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Reiner Clamund war lange Jahre das Gesicht von Bayer Leverkusen.

Bundesliga

Reiner Calmund: „Der DJ Ötzi hat uns auch noch genervt“

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Reiner Calmund an seine traumatische Erinnerung an den Meisterschaftskampf mit dem FC Bayern vor 19 Jahren. 

Herr Calmund, auch wenn es wehtut, müssen wir über den 20. Mai 2000 sprechen. Wie oft denken Sie noch an diesen Tag zurück?
Ich denke immer wieder mal daran, aber man muss die Ergebnisse respektieren und akzeptieren. Wenn man keine Lösung für etwas findet, vergisst man es besser. Dieses Spiel war eine ganz bittere Nummer, wir mussten das einfach über uns ergehen lassen.

Wie haben Sie den Tag erlebt?
Ich bin morgens wie ein Gummiball im Hotel rumgehüpft, aber mit zunehmender Zeit wurde ich immer ruhiger. Auf der Tribüne dachte ich dann: Ich sitze wie eine Schlaftablette neben Rudi Völler. Das war zumindest mein Gefühl. Vor dem Wochenende hatte mir unser legendärer Medizinmann Dieter Trzolek ein Langzeit-EKG verpasst, weil er Angst um meine Pumpe hatte. Die Auswertung zeigte, dass ich am Morgen tatsächlich voll im roten Bereich war. Beim Anpfiff um 15.30 Uhr lag mein Ruhepuls bei 65, ich war Mister Valium persönlich. 

Reiner Calmund war lange Jahre das Gesicht von Bayer Leverkusen. Der Rheinländer begann 1976 beim Werksverein als Stadionsprecher und Jugendleiter, wurde später Manager und Geschäftsführer und trat 2004 zurück.

Im Interview blickt der heute 70-Jährige auf den bittersten Nachmittag seiner Karriere zurück.

Michael Ballack erzielte in der 20. Minute ein Eigentor, anschließend ging es mit Leverkusen dahin.
Wir waren vor dem Spiel super im Rhythmus, haben die schweren Auswärtsspiele gegen Werder und den HSV souverän gewonnen. In Bremen hat uns das ganze Stadion gefeiert und „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ gesungen. Nach dem Eigentor von Michael Ballack in Unterhaching war dann alles weg. Wir hatten zwar noch etwas mehr Feldanteile, aber keine Dominanz, Aggressivität und Torgefahr. Und dann war da noch DJ Ötzi.

Wie bitte?
In Unterhaching wurde schon beim Einlaufen „Der Anton aus Tirol“ gespielt. Später dann auch bei Hachinger Treffern und wenn durchgesagt wurde, dass die Bayern im Olympiastadion ein Tor geschossen hatten. Der DJ Ötzi hat uns also auch noch genervt, die Platte habe ich mittlerweile nicht mehr.

Hat sich nach dem Krimi jemand vom FC Bayern bei Ihnen gemeldet?
Ja, spätabends nach dem Spiel habe ich mit Uli Hoeneß telefoniert. Ich habe ihm gratuliert, er hat mir gesagt: Wir freuen uns natürlich über den Titel, aber für dich persönlich tut es mir leid. Das war eine sehr menschliche Reaktion von ihm.

Kommen wir zur Gegenwart: Endlich steht mal wieder ein Finale um die Meisterschaft an. Wer macht das Rennen?
Die Münchner gehen als großer Favorit auf die Meisterschaft ins Spiel, weil ihnen ein Unentschieden reicht. So wie bei uns damals. Ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen: Im Fußball ist aber immer alles möglich, deshalb musst du wahnsinnig aufpassen. Wenn alles normal läuft, werden die Bayern Meister, aber sie sollten sich nicht zu sicher fühlen.

Wie wichtig ist es für die Bundesliga, dass es bis zum letzten Spieltag spannend geblieben ist?
Mich freut das sehr. Der Spieltag ist fantastisch, weil auch die Gegner von Bayern und Dortmund noch etwas tun müssen. Mönchengladbach kann sich mit einem Sieg gegen den BVB für die Champions League qualifizieren. Die Dortmunder werden Jadon Sancho bis Samstag wieder aufpäppeln, zudem kommt Marco Reus nach der Sperre zurück. Und auch für Frankfurt ist noch alles drin: Champions League, Europa League oder gar nichts. Das setzt Kräfte frei und ist nicht unproblematisch für die Bayern. Es wird ein ganz heißes Tänzchen!

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