1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Rehabilitation der Reizfigur

Erstellt:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Machte eine gute Figur: Schiedsrichter Zwayer (links), hier im Gespräch mit dem Mainzer Torwart Robin Zentner.
Machte eine gute Figur: Schiedsrichter Zwayer (links), hier im Gespräch mit dem Mainzer Torwart Robin Zentner. © IMAGO/Jan Huebner

Beim Mainzer Heimsieg gegen Bielefeld rückt Schiedsrichter Felix Zwayer in den Mittelpunkt, weil er der Torlinientechnik nicht traut - zu Recht.

Felix Zwayer kennt das Gefühl zur Genüge, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen. Vielleicht hat der Schiedsrichter auch deshalb kaum Scheu, für seine Entscheidungen meist auch öffentliche Erklärungen zu liefern. Wie nach dem Bundesligaspiel zwischen dem FSV Mainz 05 und Arminia Bielefeld (4:0), als ausgerechnet jener Referee, der sich nach dem Gipfeltreffen zwischen Borussia Dortmund und Bayern München (2:3) heftigsten Anfeindungen ausgesetzt sah, eine Peinlichkeit verhinderte: das erste Phantomtor der Bundesliga-Geschichte wegen technischen Versagens.

Die forschen und offenbar bereits aller Corona-Nachwirkungen entledigten Mainzer führten durch ein Blitztor von Jonathan Burkardt nach 27 Sekunden mit 1:0, als das frohgelaunte Publikum bald darauf das vermeintliche 2:0 feierten. Der Stadionsprecher verkündete Kapitän Moussa Niakhaté als Torschützen, doch hatte Arminia-Keeper Stefan Ortega die Kugel auf der Linie gesichert (15.). Gleichwohl bekam Zwayer mit einiger Verspätung das Tor-Signal auf seine Uhr – und zeigte auf den Anstoßpunkt.

„Doch die gewisse Verzögerung hat mich stutzig gemacht.“ Der Chef und seine Assistenten auf dem Platz und im Kölner Keller hatten indes den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmte. Also eilte der 40-Jährige an den Kontrollmonitor: „Ich musste und sollte nicht raus. Ich wollte mir aber unbedingt selbst ein Bild machen.“ Und siehe da: Mit seinem Spürsinn kam der Unparteiische einer Tücke der Technik auf die Schliche und lobte sich dafür gerne selbst. Es habe „unheimlich gut getan, mit einem klaren Bild zurück aufs Feld zu gehen und es den Spielern und Beteiligten zu erklären“. So etwas, sagte der Fifa-Schiedsrichter, habe er auch noch nicht erlebt. Dringend sollte nun der Anbieter den Vorfall auswerten. „Wir haben gehört, dass das System im Lauf des Spiels überprüft wurde und dass tatsächlich eine Fehlfunktion vorgelegen hat.“ Arminia-Coach Frank Kramer bemühte Galgenhumor für das Kuriosum: „Je mehr Technik, desto besser ist es. Dann kann die Technik die Technik wiederum überstimmen.“

Doch nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn niemand den Blackout der 2015 eingeführten Torlinientechnologie entlarvt hätte. Zum einen hätte ein Bielefelder Protest große Aussicht auf Erfolg besessen. So wie der DFB nach dem bislang einzigen Phantomtor von Thomas Helmer am 23. April 1994 im Bundesligaspiel FC Bayern – 1. FC Nürnberg (2:1) eine Neuansetzung verfügte und danach einen heftigen Rüffel des damals noch auf die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters pochenden Weltverbandes Fifa kassierte. Zum anderen hätte es wieder kräftig an der Reputation eines Referees gekratzt, der sogar Morddrohungen erhielt, nachdem der junge BVB-Profi Jude Bellingham an Zwayers zwielichtige Rolle im Hoyzer-Skandal erinnert hatte. Danach meldeten sich zur Causa fast jeder, der irgendetwas im deutschen Schiedsrichterwesen zu tun hat. Aus Selbstschutz verordnete sich der Berliner Immobilienkaufmann hernach an der Pfeife eine Auszeit, die erst vor fünf Wochen endete.

Beeindruckende Elferserie

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass Zwayer am Samstag noch an einem anderen Novum tatkräftig beteiligt war, als er in der zweiten Hälfte dreimal binnen einer Viertelstunde auf den Elfmeterpunkt deutete. Doch schimpfte der ostwestfälische Abwehrchef Amos Pieper nicht über den Spielleiter, sondern mit seinen töricht foulenden Mitspielern Manuel Prietl und Andrés Andrade. Nacheinander verwandelten Niakhaté (65.), Burkardt (75.) und Marcus Ingvartsen (79.) sicher, wobei bemerkenswert war, dass Kapitän Niakhaté allein bestimmte, wer schießt. „Er ist der Boss“, berichtete Burkardt. Die Nullfünfer fahren bestens mit ihrem Auswahlverfahren, wie eine Serie von 36 verwandelten Elfmetern seit April 2013 (!) belegt.

Auch eine solche Elferflut, bekundete Zwayer, sei sicherlich „außergewöhnlich“. Doch wenn Foulspiele passierten, „dann müssen sie geahndet werden. Dann kann ich auch nicht anfangen zu zählen.“ Generell habe ihm der Nachmittag gezeigt, wie spannend sein Job sein kann: „Es passieren Dinge, mit denen man nicht rechnet und dann ist es ganz wichtig, Ruhe zu bewahren und den gesunden Menschenverstand zu benutzen.“ Das hat er gut gesagt – und gut gemacht.

Auch interessant

Kommentare