend korrigiert. Am Donnerstag wollen Klub und Geldgeber öffentlich erklären, wie es weitergeht, wie es dazu überhaupt kommen konnte und was es jetzt wird aus dem angestrebten „Big City Club“ ohne Klinsis Gnaden. Wie auch immer: Hertha BSC hat es geschafft, binnen kurzem das Image eines mausgrauen Langweilerklubs abzustreifen. Jetzt sind sie die Lachnummer der Liga, immerhin.

Nach allem, was man hört, hat Hertha trotz alledem gerade noch verhindern können, komplett von Klinsmann übernommen zu werden. Der frühere Weltklassestürmer mit den erstaunlichen Defiziten in Taktik wünschte mehr Macht, wollte als eine Art Technischer Direktor die gesamte sportliche Verantwortung tragen, also auch für Transfers. Diese Machtfülle wollte ihm Hertha nicht einräumen, mit gutem Recht.

Ohnehin hat sich die „alte Dame“ bereits bemerkenswert abhängig gemacht von dem einen Großmäzen Lars Windhorst, der es war, der seinen Spezi Klinsmann erst im Aufsichtsrat platziert, später dann auch auf die Trainerbank gesetzt hat. Windhorst hat sich bekanntlich für 224 Millionen Euro mal eben so 49,9 Prozent der Klubanteile gesichert, so was bringt Einfluss. Wer die Musik bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird, selbst wenn der absoluten Mehrheit aus guten Gründen (und eben der 50+1-Regel) ein Riegel vorgeschoben ist.

Zu viel Macht in einer Hand ist selten gut, zu leicht begibt man sich als Verein in unschöne Abhängigkeiten. Zu schnell verliert ein Klub seine Seele, wenn Autokraten das Sagen haben, wenn Alleinherrscher keinen Widerspruch mehr fürchten müssen. Felix Magath hat es vorübergehend geschafft, beim VfL Wolfsburg in Personalunion Trainer, Geschäftsführer und Manager zu sein. Aber selbst der Gewinn einer (sehr überraschenden) Meisterschaft hat den Klub bald umdenken und eben auch den Meistertrainer auf die Finger sehen lassen.

In Berlin hat der „Nur-Trainer“ Klinsmann binnen zehn, elf Wochen ziemlich viele Steine umgedreht, hat vieles verändert, ohne Rücksicht auf Personen und Empfindlichkeiten zu nehmen. Hertha ist dem vermeintlichen Heilsbringer zunächst gefolgt, mit Bauchgrimmen fürwahr, aber nicht blind. Die komplette Machtübernahme ist verhindert worden, gerade noch rechtzeitig. Denn allzu schnell verlieren Alleinherrscher mitunter die Lust am Spiel, gerne dann, wenn es schwierig wird, Klinsmann ist das beste abschreckend Beispiel.

Es bleibt die alte Weisheit: Ein Klub, zumindest einer mit Tradition, ist immer größer als die handelnden Personen.

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