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Kai Havertz (li.) im Duell mit Yury Gazinsky.

Kai Havertz

Der Raumöffner

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Der 19-jährige Kai Havertz passt mit seinen Anlagen perfekt zum neuen Spielstil der DFB-Elf.

Bei Kai Havertz schwören aktive Wegbegleiter längst, dass die steile Karriere dieses Fußballers vorgezeichnet war. Immer und überall sei der anfänglich recht schlaksige Bursche besser gewesen als all die anderen. Beidfüßig und ballsicher, technisch und läuferisch gut, defensiv und offensiv stark. Prototyp Alleskönner. Gibt es eigentlich irgendeinen Nachwuchspreis, den das seit 2010 bei Bayer Leverkusen entwickelte Toptalent noch nicht bekommen hat? Trotzdem bewahrt einen die Auszeichnung mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold bei den U19-Junioren nicht davor, sich bei der deutschen A-Nationalmannschaft erst mal hinten anstellen zu müssen. Nicht bei der Essensausgabe, aber doch bei der Nummernverteilung. 

Für den doppelten Versöhnungsakt im November ist dem 19-Jährigen die Nummer 23 zugewiesen worden. Die Ziffernkombination hat ihn beim 3:0 gegen Russland nicht davon abgehalten, wie ein klassischer Zehner aufzutreten. Mit viel Präsenz, immer mit einer Idee. „Es hat Spaß gemacht, vor allem in der ersten Halbzeit, da haben wir super gespielt“, berichtete Havertz nach seinem zweiten Länderspiel – und dem ersten von Beginn an. „Ich hatte ein gutes Gefühl, ich war gut eingebunden, ich hatte viele Bälle. Es ist immer noch Luft nach oben, aber ich kann zufrieden sein. Ich spiele auch im Verein lieber auf der Zehn. Ich mag es, die Mitspieler glänzen zu lassen.“ 

Sein öffnender Steilpass vor dem 3:0 auf Serge Gnabry war nicht sein erster. Solche offenbar automatisierten Handlungen demonstrierten, warum seine Anlagen der neuen Ausrichtung mit dem auf solche Zuspiele lauernden Hochgeschwindigkeitssturm so gut tun: Er spielt Bälle in Räume, die andere nicht so schnell sehen. Nebenmann Joshua Kimmich sprach dem neuen Mitstreiter das vielleicht größte Kompliment dieses unterhaltsamen Leipziger Abends aus. „Er hat ein brutales Gefühl für den Raum, eine super Ballkontrolle und tolle Übersicht.“ Ob solch einer nicht auch ein Kandidat für den FC Bayern sei? „Einer für Bayern?“, wiederholte Kimmich und fügte noch an: „Ich kann ihn nicht kaufen, aber er ist ein Spieler, der sehr gut zu uns passen würde.“ 

Vertrag bei Bayer bis 2022

Dafür müsste der in arge Schieflage geratene Branchenprimus indes einen Batzen vom Festgeldkonto abzweigen. Die Vorzeigefigur ist an den Werksverein noch bis 2022 gebunden, und mutmaßlich dürfte es Leverkusens Geschäftsführer Rudi Völler nicht passen, dass ein gelungenes Länderspiel ausreicht, damit bayerische Nationalspieler solche Wechselspekulationen befeuern. Andererseits sind die Vermutungen ja naheliegend, denn wann hat Joachim Löw einen jungen Spieler mal so angepriesen wie den gebürtigen Aachener? „Für 19 Jahre ist er sehr weit, weil er eine gute Ballbehandlung und eine gute Übersicht hat“, sagte der Bundestrainer. „So wie er sich in den wenigen Trainingseinheiten präsentiert hat, ist es schon auffällig gut. Natürlich kann man sich gut vorstellen, dass er eine Schlüsselrolle einnimmt.“ 

Hält Löw allerdings an seiner Dreierkette fest, dann ist neben dem gesetzten Stabilisator Kimmich im zentralen Mittelfeld nur noch ein Platz frei. Und den beansprucht nach seiner Anreise aus Madrid gegen die Niederlande am Montag (20.45 Uhr/ARD) bereits wieder Toni Kroos. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid ist einer, der ein Spiel auf ganz andere Art und Weise orchestriert. Mit vielen Querpässen, aber auch vorzüglichen Spielverlagerungen. Das risikoreiche Anspiel in die Spitze wird eher seltener eingesetzt. 

Insofern braucht es zur Wiedergutmachung gegen den Nachbarn nur die richtige Mischung aus beiden. Dann müsste sich Löw den Verzicht auf einen Innenverteidiger und ein 4-4-3 trauen, in dem für Kroos und Havertz Platz ist. Ein Experiment wäre es wert und der Newcomer auf jeden Fall gegen die Holländer bereit: „Wir können mit breiter Brust auftreten. Wir wollen uns hinter keinem verstecken.“ Kai Havertz braucht das auch nicht.

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