Völlig losgelöst: Florian Kohfeldt.
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Völlig losgelöst: Florian Kohfeldt.

Kommentar

Richtige Lehren ziehen

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Werder Bremen sollte den Nichtabstieg dazu nutzen, um viele Dinge auf den Prüfstand zu stellen. Der Kommentar.

Hubertus Hess-Grunewald ist so etwas wie das soziale Gewissen des SV Werder Bremen. Als Präsident des Muttervereins und Mitglied der Geschäftsführung ist der bald 60-jährige Jurist in einer Doppelrolle aktiv, die ihm den Blick aufs große Ganze erlaubt. Zuständig für Hobby-Prellballer und Profifußballer. Auch das Oberhaupt hat sich mitgefreut über den Bundesligaverbleib der Bremer, die nun weiterhin länger als der FC Bayern erstklassig spielen. Trotzdem wollte das Oberhaupt auf der Schwäbischen Ostalb nicht lauthals in die Jubelchöre einstimmen, dafür hat ihm zu viel gefehlt: vor allem die Fans in den Stadien. Der Geisterspielbetrieb, er nagt an Fußball-Romantikern, von denen es an der Weser noch eine Menge gibt.

Doch besonders skurril ist, dass ein Leuchtturm des Nordens nicht gefallen ist, weil die Corona-Krise den Fußballbetrieb gestoppt hat. Ohne die Zwangspause nach 25 Spieltagen, das gibt Manager Frank Baumann unumwunden zu, hätte sich Werder nicht gerettet. Erst damit bekamen den Hanseaten die Möglichkeit, die eklatanten Fitnessdefizite aufzuholen. Dazu konnten mentale Blockaden gelöst werden – und nicht zuletzt kehrte noch einer wie Niclas Füllkrug zurück, der jene Widerstandskraft verkörperte, die zeitweise völlig verlustig ging.

Die Bremer werden bald einen zweistelligen Millionenkredit in Anspruch nehmen, um die Folgen von Pandemie und Fehlplanung auszubügeln. Dabei waren die Voraussetzungen zuletzt gar nicht schlecht: Der Klub hatte in der virusfreien Saison 2018/2019 immerhin 151,6 Millionen Euro umgesetzt. Und beim Personalaufwand standen (für alle Angestellten) fast 72 Millionen in der Bilanz. Zum Vergleich: Mainz kam mit knapp 49 Millionen, Augsburg sogar mit 38 Millionen aus. Von Heidenheims 15 Millionen gar nicht zu reden.

Die Verantwortlichen werden die Herabstufung vom Europapokalanwärter zum Abstiegskandidaten also sehr kritisch hinterfragen müssen. Trainingssteuerung und Talentsichtung, Scouting und Spielersuche – alles sollte auf den Prüfstand. Man wird sich in vielen Bereichen wieder neu erfinden müssen, und vielleicht kann auch die eine oder andere Fachkraft helfen, durch deren Adern kein grün-weißes Blut fließt. Denn ansonsten wird über kurz oder lang – dafür genügt der Seitenblick zum 2014 und 2015 noch über die Relegation geretteten, aber jetzt in der dritten Saison zweitklassigen Hamburger SV – auch beim SV Werder der Abstieg nur aufgeschoben.

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