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Reine Ansichtssache

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Von: Daniel Schmitt

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Rot für Drexler: Kann man geben. Muss man nicht.
Rot für Drexler: Kann man geben. Muss man nicht. © dpa

Sollen den Fans die vom VAR überprüften Szenen live im Stadion gezeigt werden? Der DFB wünscht es sich. Dabei würde das den Druck auf die Schiedsrichter nur weiter vergrößern. Ein Kommentar.

Wenn Dr. Jochen Drees, der DFB-Projektleiter für den Videobeweis, einen Vorstoß wie diesen wagt, künftig die den pfeifenden Regelhütern vom Video Assistant Referee (VAR) zur Verfügung gestellten TV-Bilder parallel auf Videowürfeln oder Anzeigetafeln dem Stadionpublikum sichtbar zu machen, klingt das erstmal einleuchtend. Warum sollten die Fans in den Arenen weniger Infos über strittige Situationen erhalten als jeder Zuschauende auf dem heimischen Sofa? So weit, so logisch. Und doch zu kurz gedacht.

Ein Beispiel: Schalkes Dominick Drexler tritt am Sonntagabend seinem ehemaligen Teamkollegen, dem Kölner Kapitän Jonas Hector, mit den Stollenschuhen von hinten auf die Wade. Augenscheinlich unabsichtlich, ein Freistoß, na klar. Danach ein Sorry, halb so wild, weiter geht’s. So sah auch Spielleiter Robert Schröder jene Situation in der 35. Minute, die letztlich das Spiel zugunsten der Domstädter entscheiden sollte (3:1) - auf den ersten Blick jedenfalls. Auf den zweiten wurde er vom Männchen im Ohr an die Seitenlinie beordert, um sich dort ein genaueres Bild machen zu können. Zeitlupe an, gefolgt von der Super-Zeitlupe. Das Ergebnis: ein Tritt in die Wade oberhalb des Knöchels, nach den Regeln eine Rote Karte. Kann man schon geben, muss man aber nicht, wie Köln-Coach Steffen Baumgart mit Verweis auf den ansonsten stets „fairen“ Drexler, immerhin ein Ex-Schützling, verwies.

Davon abgesehen, dass ein Schiedsrichter nicht das grundsätzliche Verhalten eines Spielers in einzelnen Situationen bewerten darf, dieses Argument also keines ist, wird doch etwas offensichtlich: eine Situation, zwei Meinungen - reine Ansichtssache also. Im doppelten Wortsinne.

Mehr Druck für Schiris

Denn was wäre wohl passiert, hätte das Stadionpublikum jene TV-Sequenz live vor Ort vorgespielt bekommen? Mit womöglich 50 bis 100 Metern Entfernung zum Bildschirm? Auf einer Anzeigetafel, die an manch Fußballstandorten kaum den Spielstand erkennen lässt. Christian Streich, Freiburger Cheftrainer, vermutet ganz allgemein: „Es gibt Situationen, wo dann von einer Mannschaft 40 000 Fans im Stadion sind. Und 23 000 sehen es so und 17 000 sehen es so.“ Ein gellendes Pfeifkonzert wäre das Mindeste, wüste Beschimpfungen des Schiedsrichters das Erwartbare.

Das Ziel von Projektleiter Drees, durch mehr Transparenz den Druck von den Schiedsrichtern zu nehmen, ist ein hehres. Es würde in einigen Situationen gewiss auch funktionieren: Abseits ist nun mal Abseits, wird jeder verstehen. Im Graubereich des Schiedsrichterwesens aber, der nun mal recht groß ist, wird es schwierig - zu schwierig.

Christian Streich kommt entsprechend zum Fazit: „Das würde ich auf keinen Fall machen.“ Er hat Recht, wie so oft. Der Druck auf die Schiedsrichter könnte sich gar noch erhöhen.

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