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Tor durch Matthias Ginter.

Nationalmannschaft

Randfigur als Führungskraft

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der gerne unterschätzte Matthias Ginter hat sich unverzichtbar gemacht – auch unter Joachim Löw hat das ein bisschen gedauert.

Viele Worte hat Matthias Ginter in den Sozialen Medien nicht verloren, um den Pflichtsieg in der Ukraine (2:1) übers Wochenende zusammenzufassen. „Drei Punkte. Weiter geht’s“, schrieb der 26-Jährige via Instagram und Twitter und setzte zwischen die Mini-Sätze noch einen Haken. Nüchterne Pragmatik in diesen schwierigen Zeiten in allen Ehren, aber gegen ein bisschen Eigenlob des Nationalspielers in den digitalen Welten hätte wohl niemand etwas gehabt. Es war schließlich der aufgerückte Abwehrmann, der nach entschlossener Vorarbeit des Verteidigerkollegen Antonio Rüdiger recht früh den gegnerischen Widerstand auf dem Rasen und den Rängen brach.

Aber der Defensivallrounder von Borussia Mönchengladbach ist nun einmal kein Typ, der Personenkult braucht. Um seinen zweiten Treffer im 32. Länderspiel wollte er bloß nicht zu viel Aufhebens machen. „Ich muss dazu sagen, dass gefühlt 90 Prozent des Tores Toni Rüdiger gehören, er hat sich super durchgesetzt“, sagte der gebürtige Freiburger am ARD-Mikrofon, wo er lieber ausführlicher über die durchwachsene Gesamtleistung sprach. Ginter kritisierte „sehr, sehr viele einfache Ballverluste“ und tadelte eine Häufigkeit von Fehlern, „das kommt bei einer deutschen Nationalmannschaft selten vor“.

Ginter nutzt den Tag

Der junge Familienvater, dessen Sohn am selben Tag (19. Januar) wie er selbst zur Welt kam, fällt nicht erst seit gestern durch klare Analysen und reflektierende Einlassungen auf. Sein Credo: „Ich versuche jeden Tag, an mir zu arbeiten, jeden Tag zu nutzen, um ehrgeizig zu bleiben und alles rauszuhauen.“ Doch es hat gedauert, um Bundestrainer Joachim Löw zu überzeugen, obwohl dieser als regelmäßiger Gast im Schwarzwaldstadion das Talent früh erkannte: Ginter reiste als jüngster Spieler mit zur WM 2014, wo er allerdings nichts zum Einsatz kam.

Für die EM 2016 rauschte der Defensivspieler durchs Rüttelsieb, weil er zeitweise mit seiner Rolle bei Borussia Dortmund fremdelte. Bei der WM 2018 war er dann zwar wieder dabei, spielte aber erneut keine Minute. Erst mit der personellen Neuausrichtung vor zwei Jahren stieg die Randfigur zum Stammspieler auf, dessen Wert fürs große Ganze selbst die Öffentlichkeit nicht mehr übersieht. In der auf der DFB-Homepage geschalteten Abstimmung zum „Man of the match“ lag die deutsche Nummer vier am Sonntag vorne. Die Fans wählten ihn bereits zum „Nationalspieler des Jahres 2019“, der Preis für das schönste Länderspieltor des vergangenen Jahres – ein technisch feiner Hackentreffer im Borussia-Park gegen Weißrussland (4:0) – ging gleich auch noch an ihn.

Schon vor der Corona-Krise hatte er eigentlich den Status des am meisten unterschätzten Nationalspielers abgelegt. Als Löw dieser Tage die Führungskräfte aufzählt, die der jüngeren Garde den Weg weisen sollen, gehörte „Matze“ Ginter dazu. Und „Mister Zuverlässig“ würde auch dann nicht mehr zwangsläufig aus der ersten Elf rotieren, sollte aus der derzeit bevorzugten Dreierkette mal wieder eine Viererkette werden. Löws Musterschüler kann nämlich auch sehr zuverlässig die rechte Außenbahn bespielen.

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