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Rauschhafte Zustände in England

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Von: Frank Hellmann

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Posiert für ihre Fans und die Kamera: Ellen White, Torjägerin, extrovertiert.
Posiert für ihre Fans und die Kamera: Ellen White, Torjägerin, extrovertiert. © afp

Englands Nationalteam gelingt bei der EM im eigenen Land eine Machtdemonstration erster Güte, bei der eine stolze Frauenfußball-Nation wie Norwegen zum Spielball mutiert

Über den Einsatz von Klatschpappen bei einem Fußball-Turnier ist gewiss zu streiten. Ausgerechnet solche Utensilien, auf denen in roten Großbuchstaben der Aufdruck „Goal“ prangte, hat es an einem lauen Sommerabend in Brighton and Hove gebraucht, um eine Machtdemonstration der besonderen Art bei der Frauen-EM 2022 zu untermalen. Das englische Nationalteam legte vor 28.847 restlos begeisterten Zuschauern im Falmer Stadium beim 8:0-Schützenfest gegen Norwegen einen denkwürdigen Auftritt hin. „Es war ein großer Sieg, vor allem wie wir gespielt haben“, sagte Nationaltrainerin Sarina Wiegman. „Ich hoffe, es geht wo weiter. Wir wollen die Leute in unserem Land stolz machen.“ Der höchste EM-Sieg aller Zeiten erfüllt diesen Anspruch allemal. Vor fünf Jahren hatten die Engländerinnen die bisherige Bestmarke gegen Schottland (6:0) selbst aufgestellt.

Der EM-Gastgeber trat Luftlinie keine acht Kilometer von der berühmten Seebrücke entfernt jene Euphoriewelle los, die noch den ganzen Juli über die Insel schwappen soll. Wenn die Männer es schon nicht hinbekommen, bei einer EM mit Finale in Wembley zu reüssieren, dann wohl doch diesen Sommer die Frauen. Diese Mission orchestriert eine Fußballlehrerin, die weiß wie es geht. Die Niederländerin Wiegmann führte ihre Heimatauswahl mit einer bemerkenswerten Gelassenheit, aber mitunter auch spröder Öffentlichkeitsarbeit zum EM-Titel 2017. Nun lachte und scherzte die 52-Jährige plötzlich nach Herzenslust in der Pressekonferenz. Nirgendwo hätten ihre vielen Komplimente für die Spielerinnen so gut hingepasst wie an die englische Südküste, wo frisch verliebte Londoner gerne hin entfliehen.

Den Torrausch trat die bald für den FC Bayern spielende Georgia Stanway mit einem Elfmeter los (12.), danach folgten Treffer von Lauren Hemp (16.), Ellen White (29., 41.) , Beth Mead (34., 38. und 81.) und Alessia Russo (66.). „Es ist schwierig, für diese Nacht noch Worte zu finden. Wir haben das alles sehr genossen, aber wir haben ehrlicherweise nicht damit gerechnet“, sagte die zur Spielerin des Spiels gekürte Flügelspielerin Mead, die wie die Möwen am Brighton Beach über dieser Partie schwebte. Nicht nur die flinke Angreiferin vom Arsenal FC schien ihrer Gegenspielerin gedanklich und körperlich, taktisch und technisch haushoch überlegen. In vorderer Reihe überragte die nach ihrer Covid-Infektion schon wieder topfitte Torjägerin White, die mit 52 Länderspieltoren nun geschlechterübergreifend an der Spitze des englischen Fußballs thront. „Ich fühle mich glücklich, aber diese Vergleiche sind immer schwer“, beschied die 32-Jährige jenen Reporter, die sie auf das Wettschießen mit Harry Kane (50 Tore) ansprachen.

„The Lionesses“ pflegen einen dynamischen Angriffsfußball, vornehmlich über die Flügel angelegt, furiose Soli und formidable Kopfballtore eingebaut, ohne auch nur ansatzweise das typische Kick and Rush zu bemühen – das alles hebt das sich selbst berauschende Ensemble aufs Favoritenschild der EM. In letzter Instanz klagte Mary Earps über so akute Unterbeschäftigung, dass sich die in ihrer Zeit beim VfL Wolfsburg nicht als Ausbund von Tüchtigkeit aufgefallene Torhüterin in der Halbzeitpause warmschießen ließ.

Der Gruppensieg ist bereits eingetütet, die dritte Partie gegen Nordirland in Southampton wird am Freitag ein Schaulaufen für die zweite Reihe. Wiegman mahnte mit Blick auf die K.o.-Runde: „Es gibt eine Reihe von Teams, die eine Menge Power haben.“ Die viele Energie in ihren Reihen ergibt sich auch aus dem Support aus der Gesellschaft, Medien und Sponsoren, der seine Wirkung nicht verfehlt: Die South Western Railway musste am Montagabend ein eigenes Gleis mit Absperrgittern versehen, um den Andrang für die Züge zu kanalisieren. Vor den Fanshops am Stadion bildeten sich lange Schlangen und wie selbstverständlich trugen die Anhänger vornehmlich Jerseys mit den Namen der Spielerinnen, die auch für Bierbauchträger in XXL-Format zu haben sind. Bei der Zusammensetzung des Publikums – gefühlt je ein Drittel Frauen, Männer sowie Jugendliche und Kinder – klang die Kulthymne „Football’s Coming Home“ vielleicht etwas weicher, aber ansonsten fehlte es in der Heimstätte des Premier-League-Klubs Brighton Hove & Albion an nichts.

Irgendwann brannten Handylichter als Wunderkerzenersatz – und zwischendrin immer wieder ausufernder Torjubel. Oben im letzten Rang rätselten selbst die Analysten der Football Association (FA), wie eine zuvor auf Augenhöhe angesiedelte EM-Begegnung die Ebene eines Trainingsspiels annehmen konnte. „Ich dachte, wir hatten einen guten Plan, aber 85 Minuten waren furchtbar“, stammelte Norwegens Nationaltrainer Martin Sjögren. Für das letzte Gruppenspiel gegen Österreich, das sein Team zum Weiterkommen zwingend gewinnen muss, sei es wohl am besten, „dass wir dieses Spiel schnell vergessen“.

Die Kräfteverhältnisse sind gekippt, wenn diese stolze Frauenfußball-Nation, zweimaliger Europameister (1987 und 1993) und beim vorletzten EM-Turnier erst nach zwei verschossenen Elfmetern im Finale gegen Deutschland unterlegen (2013), die höchste Pleite seiner 1978 begonnenen Länderspielgeschichte kassiert. Obwohl sich der Trupp um die unsichtbare Starstürmerin Ada Hegerberg nach jedem Gegentor tapfer Mut zusprachen, zerfiel alles in seine Einzelteile. „Es war der schlimmste Tag, den ich je im Fußball erlebt habe“, räumte Torhüterin Guro Pettersen ein. Die für Manchester United spielende Verteidigerin Maria Thorisdottir fasste im derben Englisch zusammen: „It was really shit!“

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