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Ist endlich nicht mehr Luft - der Schiedsrichter, hier Felix Brych.

Neue Regeln

Regeländerungen: Der Schiri ist nicht mehr Luft

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Vom Umgang mit dem lästigen Zeitspiel bis zur Handspielauslegung: Wie die neuen Regeln die kommende Saison in der Fußball-Bundesliga beeinflussen werden.

Die neue Regelkunde des Weltfußballverbandes Fifa führt zu beachtlichen – wenn auch in manchen Fällen eher theoretischen – Konsequenzen. Bisher war es nämlich so, dass sogar ein Torwart per Abwurf ein Tor erzielen durfte. Damit ist nun Schluss, was ebenso konsequent wie logisch erscheint. Denn: Es gibt seit dieser Saison eine neue Auslegung der Handspielregel. Jedes Tor, bei der die Hand des Schützen im Spiel gewesen ist - und sei es noch so völlig unabsichtlich - wird nicht gewertet. Jedenfalls dann nicht, wenn das Vergehen vom Schiedsrichter oder Videoassistenten auch erkannt wurde. Im Klartext: Auch wenn ein Spieler völlig ohne Absicht mit der Hand oder dem Arm in Ballbesitz gelangt und sich dadurch einen Vorteil verschafft, soll ein darauffolgendes Tor nicht anerkannt werden. Das war bisher nicht so.

Das International Football Association Board der Fifa (Ifab) hat weitere Neuerungen auf den Weg gebracht, die zwar bereits seit Anfang Juni gelten und also schon bei der Frauen-WM in Frankreich angewandt wurden, vielen deutschen Fußballfans aber erst jetzt mit dem Start der Bundesligasaison am Freitagabend mit der Partie des FC Bayern gegen Hertha BSC gewahr werden.

Die Handspielregel spielt dabei - siehe oben - eine besondere Rolle. Das Ifab hofft, für mehr Klarheit zu sorgen. „Beim Handspiel“, sagt der zuständige deutsche Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich, „war das Problem bisher, dass nur die Absicht in den Regeln stand“. Dadurch sei der Spielraum für Interpretationen „extrem breit“ gewesen – und ergo auch das Unverständnis in manchen Szenen. Denn welcher Referee kann stets zweifelsfrei bewerten, ob ein Spieler mit voller Absicht Hand gespielt hätte?

Jetzt soll es immer einen Pfiff geben, wenn der Spieler seine Körperfläche unnatürlich vergrößert – grundsätzlich gilt das bei Armhaltung über Schulterhöhe. Nicht gepfiffen werden soll aber, wenn der Ball direkt vom Kopf oder Körper des Spielers an dessen eigene Hand springt, ganz egal, wie hoch über der Schulter oder weit weg vom Körper diese sich befindet. Das gilt dann als unabsichtlich. Kommt der Ball von einem Gegenspieler, wird automatisch Absicht unterstellt.

Weitere Neuerungen, die durchaus Sinn machen könnten

Um lästiges Zeitspiel zu verhindern, muss ein ausgewechselter Spieler auf Weisung des Schiedsrichters das Feld an der nächstmöglichen Linie verlassen. So soll verhindert werden, dass auszuwechselnde Spieler im gemächlichen Schritttempo bis zu 80 Meter diagonal über den Platz wandern und dabei noch Dutzende Hände schütteln, ehe sie dann endlich das Feld verlassen haben und das Spiel weiterlaufen kann.

Bei einem Freistoß dürfen sich die Spieler der ausführenden Mannschaft nicht mehr in die gegnerische Mauer stellen. Sie müssen Mindestabstand von einem Meter einhalten. Damit soll das Gedrängel und Geschubse in Freistoßmauern von vorne herein unterbunden werden.

Beim Elfmeter braucht ein Torwart nur noch mit einem Fuß auf der Torlinie zu stehen, nicht mehr mit beiden Füßen. Allerdings sind die Referees angehalten, genauer darüber zu wachen. Bei der Frauen-Weltmeisterschaft im Frühsommer war es indes zu allgemeiner Verärgerung gekommen, weil die Regel detektivisch mithilfe des Videobeweises überprüft worden war, teilweise mit Zehntelsekunden-Entscheidungen. Davon dürfte wieder Abstand genommen werden.

Streich fehlt eine Änderung

Christian Streich, der Trainer des SC Freiburg, ist alles in allem nicht unzufrieden mit dem neuen Regelkatalog. „Ein paar Sachen sind gut“, findet er. Die Sache mit den Handelfmetern zum Beispiel: „Wenn du dir selbst den Ball an die Hand schießt, weil du ihn nicht richtig triffst, gibt es keinen Elfmeter, das ist mehr als sinnvoll.“ Und doch fehlt dem 54-Jährigen „die entscheidende Regeländerung“

So solle die Uefa dringend einführen, dass es, ähnlich wie beim Handball, zwingend Gelb geben muss, wenn die schnelle Spielfortsetzung nach einem Freistoßpfiff verhindert wird, zum Beispiel, indem der Ball weggeschossen wird. In den ersten drei Wochen würde es zwar ein paar gelbe Karten geben, „aber dann hätte man Ruhe und derjenige, der gefoult wurde, hätte nicht nochmal einen Nachteil“. Er warte seit Jahren auf diese Änderung. Wenn sich ein Spieler vor den Ball stelle, werde er sogar noch gelobt vom eigenen Team, „und eigentlich gehört er sanktioniert“. Wenn das einer ein paar Mal mache, „kocht das Blut bei jedem Gegenspieler hoch und bei den Trainern draußen“ – und bringe den Schiedsrichter „in Not“, sagte der SC-Coach. (FR)

