+
Bald Chef beim FC Bayern: Titan Oliver Kahn.

Oliver Kahn

Reif für einen neuen Tunnel

Ex-Torhüter Oliver Kahn hat mit 50 die Balance gefunden, die er für seinen künftigen Job beim FC Bayern braucht.

Die Tage vor dem Jubiläum war Oliver Kahn viel unterwegs. In Mainz beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft, in Hamburg bei der „Spielmacherkonferenz“. Es ging ein bisschen um die Gegenwart, wie beim 8:0-Kantersieg gegen Estland, noch mehr um die Zukunft. Die wird Kahn wohl wieder zurück in die Vergangenheit führen, zum FC Bayern, als Nachfolger des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge. Wenn alles zusammenpasse, „dann ist es doch auch ganz logisch, dass ich mich mit einem solchen Thema auseinandersetze“, sagte der frühere Torwart, der am heutigen Samstag seinen 50. Geburtstag feiert – „wie immer privat“.

Oliver Kahn und der FC Bayern, das gehört irgendwie zusammen, auch elf Jahre nach seinem Karriereende. Er war Teil einer großen Ära beim Rekordmeister und verkörpert noch immer das viel bemühte Mia-san-mia-Gefühl. Der Verein, sagte er, „ist ein ganz, ganz großer Teil meines Lebens gewesen“. Da spüre man „auch eine gewisse Verpflichtung und später auch eine gewisse Dankbarkeit“. Schon 2004 hatte man sich beim Rekordmeister damit beschäftigt, den Torhüter ins Management einzubinden, wenn der seine Profilaufbahn beendet hat. „Aber damals war Kahn noch zu sehr im Tunnel“, sagte Präsident Uli Hoeneß im Vereins-Magazin „51“.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Der vom Boulevard einst zum Titan hochstilisierte Kahn musste 2008 erst einmal raus aus der Profi-Maschinerie – und rein ins Privatleben, ohne den Fußball aus den Augen zu verlieren. Er begann, als Experte beim ZDF zu arbeiten, studierte in Salzburg Wirtschaft mit Schwerpunkt „General Management“ und gründete ein Unternehmen (Goalplay) mit dem Ziel, „Torspieler nachhaltig besser zu machen“, wie er auf der Webseite der Firma zitiert wird. Zuletzt absolvierte er noch einen viertägigen Harvard-Business-Kurs.

Der Leistungsgedanke spielte in der Karriere von Kahn stets eine große Rolle. Schon der kleine Oli daheim in Karlsruhe wollte der Beste sein. Seine Großeltern hatten ihm eine komplette Torwartausrüstung von Sepp Maier geschenkt, als er als Knirps beim Karlsruher SC begann. Deshalb war für ihn klar, dass er ins Tor wollte. Angetrieben von Vater Rolf, ebenfalls ein Fußballer aus Leidenschaft, entwickelte er einen Willen, der ihn schließlich ganz nach oben führen sollte.

Seine hohen Ansprüche an sich selbst verfolgte er mit einer Verbissenheit, die für sein Umfeld nicht immer leicht zu ertragen war. Auch körperlich nicht. Auf den Dortmunder Stephane Chapuisat ging Kahn mit einem Kung-Fu-Tritt los, dessen Teamkollege Heiko Herrlich spürte nicht nur den Atem des Torhüters an Ohr und Hals, sondern auch dessen Zähne. Und Mitspieler Samuel Kuffour wurde von Kahn nach einem Fehler derb geschüttelt. „Mein Aggressionen brachen heraus, und ich konnte sie nur schwer steuern“, schrieb er in einem seiner Bücher.

Aber da war eben auch dieser Weiter-immer-weiter-Kahn, der seine Mannschaft mitriss, wie 2001 bei der Last-Minute-Meisterschaft in Hamburg, sie anführte und der Klartext redete. Legendär ist sein Spruch „Eier, wir brauchen Eier“ nach einer Niederlage beim FC Schalke 04.

Hoeneß erzählt im „51“ eine Anekdote, die bestens erklärt, warum Kahn ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde des Fußballs war. Der Präsident erinnert sich an einen Auftritt des Torhüters in der Geschäftsstelle. Wie eine Furie näherte sich Kahn dem Büro des damaligen Managers und schrie „Wo ist er, wo ist er?“ Trainer Ottmar Hitzfeld hatte eine Geldstrafe und ein Spiel Sperre gegen ihn verhängt. Kahn tobte bei Hoeneß und schlug die Türe zu, nachdem er mit seiner Beschwerde abgeblitzt war. Eine Stunde später entschuldigte sich Kahn am Telefon bei Hoeneß. Am nächsten Tag stand er mit einem Blumenstrauß für Susi Hoeneß vor dem Anwesen des Managers am Tegernsee.

Fast alles gewonnen

In den 14 Jahren beim FC Bayern erlebte Kahn fast alles. Er wurde zum besten Torhüter der Welt, gewann die Champions League, den Weltpokal, den Uefa-Pokal. Er wurde Europameister (allerdings nur als Nummer zwei auf der Bank), achtmal deutscher Meister und sechsmal Pokalsieger. Aber da waren eben auch Rückschläge, Brüche, private und sportliche. Seine Affäre mit Verena Kerth 2003 sorgte fast für mehr Aufmerksamkeit als seine Paraden. Bei der WM 2002 hatte es eine durchschnittlich begabte Mannschaft seiner außergewöhnlichen Leistung zu verdanken, dass sie das Finale gegen Brasilien erreichte. Dort rutschte ihm dann ein lächerlicher Ball durch die Torwarthandschuhe – und Deutschland verlor. Nach Abpfiff saß Kahn sekundenlang mit leerem Blick an den Pfosten gelehnt auf dem Rasen. Vier Jahre später degradierte ihn Jürgen Klinsmann kurz vor der Heim-WM zur Nummer zwei. Kahn begriff erst im Herbst seiner Karriere, dass Niederlagen dazugehören. Er nahm sie an – manchmal jedenfalls.

Nun begibt er sich auf die andere Seite des Fußballs, versucht ab 2020 beim FC Bayern anzuwenden, was er in den vergangenen Jahren gelernt hat, in der Wirtschaft, als Unternehmer und bei den Medien. „Viel ausbalancierter“ sagte Hoeneß, sei Kahn jetzt. „Oliver hat sich enorm entwickelt, eine innere Ruhe gefunden.“ Er ist reif für einen Fußball-Tunnel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion