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Revolutionäre Ultras

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Von: Ronny Blaschke

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Im Gaza-Streifen gefeiert: Der pro-palästinensische ägyptische Ex-Fußball-Star Mohamed Aboutrika auf einem Transparent in Rafah. afp
Im Gaza-Streifen gefeiert: Der pro-palästinensische ägyptische Ex-Fußball-Star Mohamed Aboutrika auf einem Transparent in Rafah. © AFP

Das politische Spiel - der Fußball im Nahen Osten - Teil 4 In Ägypten und Algerien politisieren sich radikale Anhänger und unterstützen die Proteste in ihren Ländern. Auch ein ägyptischer Fußball-Profi mischt sich ein.

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts ist die Lage in etlichen arabischen Staaten instabil. In Ägypten wächst die Wut über Korruption, Polizeigewalt und die tiefgreifenden Notstandsgesetze, mit denen Hosni Mubarak seit mehr als zwanzig Jahren regiert. Junge Männer aus ärmeren Vierteln von Kairo organisieren sich rundum ihren Lieblingsklub Al Ahly. Sie lassen sich von Fankulturen in Europa und Lateinamerika inspirieren – und sie bezeichnen sich bald als Ultras.

In der anonymen Stadionmasse verdrängen die Ultras ihre Zukunftsängste und fühlen sich gemeinsam stärker als allein am Arbeitsplatz oder auf der Straße. Die Sicherheitsorgane vermuten darin bald eine Gefahr und lassen die Ultras überwachen. Häufig kommt es zu Konfrontationen mit der Polizei. Die Ultras von Al Ahly eignen sich Taktiken des Straßenkampfes an. Noch wollen sie nicht als politische Kraft wahrgenommen werden, aber das ändert sich 2011.

Söhne gegen Väter

Während des „Arabischen Frühlings“ spielen Ultras auf dem Tahrir-Platz in Kairo eine bemerkenswerte Rolle. Sie kennen sich untereinander, können schnell Spione der Geheimdienste ausmachen. Sie errichten Barrikaden, werfen Steine, bringen Verletzte auf Mopeds in Sicherheit. Nach dem Sturz von Mubarak übertragen junge Männer diese Entschlossenheit auf andere Lebensbereiche. Liberale beziehen Stellung gegen Konservative, Söhne gegen Väter, Muslime gegen islamistische Hardliner.

Doch der Militärapparat schlägt zurück. Am 1. Februar 2012, fast ein Jahr nach dem Fall von Mubarak, muss die Mannschaft von Al Ahly in der Hafenstadt Port Said antreten. Nach dem Schlusspfiff werden die Stadionlichter früh abgeschaltet. Fans des Heimvereins Al Masry attackieren die Ultras von Al Ahly mit Brandsätzen, Messern, Flaschen. Die Polizei lässt sie gewähren, es entsteht Massenpanik. Fans von Al Ahly werden von der Tribüne gestoßen, andere stoßen auf verschlossene Tore.

Am Ende sind mehr als siebzig Menschen tot, die meisten im Alter zwischen 15 und 20. Wollte die alte Gefolgschaft von Mubarak den revolutionären Ultras von Al Ahly eine Lektion erteilen, die dann aus dem Ruder gelaufen ist? In den Gerichtsprozessen bleiben hohe Funktionäre straffrei. Präsident Abdel Fattah al-Sisi, seit einem Putsch 2013 an der Macht, nimmt die Eskalation als Vorwand, um Fangruppen aus den Stadien zu verbannen. Für den Staat gelten Ultras nicht mehr als Kleinkriminelle, sondern als Terroristen. Viele von ihnen gehen in den Untergrund.

Auch prominente Fußballer leben gefährlich. Der bekannteste von ihnen: Mohamed Aboutrika. In seinen 100 Länderspielen schießt Aboutrika fast vierzig Tore und führt Ägypten zum Gewinn von zwei Afrikameisterschaften. Doch Aboutrika setzt sich über staatliche Linien hinweg. Er sammelt Spenden für benachteiligte Gruppen und sympathisiert offen mit der Bevölkerung im Gazastreifen. In den letzten Jahren seiner Laufbahn kritisiert er das Militärregime. Sein Name wird auf einer Terrorliste geführt, seine Bankguthaben: eingefroren. Aboutrika lebt inzwischen in Katar und ist als Fernsehkommentator tätig. Aus Sorge vor Strafverfolgung unterstützen ihn öffentlich nur noch weniger Ägypter. Einer, der zu Aboutrika hält, muss wegen seiner Bekanntheit keine Strafe fürchten: Liverpool Stürmerikone Mohamed Salah.

Mit der wachsenden Repression in Nordafrika verliert die Bewegung der Ultras an Einfluss, nicht jedoch in Algerien. Dort kündigt im Februar 2019 der schwerkranke Präsident Abdelaziz Bouteflika die Kandidatur für eine fünfte Amtszeit an. Bald darauf demonstrieren hunderttausende Menschen gegen das Regime. Unter ihnen: Die Ultras des Vereins USM Algier, die sich „Ouled El Bahdja“ nennen, Kinder der Strahlenden. Die Ultras entwickeln Lieder, die zu Protesthymnen werden. Das bekannteste ist „La Casa del Mouradia“, in Anlehnung an den Präsidentenpalast im Stadtviertel El Mouradia. Eine Parodie auf die spanische TV-Verbrecherserie „La Casa de Papel“, Haus des Geldes.

Mit ihren Liedern greifen Ultras in Algerien Elemente der Chaabi-Musik auf, einer Mischung aus volkstümlichen arabischen und andalusischen Melodien. Chaabi kommt aus dem Arabischen und bedeutet: Volk. Ab den 1930er Jahren hatten sich auch in Algerien Arbeiter, Künstler und Sportler in Cafés getroffen, um sich Fußballkommentare im Radio anzuhören. Mittlerweile nehmen die Ultras ihre Lieder in Tonstudios auf, produzieren Videos und sammeln Spenden. So tragen sie ihren kleinen Teil dazu bei, dass Abdelaziz Bouteflika 2019 den Plan für die Wiederwahl aufgibt. Doch die Ultras stehen überall in der arabischen Welt unter staatlicher Beobachtung, denn ihre Mobilisierungskraft ist gefürchtet.

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