Routinierter Pokalstemmer: Madrids Kapitän Sergio Ramos.
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Routinierter Pokalstemmer: Madrids Kapitän Sergio Ramos.

Real Madrid

Titel ohne Spektakel

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die Madrilenen feiern ihre 34. spanische Meisterschaft - mit einem eigentlich überalterten Kader. Die Stärke des Teams von Trainer Zinedine Zidane ist dabei auch: die Schwäche vom Konkurrenten FC Barcelona.

Ein paar Stunden, bevor er mit Real Madrid den 34. nationalen Titel der Klubhistorie erleben durfte, hat Toni Kroos noch Zeit gefunden, den fleißigen Schülern in der Heimat via Twitter-Video für deren Abschluss in schwierigen Corona-Zeiten zu gratulieren. Nicht ohne dabei zu vergessen, darauf hinzuweisen, dass er selbst nach Mittlerer Reife in Rostock dann als junger Kerl bei Bayern München wegen des regelmäßigen Morgentrainings keine Zeit mehr zum Fachabitur gefunden hatte.

Dafür hat Weltmeister Kroos dann bald im übertragenen Sinne im Fach Fußball promoviert und habilitiert. Die Trophäensammlung des 30-Jährigen mit den Königlichen ist seit dem späten Donnerstagabend, als Kapitän Sergio Ramos mit wucherndem Vollbart den 18 Kilogramm schweren Henkelpott im kleinen Stadion Alfredo di Stefano in den lauen Konfetti-Abendhimmel stemmte, auf nunmehr drei Siege in der Champions League und zwei nationale Titel angewachsen. Kroos gönnte sich zur persönlichen Belohnung einen fetten Hamburger mit Pommes und präsentierte das opulente Mahl sogleich per Foto in den sozialen Netzwerken.

Eine Selbstverständlichkeit war die fast heimlich errungene Meisterschaft in diesem komischen Corona-Jahr ganz gewiss nicht gewesen. Noch vor der pandemiebedingten Pause lag der FC Barcelona zwei Zähler vor Real, nach dem 2:1-Sieg der Madrilenen am Donnerstag gegen Villarreal waren daraus dank zehn Siegen in zehn Spielen sieben Punkte Vorsprung für Real geworden.

Goalgetter Sergio Ramos

Erstmals seit zwölf Jahren kassierte Real weniger Gegentore als der Dauerrivale im spanischen Meister-Duopol. Die Defensive - angeführt vom unverzagten Ramos, mit zwölf Treffern vorm Frankfurter Martin Hinteregger (9) gefährlichster europäischer Abwehrspieler - und dem vor der Saison für 50 Millionen Euro von Olympique Lyon verpflichteten Linksverteidiger Ferland Mendy, hat diese unspektakuläre Meisterschaft vor allem gewonnen.

Das Spiel nach vorne hatte sich der allseits gefeierte und routiniert von den Spielern in die Höhe gestemmte Trainer Zinedine Zidane eigentlich anders vorgestellt, der bei seiner Rückkehr im Frühjahr 2019 eine ziemlich zerzauste Mannschaft übernommen hatte. Am Ende hing viel am Franzosen Karim Benzema und dessen 21 Saisontreffern. Dass die beiden Neuzugänge für die Offensive, Eden Hazard (durch Titel-Bonuszahlungen nun 115 Millionen Euro Ablöse vom FC Chelsea, ein Saisontor) und Luka Jovic (60 Millionen von Eintracht Frankfurt, zwei Tore), beide bisher keine nennenswerte Spur hinterließen und auch der Waliser Gareth Bale mit nur drei Treffern eine Enttäuschung blieb, macht den Erfolg umso bemerkenswerter. Er erschließt sich neben Recke Ramos vor dem vorzüglichen belgischen Torwart Thibaut Courtois zuvorderst durch ein seit Jahren hervorragend austariertem Mittelfeld mit Kroos an der Seite des brasilianischen Aufräumers Casemiro und des Kroaten Luka Modric.

Modric, 34 Jahre alt, Ramos, 34, Benzema, 32, Kroos, 30. Im mit 3,5 Milliarden Euro Unternehmenswert werthaltigsten Fußballverein der Welt spielen an zentralen Stellen Profis, die schon in Zidanes umjubelter erster Amtszeit von 2016 bis 2018 mit den seinerzeit errungenen drei Königsklassentiteln in Folge vorangegangen waren. Auch die zweite und dritte Reihe, Marcelo (32), Bale (31), Daniel Carvajal (28), Casemiro (28), Hazard (29), James (29) und Isco (28), ist nicht mehr ganz taufrisch.

Deren Erfahrung und Können gibt Real aber die veritable Hoffnung, trotz der 1:2-Niederlage daheim im Hinspiel (vor der Corona-Pause) nun im Rückspiel am 7. August bei Manchester City keinesfalls chancenlos zu sein. Aber sehr zukunftsträchtig ist diese Formation nicht, wiewohl alle vier Leistungsträger sich trotz fortgeschrittenen Alters auffällig widerstandsfähig präsentieren.

Lattenkracher von Kroos

Benzema traf gegen ein widerspenstiges Villarreal zuverlässig doppelt, einmal nach feiner Vorarbeit von Modric, einmal, nachdem Ramos sich an der Mittellinie den Ball erobert und nach einem Sprint übers halbe Spielfeld einen Strafstoß geschunden hatte. Kroos jagte kurz vor Schluss einen Schuss aus 20 Metern an die Unterkante der Latte. Mit seinem schwächeren linken Fuß!

Aber viel hätte nicht gefehlt und Villarreal wäre nach dem Anschlusstreffer kurz vor Schluss auch noch der Ausgleich gelungen. Courtois reagierte zweimal gewohnt glänzend. So ist diese einen Spieltag vor Saisonende errungene Meisterschaft von Real Madrid weniger ein untrügliches Zeichen eigener Stärke als vor allem auch der Schwäche des Rivalen aus Barcelona.

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