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Banger Blick: DFB-Chef Reinhard Grindel.

DFB-Führung

Reinhard Grindel - Präsident ohne Volk

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Das Binnenklima im Deutschen Fußball-Bund um Reinhard Grindel wird zunehmend eisig.

Bei Reinhard Grindel handelt es sich um einen fleißigen Menschen. Und dennoch ist der 57-Jährige derzeit sehr einsam. Ein unvollständiger Auszug aus dem aktuellen Programm des noch amtierenden DFB-Präsidenten binnen zwei Wochen von gestern rückwärts: Laudatio zur neuen „Hall of Fame“ des deutschen Fußballs in Dortmund, Festrede zur Ausstellungseröffnung „125 Jahre VfB Leipzig“, Trainerpreisverleihung in Köln, Auftritt beim Fußballfilmfestival im Kino Babylon in Berlin, Länderspiel mit Rahmenprogramm in Amsterdam, Werksbesichtigung VW mit Nationalmannschaft in Wolfsburg, Podiumsdiskussion der Frankfurt School mit Eintracht-Aufsichtsratschef Steubing, Krisensitzung DFB-Präsidialausschuss sowie Empfang und Länderspiel in Wolfsburg, TV-Studiogast in der Sendung „Blickpunkt Sport“ in München nach Rückkehr von Fifa-Council in Miami. Aber seinen eigenen Laden hat er nicht mehr im Griff.

Als Ex-Berufspolitiker ist Grindel ein hohes Pensum gewohnt. Zur täglichen Routine gehört, dass er schon früh am Morgen den Pressespiegel studiert. Was der Mann aus Rotenburg an der Wümme dort zuletzt vorgesetzt bekam, hat ihm heftig zugesetzt: „Präsident Peinlich“ („Spiegel“), „Reizstimmung um Grindel“ („Süddeutsche Zeitung“), „Grindel verliert Rückhalt“ („Kicker“), „Goldener Handschlag für Grindel?“ („Bild“), „Angriff auf den Präsidenten“ („FAZ“), „Grindel in Bedrängnis“ („FR“).

Reinhard Grindel ist schwer angeschlagen

Eigentlich war fest geplant gewesen, dass der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete am 27. September beim DFB-Bundestag in Frankfurt mit dem Rückenwind der erfolgreichen EM-Bewerbung für 2024 und dem Anfang Mai erfolgenden Spatenstich zur neuen DFB-Akademie in seine dritte Amtszeit startet. Doch schon die letzten Wochen waren wegen einigen Episoden unglücklicher Öffentlichkeitsarbeit reichlich unruhig für Grindel verlaufen. Vorvergangene Woche in Wolfsburg soll ihm in einer Sitzung deshalb kalter Gegenwind aus dem mit den hochrangigen Präsidiumsmitgliedern Reinhard Rauball, Rainer Koch, Peter Peters, Stephan Osnabrügge und Friedrich Curtius zusammengesetzten DFB-Präsidialausschuss entgegengeweht sein.

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Das Wochenende mit einem Bericht des „Spiegel“ über bislang öffentlich nicht bekannte Einnahmen von 78.000 Euro für ein Aufsichtsratsmandat einer DFB-Tochtergesellschaft zwischen Juli 2016 und Juli 2017 hat das ohnehin frostige Klima nochmals eisiger werden lassen. Zumal diese – zuvor auch an den Vorgänger Wolfgang Niersbach geleistete – Zahlung im DFB-Präsidium etlichen Mitgliedern nicht bekannt war. Aufgrund der von Grindel selbst vorangetriebenen strengen Compliance- und Transparenz-Richtlinien sind die Kollegen einigermaßen erschüttert, dass Grindel sich für zwei Sitzungen im Jahr derart üppig bezahlen ließ.

Der angeschlagene DFB-Präsident hat längst wahrgenommen, dass ihm in den DFB-Führungsgremien der Rückhalt fehlt, der notwendig wäre, um eine Wiederwahl und ein künftiges produktives und vertrauensvolles Miteinander zu ermöglichen. Die Zahl seiner Fürsprecher ist merklich gesunken. Fakt ist: Bei einem möglichen sofortigen Rücktritt oder auch Rückzug im September wäre er weiterhin DFB-Vertreter bei Uefa und Fifa.

Öffentlich äußern wollte sich Grindel am Montag auf FR-Anfrage in der zugespitzten Situation zunächst nicht, ebenso wenig wie andere Verbandsfunktionäre. Der bereits als mögliche Grindel-Nachfolger gehandelte Ex-Nationalspieler und Sky-Experte Christoph Metzelder ist im Verband indes viel weniger ein Thema als der designierte EM-2024-Boss Philipp Lahm oder DFB-Elite-Direktor Oliver Bierhoff.

DFL erwartet DFB-Reform

Insgesamt geben die beiden Fußballverbände DFB und DFL aktuell kein gutes Bild ab. Die Krise um Grindel überdeckt die krachende Niederlage der Deutschen Fußball-Liga im Rechtsstreit mit dem Bundesland Bremen. Die DFL, die sich im Zuge der im Sommer zu Ende gehenden Amtszeit von DFL-Präsident Reinhard Rauball eine modernere Struktur geben will, erwartet vom DFB ähnlich konsequente Reformbemühungen.

Schon nach der Affäre um Ex-Nationalspieler Mesut Özil hatte sich DFL-Geschäftsführer Christian Seifert irritiert geäußert, dass es innerhalb des DFB Akteure gebe, die „aus der Anonymität irgendwelche Zweifel“ streuen würden, um so einen Anlass für Rücktritte zu kreieren. Er forderte vehement eine DFB-Struktur, die „endlich klar trennt zwischen einem professionellen hauptamtlichen bezahlten Management und einem Aufsichtsgremium aus Amateurvertretern und Profifußballvertreten, das sich tatsächlich auf die Aufsicht konzentriert“.

Ein solches Konstrukt wäre wohl unbedingte Voraussetzung dafür, dass sich ein künftiger DFB-Präsident nicht mehr so schnell verbraucht, wie es Reinhard Grindel zwischen April 2016 und April 2019 widerfahren ist.

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