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RB Leipzig: Träumen mit Tedesco

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Von: Frank Hellmann

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Dick drin im Kampf um zwei Titel: Trainer Domenico Tedesco und RB Leipzig.
Dick drin im Kampf um zwei Titel: Trainer Domenico Tedesco und RB Leipzig. © IMAGO/Kirchner-Media

RB Leipzig hat unter seinem neuen Trainer noch zwei Titeloptionen – für den 36-Jährigen bieten der DFB-Pokal und die Europa League eine einmalige Chance

So viele Menschen in der für die WM 2006 erbauten Arena am Sportforum sind ein Novum für den immer noch sehr jungen Verein RB Leipzig: 47.069 Zuschauer werden das DFB-Pokal-Halbfinale zwischen RB Leipzig und Union Berlin (Mittwoch 20.45 Uhr/ARD und Sky) verfolgen, nachdem die Umbauarbeiten abgeschlossen und die Beschränkungen wegen der Pandemie aufgehoben sind.

Der erst 2009 gegründete Brauseklub hat noch nie ein Heimspiel vor so vielen Fans bestritten. Ins alte Zentralstadion, dessen historische Überbleibsel beim Neubau an selber Stelle erhalten worden sind, strömten mal bis zu 100.000 Leute, als Lok Leipzig ein Europapokal-Halbfinale gegen Girondins Bordeaux bestritt, für das der Verein nur 73.000 Eintrittskarten hatte drucken lassen. Fast auf den Tag genau 35 Jahre ist das jetzt her. Von einer geschichtlichen Verknüpfung will aber die Anhängerschaft von Union gar nichts wissen. Es gebe nun einmal keine gemeinsamen DDR-Historie der beiden Klubs, heißt es in der Argumentation derer, die RB bis heute als reines Marketing-Konstrukt ablehnen.

Domenico Tedesco appelliert an die Geduld

Nichtsdestotrotz wollen heute viele Eiserne dabei sein: Offiziell haben sich die Gäste ein Kontingent von 6300 Tickets gesichert, aber in Wahrheit dürften es deutlich mehr sein, wobei ein RB-Sprecher ausgeschlossen hat, „dass es zu Frankfurter Verhältnissen wie in Barcelona kommen wird“. Leipzigs Trainer Domenico Tedesco hat sicherheitshalber dennoch jeden „einzelnen RBL-Fan“ um seine Unterstützung gebeten, denn dieses Halbfinale werde „ein richtig schweres Spiel, ein Geduldsspiel“. Ihn erinnert der körperliche robuste Widersacher „an Atlanta Bergamo, unseren letzten Gegner in der Europa League.“ Eine stabile Truppe, die ein eher risikoarmes Spiel pflege: „mit einer kompakten Defensive und vielen langen Bällen auf schnelle und wuchtige Stürmer“.

Wer dem 36-Jährigen am Dienstag am Cottaweg zuhörte, hätte auf den Trichter kommen können, die Köpenicker seien die Mannschaft der Stunde – dabei fällt dieses Attribut doch den Sachsen zu, die nach 14 Pflichtspielen ohne Niederlage vor Selbstvertrauen strotzen, als bestes Rückrundenteam auf Platz drei der Bundesliga geklettert sind, im DFB-Pokal und in der Europa League im Halbfinale stehen. „Die Mega-Chance“, titelt das Fachmagazin „Kicker“.

Jesse Marsch hatte keinen Zugang

Tedesco könnte für den Brauseklub den ersten großen Titel gewinnen – ein Vorhaben, an dem sowohl Ralf Rangnick als auch Julian Nagelsmann scheiterten. Die prominenten Vorgänger vergeigten je ein DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern (0:3/2019) bzw. Borussia Dortmund (1:4/2021) nach taktischen Fehlern recht deutlich. Tedesco thematisiert die Titeloptionen gar nicht; weiter als das nächste Spiel reicht sein Fokus angeblich gerade nicht.

Aber der Nachfolger des überschätzten US-Amerikaners Jesse Marsch hat aus den Roten Bullen wieder eine harmonierende Einheit geformt, die mit ihrem Tempo, ihrer Power und ihrer individuellen Klasse weder national noch international einen Gegner fürchten muss. Es steht außer Frage, dass der sowohl bei Erzgebirge Aue, anfangs beim FC Schalke 04 und zuletzt auch bei Spartak Moskau erfolgreich arbeitende Fußballlehrer die richtigen Knöpfe gedrückt hat. Seine Ansprache, seine Personalauswahl, seine Ausrichtung: Alles wirkt stimmig. „Wir haben das gemeinsam getan. Die Mannschaft ist sehr hungrig und treibt die Leistung im Training nach oben“, sagt der vielsprachige Tedesco, der Zugang zu allen Fraktion des mit vielen Nationalitäten gespickten Luxuskaders gefunden hat.

Marcel Halstenberg will zwei Titel holen

Es gibt erste Profis wie den Nationalspieler Marcel Halstenberg, die den Gewinn von DFB-Pokal und Europa League in den nächsten Wochen für möglich halten. Das Ensemble mit Solokünstlern wie dem hoch veranlagten Franzosen Christopher Nkunku oder dem nicht minder talentierten Spanier Dani Olmo ist gegen Union Berlin nun genauso Favorit wie nächste Woche im Europacup-Hinspiel gegen die Glasgow Rangers – auch wenn Tedesco solche Rollenspielchen als „gefundenes Fressen“ der Öffentlichkeit abtut. Doch ihm ist dieser Tage anzumerken, dass es ihn sehr reizt, einige Vorurteile aus einer Schalker Zeit – Stichwort Defensivfußball, fehlende Langzeitentwicklung – zu widerlegen.

Und er fühlt sich bestätigt, vergangenen Sommer – nachdem er sein Russland-Engagement aus privaten Gründen beendete – nicht gleich die ersten Angebote aus der Bundesliga, der italienischen Serie A oder auch aus Ungarn, Österreich oder der Türkei angenommen zu haben. Vielleicht haben sich mit dem ambitionierten Klub und dem ehrgeizigen Trainer tatsächlich zwei Parteien gesucht und gefunden. Angesprochen darauf, ob zu ihm wegen seiner Stationen in Aue, Moskau und jetzt in Leipzig gewissermaßen die „Ost-Schiene“ passe, hat der als Zweijähriger mit den Eltern aus Kalabrien ins Schwabenland gezogene Gastarbeitersohn nicht widersprochen: „Irgendwie mag ich das, wenn die Menschen authentisch sind.“

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