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Der die Gegner jagt: Englands Mittelfeldspieler Kalvin Phillips.
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Der die Gegner jagt: Englands Mittelfeldspieler Kalvin Phillips.

Rasta-Mann mit Vergangenheit

EM 2021: Kalvin Phillips, der Senkrechtstarter aus England

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
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Kalvin Phillips, einer aus der Windrush-Generation, schweißt das englische Mannschaftsgefüge zusammen.

Vor einiger Zeit, Leeds United war gerade nach langen, dürren Jahren der Zweitklassigkeit in die Premier League aufgestiegen, hat Kalvin Phillips, der englische Nationalspieler, mit seinem Vater telefoniert. Der Kontakt ist nicht mehr so eng aus Gründen, sie sehen sich selten, aber Mark Phillips hat sich mächtig gefreut über den Aufstieg von Leeds, an dem sein Sohn maßgeblich beteiligt war, er ist ja ein beinharter Fan der „Whites“ - und Kalvin sollte das zu hören bekommen. Am anderen Ende hielt Vater Mark dann den Hörer in die Höhe und ein lautstarker Chor brummender Männer stimmte die Hymne von Leeds United an, „Marching On Together“. Es hörte sich ein wenig blechern an, aber Vater Mark, der im Gefängnis saß, hatte seine Zellengenossen nicht von diesem Ständchen abbringen können.

Das alles hat Kalvin Phillips dieser Tage der Times erzählt. Er kann jetzt, mit 25, darüber sprechen, über seinen Vater, der in Prison Wealstun einsitzt, einen Abschlag nur entfernt vom United Trainingscamp, sogar in der selben Straße, der Walton Road, einen Mann, der aus Jamaika stammt, ohne Vater aufwachsen musste und sich selbst „nicht in die beste Situation gebracht hat“. Falsche Freunde, Alkohol, Drogen, Schlägereien, Familie verlassen, die üblichen Dinge halt, die einen auf die schiefe Bahn geraten lassen, zumal er in Leeds wegen seiner karibischen Herkunft als „Chalky“ beschimpft wurde und es als einziger Dunkelhäutiger in Schule und Nachbarschaft entsprechend schwer hatte. Auch jetzt, da Kalvin Phillips am Dienstag (29.06.2021) bei der EM 2021 mit der englischen Nationalmannschaft gegen Deutschland ins Viertelfinale einziehen will, sitzt der Vater hinter schwedischen Gardinen. Aber stolz auf den Filius, der es geschafft hat, ist er allemal.

Das Fußballmärchen des Kalvin Phillips

Dass es Kalvin Phillips tatsächlich geschafft, ist eines dieser Fußballmärchen, die immer wieder gerne erzählt werden. Diese Geschichten hätte genauso gut auch Raheem Sterling oder Marcus Rashford erzählen könne, Jadon Sancho, Kyle Walker oder Tyrone Mings, allesamt Menschen mit Wurzeln aus der Karibik, aus Jamaika, Barbados, Trinidad und Tobago, Nachfahren der sogenannten Windrush Generation, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs per Schiff („Empire Windrush“) von den West Indies, aus der Karibik, nach England reisten.

Sie alle, obzwar in dritter Generation lebend, mussten den harten Weg gehen bis ganz oben. Kalvin Phillips, der jetzt etwa 80 000 Pfund die Woche verdient, hat mit einem Bruder und zwei Schwestern, in einer kleine Wohnung im Industrieviertel Armley in Leeds gelebt, Mutter Lindsay, 47, hatte zwei Jobs angenommen, um die Kids durchzubekommen, geschlafen hat sie auf dem Sofa. Die Kinder bekamen in der Schule kostenloses Essen. Seit er es sich leisten kann, unterstützt Phillips, ähnlich wie Marcus Rashford, britische Sozialprogramme, er spendet Geld, engagiert sich für die Black-Lives-Matters-Bewegung und gegen Kinderarmut. Er ist trotz Wohlstands auf dem Boden geblieben, er ist noch immer mit dem gleichen Mädchen aus der Grundschule zusammen, er weiß, wo er herkommt. Seine Mutter hat ihn geprägt: „Nie hat sie sich beklagt, sie hat alles für uns getan“, sagte Kalvin in der „Daily Mail“ über seine Mutter.

