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Wird am Wochenende nicht auf der Trainerbank sitzen, weil er Handcreme und Zahnpasta einkaufen war: Heiko Herrlich.

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Heiko Herrlichs Eigentor – Re-Start der Bundesliga unter strengen Corona-Auflagen

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Dem Re-Start der Bundesliga hat der Augsburger Trainer mit dem Verstoß gegen die Quarantäne-Regeln einen Bärendienst erwiesen. Das ruft sogar die Politik auf den Plan. Ein Kommentar.

Wie schnell doch Politiker die Meinung wechseln, wenn sich der Wind dreht. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der sich mitten in der Corona-Krise gerne vor den Fußballkarren spannen ließ, um die angeblich sehnsüchtig erwartete Volksbelustigung gut zu heißen, hebt plötzlich den mahnenden Zeigefinger. Das war kein Spaß, richtete der CSU-Frontmann in Richtung des Fußballlehrers Heiko Herrlich aus, den Söder wie einen Schulbuben tadelte, der in der vierten Klasse das Einmaleins nicht beherrscht. Tatsächlich hat der neue Trainer des FC Augsburg, der noch kein einziges Spiel seiner neuen Mannschaft gecoacht hat, ein ziemliches Eigentor geschossen.

Herrlich hatte auf der Pressekonferenz am Donnerstag die Anekdote erzählt, dass er Einkaufen gegangen sei, weil ihm wichtige Utensilien fehlten. Zahnpasta und Hautcreme etwa.

Heiko Herrlich missachtet strenge Corona-Auflagen vor Re-Start der Bundesliga

Was kümmerte ihn groß die Quarantäne im Teamhotel? Also stiefelte der ehemalige Mittelstürmer einfach los, so wie früher in die Bundesliga-Strafräume: einfach mal auf Verdacht in die gefüllte Zone. Erst vergaß er seine Maske, dann nahm er keinen Wagen. Die Peinlichkeit musste niemand filmen, denn der Fußballlehrer erzählte selbst davon. Eigentlich ist er schon jetzt als Nothelfer bei den bayrischen Schwaben ungeeignet.

Söder hat, ganz der strenge Landesvater jetzt mit besorgtem Blick gesagt, er fordere Rote Karten für solche Tölpel, was ja auch passiert, weil Herrlich seinem Team beim Re-Start fehlt. Und, Achtung, Achtung, Söder will sich am Wochenende am Fernseher alles ganz genau anschauen. Hier liegt schon der nächste Irrtum begründet. Glaubt denn irgendeiner, dass der Bezahlsender Sky als wichtigster Rechtepartner, mit einem dreistelligen Millionenbetrag in Vorleistung gegangen, Interesse daran hat, die nächsten Fehltritte aufzuspüren? Die Kameras werden nicht ausgemacht, wenn Trainer ihren Mundschutz wegwerfen oder Spieler sich nach dem Siegtor in der 90. Minute in den Armen liegen, aber Recherche für Verstöße mit Folgen eines möglichen Saisonabbruchs betreibt Sky bestimmt als Allerletztes.

Re-Start der Bundesliga unter strengen Corona-Auflagen: Es bröckelt an vielen Stellen

Wenn das Pay-TV seinen Kunden jetzt sogar Optionen bietet, sich die Stadionatmosphäre unterlegen zu lassen, wird fleißig an der Fassade gewerkelt, die für den absoluten Notbetrieb – so hat es Liga-Chef Christian Seifert genannt – errichtet wird. Dummerweise bröckelt es an vielen Stellen. Die Einschaltquoten werden ein Indikator sein, in welchem Umfang der Geisterspielbetrieb in einer Scheinwelt goutiert wird. Der langfristige Schaden kann deutlich größer ausfallen als der kurzfristige Nutzen.

Die Umfragen sind eindeutig: Die Bevölkerung lechzt gerade viel weniger nach der Droge Fußball als viele Politiker vorgeben. Der Vertrauensverlust ist überall spürbar, wer sich einfach mal umhört. Neugier ist vorhanden, Vorfreude eher weniger. Das Konstrukt, das deutet sich an, ist in seiner Gesamtheit viel zu steril und reglementiert, als dass es Freude und Begeisterung verströmen kann. Es fehlen zentrale Elemente, wenn keine Zuschauer auf den Tribünen jubeln und Spieler sich nicht in den Armen liegen dürfen.

Geisterspiele aufgrund der Corona-Pandemie auf absehbare Zeit einzige Alternative

Natürlich sind Partien ohne Publikum in Zeiten der Corona-Pandemie auf absehbare Zeit die einzige Alternative, aber vielen geht es einfach zu schnell mit dem Wiederbeginn. Die Verantwortung dafür tragen Politiker wie Markus Söder, die sich steigende Beliebtheit über das Vehikel des möglichst schnell wieder laufenden Bundesliga-Betriebs versprachen – und nun spüren, dass sie die naiven Geister, die sie riefen, irgendwie wieder einfangen müssen.

Von Frank Hellmann

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