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Real Madrid: Carlo V., König von Europa

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Von: Jakob Böllhoff

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Mit Karim Benzema (links) bei der Jubelorgie in Madrid: Carlo Ancelotti.
Mit Karim Benzema (links) bei der Jubelorgie in Madrid: Carlo Ancelotti. © AFP

Uneitel und anpassungsfähig: Wie Trainer Carlo Ancelotti beim spanischen Meister Großes vollbringt.

Auf dem Dach des offenen Busses setzte sich der Bauernsohn aus Reggiolo eine Sonnenbrille auf und saugte genüsslich an einer großen Zigarre, während unten die jubelnde Menge vorbeizog. Carlo Ancelotti sei „der vielleicht beste, in jedem Fall der lässigste Trainer der Welt“, hatte Ex-Profi Philipp Lahm neulich in einer „Zeit“-Kolumne geschrieben, und dies war der Moment, der die Behauptung veranschaulichte.

Seit dem Wochenende ist Ancelotti, 62, spanischer Fußball-Meister mit Real Madrid, er ist damit der erste Trainer, der in den fünf großen europäischen den Titel gewinnen konnte. Nun könnte er auch zum ersten Trainer werden, der viermal die Champions League gewinnt. „Warum nicht?“, sagte er auf der Meisterparade in Madrid vor 150 000 Fans und lächelte verschmitzt, „könnte doch sein.“

Wenn es einem zuzutrauen ist, dann Ancelotti. „Auf geht’s gegen City! Auf geht’s am Mittwoch!“, rief der Meistertrainer der feiernden Menge zu, wohlwissend, dass im Rückspiel gegen Manchester (21 Uhr/Dazn) nach dem 3:4 im Hinspiel eine große Aufgabe auf die Königlichen wartet. Aber Real Madrid ist immer noch Real Madrid, und nicht nur für Präsident Florentino Perez steht schon fest: „Wir sehen uns in Paris!“ Im Finale am 28. Mai.

Ancelotti, der nach Meistertiteln mit dem AC Mailand (2004), dem FC Chelsea (2010), Paris St. Germain (2013) und dem FC Bayern (2017) sein persönliches europäisches Quintupel komplettierte, soll es möglich machen. Der Italiener hat in dieser Saison erneut seinen Ruf als Pragmatiker unterstrichen, denn Real war zu Stelle, wenn es sein musste, weil Ancelotti sich immer wieder auf sein Bauchgefühl verlassen konnte. Er wirkt beinahe etwas antiquiert, wenn er mit weit hochgezogener Augenbraue am Spielfeldrand steht, aber das Gespür für seine Spieler und die Führung einer Mannschaft lässt ihn nach wie vor nicht im Stich.

Seine Empathie kommt international an. Als Toni Kroos neulich nach seiner Auswechselung stinksauer war, sagte Ancelotti: „Er ist wütend auf mich als Trainer, nicht auf mich als Mensch.“ Kein Problem also. Denn: „Ein Spieler, der nicht angefressen ist, wenn er nicht spielt, ist im Grunde überhaupt kein Spieler.“

Er höre seinen Spielern zu, sagt Carlo Ancelotti, aber das ist natürlich nur die eine Seite. Die andere Seite ist das fachliche Gespür. Luka Modric, 36, Toni Kroos, 32, und Casemiro, 30, bilden nicht deshalb das zentrale Mittelfeld, weil sie große Namen haben, sondern weil sie am besten miteinander harmonieren. Man warf ihm vor, sein Fußball sei zu abhängig vom Superstürmer Karim Benzema, und da entgegnete Ancelotti, er sei stolz darauf, vom besten Fußballer der Welt abhängig zu sein.

Es ist auch diese Uneitelkeit und Anpassungsfähigkeit, die Ancelotti über all die Jahre so erfolgreich macht. Selbstverständlich ließ es ihn nicht unberührt, dass er bei seiner ersten Amtszeit in Madrid 2015 rausgeflogen war. Aber als Real vor der Saison anfragte, ob er die Nachfolge des entnervt zurückgetretenen Zinedine Zidane antreten wolle, stand sein Stolz ihm nicht im Weg. Im Gegenteil: Der Stolz, erneut den größten Klub der Welt trainieren zu dürfen, zog ihn an. „Bei jedem anderen Klub hätte ich Nein gesagt.“ Der FC Everton, bis zum Sommer Ancelottis Arbeitgeber, ließ ihn achselzuckend ziehen.

„In diesem Verein muss man schnell feiern“, sagte er auf der Madrider Meisterparty noch: „Du gewinnst, und am Tag darauf denkst du schon an den nächsten Titel.“ Carlo Ancelotti ist da ganz in seinem Element. mit dpa/sid

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