Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ob er noch alles im Griff hat? DFB-Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff.
+
Ob er noch alles im Griff hat? DFB-Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff.

Manager Bierhoff taucht gerne mal ab

Reform-Turbo tuckert nur noch

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
    schließen

Ein im ohnmächtigen DFB umso mächtigerer DFB-Direktor Oliver Bierhoff schützt sich selbst in seiner Komfortzone.

Geschlagene 58 Minuten saß Oliver Bierhoff beim letzten Auftritt von Joachim Löw in einem schmalen Raum im Medienzentrum von Herzogenaurach mit auf dem Podium vor einer Werbewand. 58 Minuten, während der der Manager ein paar wohlfeile Sätze des Anstands zum Abschied eines alten Weggefährten hätte formulieren können. Stattdessen nach gemeinsamen 17 Jahren zum schlechten Schluss kein einziges Wort des Dankes oder der Anerkennung in der Öffentlichkeit. Bierhoffs schales Eröffnungsstatement bei der Pressekonferenz schloss mit den Worten: „Unser Anspruch ist es, immer zu den Besten zu gehören. Da wollen wir hingehen, deswegen ist die Enttäuschung groß und natürlich eine Unzufriedenheit. Ansonsten“, kurze Denkpause, „ist nichts.“

Das ist in der Tat wenig. Wenn Oliver Bierhoff, 2004 von Jürgen Klinsmann als Reform-Turbo mit ins Team geholt, jetzt von außen auf „die Mannschaft“ gucken würde, sollte er bei selbstkritischer Betrachtung zu dem Ergebnis kommen: Manches ist 2021 wieder so, wie es vor 17 Jahren war. Trägheit bestimmt die Abläufe. Viele, die damals neu dazugekommen waren und, wie von Klinsmann angekündigt, jeden Stein umdrehten, sind selbst inzwischen wie versteinert. Als Bierhoff gefragt wurde, ob der Grufti-Kreis um die Nationalspieler herum einer Auffrischung bedürfe, antwortete er: „Ich sehe keine Stelle, wo wir neue Impulse setzen müssen.“

Das klingt verdächtig nach „Weiter so“, und dazu gehört auch Bierhoffs bester Kumpel Andy Köpke, der stramm auf die 60 zugeht und als Bundestorwarttrainer weiter die Keeper anleiten soll. Mit der Verpflichtung von Hansi Flick (56), der Assistent Danny Röhl (32) mitbringt, mag Bierhoff einen geeigneten Löw-Nachfolger gefunden haben. Wahr ist aber auch: Der in einem ohnmächtigen DFB umso mächtigere DFB-Direktor hat damit auch sich selbst in seiner Komfortzone geschützt.

Ähnlich verhielt es sich schon nach dem WM-Debakel 2018, als Löw und Bierhoff schnell übereinkamen, mehr im gegenseitigen Interesse als in dem des Fußballlandes weiterzumachen wie bisher. Der Tunnelblick verengte die Perspektive. Bierhoff erkannte zwar, dass Löw sich zu wenig für die übernächste Spielergeneration interessiert, aber er ließ ihn gewähren. Derweil scharte Bierhoff ein Team von Experten um sich herum, das den Fußball der Zukunft im Labor entwickeln soll. Bisher sind sie mit ihrem wichtigen Projekt noch nicht viel weiter gekommen als die Tübinger Forscher von Curevac in der Corona-Impfstoffentwicklung.

Längst sind im Verband Gräben aufgebrochen: Dort Bierhoff mit seinen weit über hundert Mitarbeitern in der neuen DFB-GmbH für die Eliteförderung, hier der DFB e.V. mit seiner Verantwortung für die Amateure. Nicht wenige der von ständigen Skandalen im Verband ohnehin desillusionierten Angestellten fragen sich mit Argwohn: Was haben Bierhoff und Löw im Gegenwert ihrer üppigen vielfachen Millionen-Dotierung in den vergangenen drei Jahren eigentlich geliefert? Und wie viel Blendwerk ist darunter? Spiegel Online kommt vor allem zu diesem Ergebnis: „Bierhoff hat in den Erfolgsjahren der Mannschaft das Rad massiv überdreht.“ Fest steht: In der Entfremdung vieler Fans von der „Mannschaft“ steckt ähnlich viel Bierhoff wie Löw.

Die Entfremdung reicht bis zu noch nahen Mitarbeitern. Als mindestens irritierend darf es U21-Trainer Stefan Kuntz empfunden haben, dass weder Löw noch Bierhoff die Zeit fanden, ihm zum EM-Titel in einem persönlichen Gespräch zu gratulieren. Auch die Streichung von der Bundestrainer-Kandidatenliste soll Kuntz lediglich in dürren Worten in Schriftform erreicht haben. Ehemalige Weggefährten, die irgendwann auf der Strecke blieben, wundern sich nicht über solchen Umgang.

Seine auffälligsten Szenen hatte der einstige Mittelstürmer Bierhoff bei dieser EM beim Torwarttraining, als er in die Flanken rauschte wie zu besten Zeiten und einige unhaltbare Kopfbälle setzte. Bei zentralen Fragen nach den bösen Streitigkeiten im Verband hat der seit 2007 im Präsidium vertretene Direktor sich dagegen meist diskret weggeduckt und so geschickt verhindert, dass dieser Imageschaden auch auf ihn als zentrale Figur im Machtgefüge des Verbands transferiert wurde.

Dank der Verpflichtung von Hansi Flick - mehr eine Fügung des Schicksals als strategisches Management - sieht der Diplom-Kaufmann vom Starnberger See sich und den Verband in einer komfortablen Lage: „Mein Job ist jedenfalls etwas entspannter als in einer Situation mit offenem Ende.“ Er sei „ein bisschen stolz drauf, alles gut und ruhig im Vorfeld gemanagt zu haben“.

Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, dass die bestens bekannten Flick und Bierhoff ähnlich böse Fingerhakeln werden, wie Flick und Hasan Salihamidzic das beim FC Bayern getan haben. Was auch damit zu tun hat, dass Bierhoff dem neuen Bundestrainer keine Spieler einzukaufen braucht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare