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Als Social Distancing noch ein Fremdwort war: Rainer Koch (rechts) bei der Grundsteinlegung der DFB-Akademie im vergangenen Jahr neben Bundeskanzlerin Angela Merkel, DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius und Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Strippenzieher beim DFB

Rainer Koch, der Kümmerer

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Wie ein eher unauffälliger Mann den deutschen Amateurfußball auffällig geschickt lenkt - und sich dabei nicht nur Freunde macht.

In den turbulenten vergangenen Wochen hat es Rainer Koch tatsächlich geschafft, in unzähligen Videokonferenzen mit weit mehr als 5000 Vereinsvertretern in Kontakt zu treten. Allein deren neun virtuelle Treffen waren es am Wochenende. Die Ausmaße der Corona-Epidemie haben die Instinkte des Krisenmanagers aus dem bayerischen Poing geweckt. Der Multifunktionär ist ganz in seinem Element. Fast könnte man den dringenden Verdacht hegen, es gäbe den DFB-Vizepräsidenten, Chef des bayerischen und süddeutschen Fußballverbandes und Mitglied der Uefa-Exekutive tatsächlich dreifach geklont. Derart umtriebig ist der 61-jährige gewohnte Vielflieger gerade vom roten Sofa aus dem Homeoffice oder seinem nah gelegenen Büro im bayerischen Fußballverband heraus unterwegs. Seine Facebookseite bestückt er persönlich, fast ein Dutzend Mal schon im Monat April - inklusive einer Videoansprache an alle 4600 bayerischen Fußballvereine. Koch, der Kümmerer. Koch, der Schattenpräsident des deutschen Fußballs.

Man sollte den eher klein gewachsenen, etwas gedrungen daherkommenden und eigenwillig frisierten Juristen besser nicht unterschätzen. Leute, die ihn länger kennen, wissen: Der gewiefte und gescheite Kerl ist meistens schneller als die anderen. Und ausdauernder ist er auch. Im Kopf und auf den Beinen.

Den Vorsprung, den er sich oft erarbeitet, hat mit Fleiß zu tun, einem eng geknüpften Netzwerk, einer ausgeprägten Bereitschaft zur Kommunikation, auch einer gewissen Eitelkeit, vor allem aber seiner Fähigkeit, strategisch und, ja, auch sehr kalkuliert machtpolitisch zu denken.

Samstagabend, 19.45 Uhr, Gerade hat Koch eine der sieben 90-minütigen Web-Seminare mit diesmal 573 Klubvertretern bayerischer Amateurvereine beendet. Ein paarmal hat er seine randlose Brille abgenommen und sich die Augen gerieben. Er hat zuletzt wenig Zeit zum Schlafen gehabt. Koch kennt fast alle Namen bis hinunter in den winzigsten Kreisausschuss in der Oberpfalz auswendig. Kein anderer der 21 Landesverbände des DFB ist digital so gut aufgestellt.

Mit seinem Landesverband ist er gerade mal wieder Vorreiter: Die bayerischen Vereine haben per Onlineabstimmung am Montag mit einer Zustimmung von 68,13 Prozent Kochs Vorschlag unterstützt, die Saison nicht vor dem 1. September wieder zu starten. Ein Saisonabbruch soll unbedingt verhindert werden. In den Videokonferenzen hat Big Boss Koch die Vereinsleute mit auf seine gedankliche Reise genommen. „Wir wollen, dass die Entscheidungen auf dem Rasen fallen und nicht am Grünen Tisch. Und wir wollen uns nicht diese und dazu noch die nächste Saison zerschießen, falls das Virus zurückkehrt. Dann müssten wir wieder unterbrechen, denn 80 000 Spiele bundesweit mit mehr als einer Million Aktiven jedes Wochenende wären Festspiele für das Virus.“

Mitunter stößt selbst der ehemalige Verbandsliga-Referee, der als damaliger Vorsitzender des DFB-Sportgerichts den komplexen Schiedsrichterskandal um Robert Hoyzer klug abarbeitete, in seiner Multifunktionalität an Grenzen. Zum Jahresbeginn hat Koch sich deshalb als Vorsitzender Richter am Münchner Oberlandesgericht vollständig beurlauben lassen, zudem hat er nach fast 30 Jahren als SPD-Politiker im Gemeinderat Poing nicht wieder kandidiert. Auch als offizieller Uefa-Matchbeobachter in der Champions League fungiert der Strippenzieher, der oft mit drei Mobiltelefonen unterwegs ist, nun nicht mehr. Sein letzter Einsatz – bittere Ironie des Schicksals – war im Februar die Partie von Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia in Mailand, das die explosionsartige Entwicklung des Coronavirus extrem befördert haben soll. Koch, der kurz darauf als neues Regierungsmitglied und Sprachrohr des deutschen Fußballs in die mächtige Uefa-Exekutive gewählt wurde, blieb unversehrt.

Ganz einfach waren die vergangenen Wochen und Jahre auch für ihn nicht, wenngleich er sich selbst von zugigem Gegenwind so schnell nicht umwerfen lässt. In der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und beim FC Bayern galt er wegen seiner lästigen Hartnäckigkeit im Kampf für die Interessen der Kleinen gegen die Großen zeitweise nahezu als Hassfigur. Erst Recht, als er praktisch im Alleingang gegen den ausdrücklichen Wunsch der Bundesliga im November 2015 Reinhard Grindel als DFB-Präsidenten durchdrückte. Der von Koch protegierte Grindel verlor später dessen Rückendeckung, unter anderem auch deshalb, weil der vom Bayern ins Amt gehievte Norddeutsche sich regelmäßig tiefgreifend ins operative Geschäft – etwa beim Videobeweis – einmischte und dabei auch vor bayerischen Unparteiischen keineswegs kleinmütig Halt machte.

Koch wusste nach Grindels Rücktritt im April 2019: Der nächste Kandidat muss sitzen. Er selbst hätte sich das sicher zugetraut, konnte aber gleichwohl sicher sein, nicht die notwendige Unterstützung sämtlicher (vor allem ostdeutscher) Landesverbände und erst recht nicht der Bundesliga zu erfahren. Dafür war er, einerseits, zu sehr Bayer und, andererseits, zu sehr der Mann der Basis. Doppelt verdächtig sozusagen.

Also einigte sich Koch mit DFL-Boss Christian Seifert und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius auf den Freiburger Fritz Keller. Damit der Neue sich nicht wieder allzu schnell verbrauchen sollte, wurde dem kundigen Winzer Keller die Richtlinienkompetenz eines DFB-Präsidenten aus der Satzung gestrichen. Der 63-Jährige, intern wegen seines verbindlichen Auftretens überaus beliebt, soll vor allem präsidial repräsentieren. Ein Ostergruß auf der DFB-Homepage hier, ein Gastbeitrag im „Kicker“ da, ein paar informelle Treffen mit der Politik, klassische Lobbyarbeit im Hintergrund eben, Aber Keller sollte sich besser nicht – wie neulich im ZDF-Sportstudio – halsbrecherisch aufs sportpolitische Glatteis locken lassen.

Das tun Seifert, Curtius und Koch umso mehr – und erweisen sich in der Corona-Krise ihren komplexen Aufgaben als durchaus gewachsen. Koch und Seifert, die eigentlich selten nervös wirken, war ihre Anspannung zuletzt bei öffentlichen Auftritten gleichwohl deutlich anzumerken. Kochs Auftritt im Fußball-Stammtisch „Doppelpass“ verlief dabei immerhin weitgehend unfallfrei, Seiferts Krisen-Pressekonferenzen gerieten gar mitunter staatstragend. Die beiden einstigen Erzfeinde haben sich im Sinn der Sache zusammengerauft. Das konnte nur deshalb nach vielen Jahren der gegenseitigen Abneigung gelingen, weil beide Respekt davor haben, dass auch der andere gescheit und fleißig ist und für seine Sache aufrecht eintritt. Der eine für die Profis, der andere für die Amateure und Bayern.

Was Letzteres angeht, muss Kümmerer Koch jetzt gerade mal wieder auf der Hut sein – und seine Gegner übrigens ebenso. Denn die fünf bayerischen Drittligisten sind jüngst in einer von Koch moderierten Videokonferenz überein gekommen, dass sie die Saison unbedingt mit Geisterspielen beenden mögen. Koch hat das Votum flugs auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Die fünf ostdeutschen Klubs hielten prompt dagegen, Sie und noch ein paar andere Vereine wollen einen sofortigen Saisonabbruch in der vom DFB gemanagten Dritten Liga – und fürchten, dass der Multitasker Koch als Bayern-Landesverbandschef und DFB-Vizepräsident in Personalunion seinen Einfluss für die Vereine aus Bayern geltend macht. Zum Nachteil des Ostens. Diese Woche tagt das DFB-Präsidium. Mittendrin: Rainer Koch. Die Meinungen prallen konträr aufeinander. Der Ausgang: ungewiss. Die Zerreißprobe: massiv.

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