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Fußball ist für viele Kroaten mehr als nur ein Sport.

Kroatien

Mit rechtem Fahnenschwung

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Fußballsiege werden in Kroatien gerne mit faschistischer Symbolik gefeiert.

Luka Modric ist so einer wie früher Zvonimir Boban. Ein feinfüßiger Spielmacher, aber einer auf den zweiten Blick, ein ständiger Lückensucher, ein cleverer Ballbeschleuniger, und am Samstag könnten beide gleichziehen. Fast genau auf den Tag vor 20 Jahren führte Boban die Kroaten zu Platz drei bei der WM in Frankreich, Davor Suker wurde Torschützenkönig. Einige werden sich vielleicht noch an das 3:0 im Viertelfinale gegen Deutschland erinnern. Modric hat dieselbe Aufgabe. Einer Umfrage zufolge wollen vier von zehn Kroaten diesmal mehr. Sie glauben an den Titel. Und die Chance ist günstig. 

Wohl in keinem anderen Land Europas ist Fußball so sehr mit der Politik verzahnt, dass es manchmal schwerfällt, noch Trennlinien zu finden. Das macht auch die aktuelle Mannschaft so anfällig für Vereinnahmungen aus allen Parteirichtungen. Fußball wird verklärt, soll Identität stiften, ist ein Fundament, auf dem sich der Nationalstolz türmt. Und Nationalismus. Die kroatischen Fußballsiege werden mit rechtem Fahnenschwung und faschistischer Symbolik gefeiert. Es taucht dann durchaus auch schon mal ein U auf. U wie Ustascha. Das ist, als würden deutsche Fans ihre Hakenkreuze öffentlich zur Schau stellen.

Kroatiens Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic sieht man auch nur noch im rotweiß karierten Trikot. Sie war in der Kabine, im Siegerflieger, und sie lässt das ihre Wähler natürlich auf allen Kanälen wissen. Patriotische Grußbotschaften kamen zudem vom Militär. Zu sehen waren kickende Springerstiefel, jubelnde Soldaten in Kasernen oder auf Kriegsschiffen. Zeitungsberichten zufolge soll Kroatien explodiert sein vor Glück nach dem Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Dänemark. Wer in diesem kollektiven Glückszustand an die miese Wirtschaftslage denkt oder die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher, ist kein Patriot. Dieses Denken hat Tradition. Fußball ist eine Ersatzhandlung.

Es gibt mindestens zwei Spiele, die wichtig sind für die Geschichte Kroatiens. Da ist der 4. Mai 1980, der Tag, an dem Genosse Tito starb („Umro je drug Tito“), und an dem die Fans von Hajduk Split und Roter Stern Belgrad nach dem Spielabbruch im Stadion sangen: „Wir versprechen dir, dass wir nicht von deinem Weg abweichen werden.“ Es kam dann bekanntlich etwas anders. Ein Vielvölkerstaat zerfiel. Aber in diesem Moment war Jugoslawien noch vereint.

Extreme Politisierung 

Die Zersetzungstendenzen der 80er, die extreme Politisierung, waren auch auf den Tribünen zu beobachten. Und am 13. Mai 1990, so wird es später in typisch fußballpolitischer Verquickung heißen, begann der Krieg. Das Ligaspiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad konnte nicht angepfiffen werden. Als Boban, damals Spielmacher von Dinamo, einen auf seine Fans einprügelnden Polizisten mit einem Karatesprung außer Gefecht setzte, wurde er zum kroatischen Nationalhelden. „Der ganze Tag und all die Menschen, die sich wehrten, sind Symbole“, sagte Boban neulich der Schweizer Zeitung „Blick“. „Es war der Aufstand von allen. Aber ich war Boban, die Zehn von Dinamo. Das war der Unterschied.“ 

Unterschiede wurden danach noch wichtiger. Bei der WM 1990 lief letztmals eine gesamtjugoslawische Nationalmannschaft auf. Etwa ein Jahr später erklärte Kroatien seine Unabhängigkeit. Nach seinem Wechsel zum AC Mailand spendete Boban von der vertraglich geregelten Beteiligung an der Ablösesumme 100 000 Dollar für die Bewaffnung der kroatischen Armee. 

Das Viertelfinale gegen Russland wird so oder so in die politische Fußballgeschichte Kroatiens eingehen. Und es liegt vor allem an den Spielern, welche Botschaft in der Heimat ankommt. Werden sie in der Kabine wieder faschistische Lieder anstimmen wie nach dem Gruppensieg gegen Argentinien? Oder schlummert in dieser Mannschaft ein heimliches Talent zur Versöhnung?

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