Freude pur: Joshua Sargent (rechts) und Milot Rashica.
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Freude pur: Joshua Sargent (rechts) und Milot Rashica.

Werder Bremen

Rettungsanker Relegation

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Werder Bremen feiert ein „kleines Wunder von der Weser.“ Trainer Kohfeldt appelliert an die Fans.

Am Anfang waren da nur zwei Plakate, die über den Stahlgeländern am Zugang zum Weserstadion hingen. „Wir sind bei euch“ stand in grüner Schrift auf dem einen, „Ihr schafft das! Wish we were here“ auf dem anderen. Bei plakativer Unterstützung wollten es die Anhänger des SV Werder an einem historischen Samstag am Ende aber nicht belassen, nachdem die Bremer mit einem 6:1-Kantersieg gegen den 1. FC Köln am letzten Spieltag noch den Rettungsanker Relegation ausgeworfen haben. Hunderte Menschen strömten an die Spielstätte am Flussufer, wo sich „ein kleines Wunder von der Weser“ ereignet hatte, wie tags darauf der „Weser Kurier“ titelte.

So wie sich das Gewitter am Osterdeich verzog, wendete der Verein mit der längsten Bundesliga-Zugehörigkeit den Direktabstieg ab. Der vor einem halben Jahrhundert komponierte Klassiker „Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein erklang, und aus den Logen der Nordtribüne dröhnte sogar ein „Schenket ein“ durchs verwaiste Stadion. So viel Überschwang und Übermut waren Florian Kohfeldt nicht ganz geheuer. So appellierte der Trainer nicht nur an seine Spieler, in einer weiterhin „brutalen Drucksituation“ den Fokus zu behalten („Wir haben noch nichts erreicht“), sondern auch an die Fans, das Relegationshinspiel am Donnerstag nicht durch falsch verstandene Solidarität zu gefährden. „Bitte bleibt zu Hause und schaut am Fernsehen Fußball. Wir sind immer noch mitten in einer Pandemie.“ Der Klub hatte vergeblich über die Sozialen Medien versucht, den Fanauflauf zu verhindern.

Der Fußballlehrer ging insofern mit gutem Beispiel voran, indem der 37-Jährige frisch geduscht nach Spielschluss einsam über den Rasen spazierte, um sich über die Westseite nach draußen zu schleichen. Seine Kicker entgingen den Menschenansammlungen durch die Tiefgarage. Offenbar fällt es eingefleischten Werder-Sympathisanten in dieser hochemotionalen Situation schwer, die Geschehnisse distanziert zu verfolgen.

Relegationsspiele sind einmalig in der langen Historie, und der zweite Sturz in die Zweitklassigkeit seit 1980 ist ja noch nicht abgewendet, aber die Grün-Weißen müssen nicht mehr auf Mithilfe eines Dritten hoffen. Neben Mitgefühl für den Absteiger Fortuna Düsseldorf stellte Kohfeldt seiner Analyse eine verbale Verbeugung vor Union Berlin voran. „Großen Respekt“ verdiene der Einsatz der Eisernen. Aufsichtsratschef Marco Bode fand „mehr als ein Danke“ angebracht; Mittelstürmer Niclas Füllkrug empfahl, „eine Kiste Bier rüberwachsen zu lassen“. Die Bremer Stadionregie war so feinfühlig, gleich als zweiten Song nach Schlusspfiff die Vereinshymne „Eisern Union“ aufzulegen. Nina Hagen statt immer nur „Lebenslang Grün-Weiß“ hörte sich gar nicht verkehrt an.

Werders Stadionsprecher und Hymnensänger Arnd Zeigler war da schon vor den Kabinentunnel geeilt, um den Akteuren kräftig Applaus zu klatschen. Für die Torschützen Yuya Osako (22. und 58.), Milot Rashica (27.), Niclas Füllkrug (29.), Davy Klaassen (55.) und Josh Sargent (68.), die bei einem Gegentreffer von Dominick Drexler (62.) einen Sturmwirbel entfachten, der an beste Zeiten erinnerte. Kohfeldt lobte eine „tolle Leistung, fußballerisch und kämpferisch“. Ein Angriff mit dem spielfreudigen Osako, dem schnellen Rashica und dem wuchtigen Füllkrug könnte in den Entscheidungsspielen noch zur wichtigen Waffe werden. Eine Auferstehung im Triumvirat wie von Geisterhand.

Gegen einen indisponierten Gegner gelangen sechs schön herausgespielter Treffer, wo sich die Norddeutschen zuvor mit neun Törchen in 16 Heimspielen begnügt hatten. Kohfeldt fühlte flugs seine These bestätigt, dass man gar nicht in solche Not geraten wäre, wenn ihm nur das Personal verletzungsfrei zur Verfügung gestanden hätte. Immerhin kann alles für Werder noch glimpflich ausgehen. „Wir waren so häufig tot und abgeschrieben dieses Jahr“, stellte er mit ein bisschen Pathos fest, „jetzt haben wir es wieder selbst in der Hand. Aber wir müssen die Anspannung hoch halten.“ Für die Rettung ist erst der Anfang gemacht.

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