Weil der Erzeuger nie da war oder im Knast, „feiern wir auch am Vatertag unsere Mutter.“ Lindsay Phillips ist eine dieser starken britischen Frauen, die vieles stemmen und wenig wehklagen. Dass sie Kalvin bei all seinen Fußballaktivitäten stets unterstützte, war immer klar. Seit er 15 ist, spielt er bei Leeds an der Elland Road, bald 200 Spiele hat er für den Klub bislang absolviert, 27 davon in der Premier League.

Kalvin Phillips: Schub von Bielsa

Den entscheidenden Schub seiner Karriere hat ihm der argentinische Spielerbessermacher Marcelo Bielsa verpasst, der seit 2018 die Weißen trainiert. Zwei Dinge hat er bei Phillips verändert: erstens, schulte er ihn vom offensiven auf defensiven Mittelfeldspieler um, die Position des Sechsers hat er jetzt auch dreimal über 90 Minuten bei dieser EM eingenommen, zweitens: möge er Gewicht verlieren.

Dazu hat er, typisch Bielsa, das Trainingsprogramm deutlich ausgeweitet, auf der Insel ist diese Art des Trainings als „murderball“ bekannt, Einheiten von „fünf Minuten Fußball mit 100 Meilen pro Stunde ohne Unterbrechung“ seien die Regel gewesen. Phillips profitierte davon, auch taktisch agiert er seitdem auf einem höheren Level.

Und doch hätte er nie bei der EM mitgespielt, hätte die Pandemie nicht für die Verschiebung gesorgt. Denn vor einem Jahr war Leeds noch zweitklassig, Kalvin Phillips nur in Yorkshire eine Nummer, er segelte unterhalb des Radars, fast hätte er sich sogar für die irische Auswahl entschieden. Erst Gareth Southgate überredete ihn zu den Three Lions. Anfang August 2020 machte er sein erstes (von bisher elf) Länderspielen, gegen die Dänemark. Entsprechend groß war die Freunde im Hause Phillips. Auch da küsste Kalvin, wie nach jedem Torjubel, ein Tattoo auf seinem Oberarm und reckte die Arme in den Himmel. Das macht er im Gedenken an seine Zwillingsschwester Lacreasha, die im Alter von zwei Monaten gestorben war. Kalvin, Lacreasha und eine weitere Schwester sind Drillinge.

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Kalvin Phillips: Leitung in den Knast

Phillips, leicht unpassend als „Yorkshire-Pirlo“ bezeichnet, spielt auf der Sechs, er ist ein passabler Fußballer, der Raheem Sterling etwa das 1:0 gegen Kroatien im ersten EM-Spiel aufgelegt hat. Aber er ist auch einer, der ein „tough takle“ beherrscht, der dazwischen funken kann, wenn es nötig ist. „Ich bin ein physischer Spieler, keine Nummer acht. Meine Aufgabe ist es, so viele Bälle wie möglich zu gewinnen und sie dann dem besseren Spieler zu geben.“ Im englischen System unterstützen zwei defensive Mittelfeldspieler die Viererabwehrkette, bislang hat die keiner geknackt.

Es war eine Überraschung, dass Southgate dem Rastalocken tragenden Spieler das Vertrauen schenkte. Er hat es mehrfach zurückgezahlt, stand als einziger Feldspieler die drei Spiele von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Rasen. Dass er, das lange unbeschriebene Blatt, im Wembley gegen den alten Rivalen spielt, hält er selbst „für surreal“. Er fühlt immer noch wie ein Fan von Three Lions, „nur dass ich jetzt unten auf dem Feld stehe“.

Und sollte er am Dienstagabend, womöglich nach Verlängerung und Elfmeterschießen, tatsächlich ins Viertelfinale einziehen, dann dürfte beim nächsten Telefongespräch mit Wealstun eine andere Hymne erklingen. (Thomas Kilchenstein)

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