Beim Abstoß des Torwarts musste der Ball nach alter Regel erst den Strafraum verlassen, ehe er berührt werden durfte. Das führte dazu, dass Abwehrspieler, die ein gegnerisches Pressing unterbinden oder einfach Zeit schinden wollten, den Ball einfach schon im Strafraum annahmen und so eine Wiederholung des Abstoßes erzwangen. Jetzt müssen sie einen kurzen Bodenabstoß vom Keeper gegebenenfalls auch im Strafraum annehmen. Gegenspieler können direkt von der Strafraumgrenze aus einlaufen und attackieren. Es entstehen völlig neue, bislang unbekannte Spielsituationen. Abwehrspieler und Torhüter mit hohen technischen Fähigkeiten können davon profitieren, andere dürften den langen Abschlag als risikoärmeres Gegenmittel wählen.

Der Schiedsrichter war in der Vergangenheit sozusagen „Luft“. Wenn er versehentlich angeschossen wurde, ging es stets einfach weiter. Nun gilt: Wird ein Unparteiischer angeschossen und ändert damit die Spielrichtung beziehungsweise den Ballbesitz oder geht der Ball dadurch sogar ins Tor, gibt es Schiedsrichterball, und zwar für die Mannschaft, die zuletzt am Ball war.

Die Trainer ärgern sich über ein neues Gefahrenpotenzial für sie und weitere Funktionäre am Spielfeldrand. Sie können nun mit Gelb verwarnt werden oder gar Rot für den Tribünenverweis sehen. Nach Rot gibt es auf Fifa-Weisung künftig automatisch ein Spiel Sperre. Das war in der Bundesliga in der Vergangenheit nicht so. Trainer, die auf die Tribüne geschickt worden waren, durften am nächsten Spieltag wieder auf die Bank zurückkehren.

Nach der wievielten Gelben Karte Trainer, Manager oder Betreuer künftig ein Spiel aussetzen müssen, entscheidet sich erst am Mittwoch nach Saisonstart bei der Generalversammlung der Klubs in Berlin. Es dürfte auf eine Sperre nach viermal Gelb hinauslaufen, Spieler werden nach wie vor erst nach der fünften Gelben Karte gesperrt.

Die Bundesligatrainer sind not amused. Düsseldorfs Chefcoach Friedhelm Funkel: „Das ist der größte Schwachsinn aller Zeiten.“ Leipzigs Coach Julian Nagelsmann: „Es ist nicht im Sinne der Sache, dass ein Trainer jedes vierte Spiel auf der Tribüne sitzt, nur weil er Emotionen zeigt.“ Werder-Trainer Florian Kohfeldt fürchtet, man könnte „uns elementar in dem beschneiden, was unseren Job ausmacht“. Der Mainzer Sandro Schwarz „hatte nicht das Gefühl, es ufert so aus, dass wir unserer Vorbildfunktion nicht mehr gerecht werden“. Sportpsychologen Werner Mickler sieht es ähnlich: „Mit der neuen Regel werden wir langfristig keine Typen mehr bei den Trainern haben, weil sie alle nach dem gleichen Muster reagieren“, sagte er der „Funke Mediengruppe“: „Am besten wäre, wir würden einen Roboter hinstellen, den man fernsteuern kann.“

DFB-Lehrwart Lutz Wagner hält dagegen: „Wir setzen weiterhin auf Kommunikation und auf ein gelebtes Miteinander auf und neben dem Platz. Wir erwarten dabei aber auch einen respektvollen und fairen Umgang.“ Den hatten Referees und Vierte Schiedsrichter oftmals vermisst.

Emotionen seien weiterhin erlaubt, so der ehemalige Bundesliga-Referee Wagner: „Die fachliche Arbeit und auch das ‚Mitgehen‘ mit seinem Team in der Coachingzone sind davon überhaupt nicht betroffen. Es wird nur bei einem unsportlichen Verhalten durch Teamoffizielle eingeschritten.“

Auch der weithin anerkannte Fifa-Schiedsrichter Manuel Gräfe verteidigt die möglichen Sperren: „Meistens ist ja alles in Ordnung, aber wenn jemand öfter negativ auffällt, muss er vielleicht auch mal über seine Vorbildfunktion nachdenken.“

Unbehagen aufseiten der Trainer wirft auch die Maßgabe hervor, dass der Chefcoach stellvertretend Gelb erhalten soll oder gar mit Rot des Innenraums verwiesen wird, wenn der Schuldige auf der Bank nicht ausgemacht werden kann. Hintergrund: Die Trainer sollen als Vorgesetzte Sorge dafür tragen, dass ihre Mitarbeiter sich ordentlich benehmen.

Ein durchaus nachvollziehbarer Denkansatz, der die mancherorts allzu ausufernden kollektiven Wutausbrüche auf Bundesliga-Ersatzbänken einzudämmen versucht. Zumal dort ab sofort acht statt bisher sechs Ersatzfeldspieler sitzen dürfen.

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