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Mit gesenktem Haupt zum Krisengespräch in die DFL-Zentrale: DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Krisentreffen Nationalmannschaft

Ränkespiele zwischen DFB und DFL

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Das Krisentreffen in der Frankfurter DFL-Zentrale zeigt, dass die Bundesliga künftig bei der Nationalmannschaft ein gehöriges Wörtchen mitreden will.

Die Ecke Guiollettstraße und Ulmenstraße ist gemeinhin zur Mittagszeit kein frequentierter Treffpunkt im feinen Frankfurter Westend. Die in diesem Areal ansässigen Banker streben gewöhnlich in die angesagten Locations der näheren Umgebung, aber der eine oder andere hat sich dann doch erkundigt, warum auf einmal Übertragungswagen die Gehsteige belegten, Fotografen die Einfahrt zu einer Tiefgarage belagerten und Kamerateams vor Hausnummer 48 lungerten.

Vermutlich ist Fredi Bobic, der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, nur bei der Triumphfahrt durch die Mainmetropole nach dem Pokalfinale häufiger geknipst worden als am Dienstag beim Eintreffen vor der Zentrale der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Kurz darauf bekamen Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Präsident Reinhard Grindel das Blitzlichtgewitter ab. An ihrem Gefährt prangte der Slogan der Euro-Bewerbung 2024 „United by Football. Vereint im Herzen Europas“.

Aber zuvor muss sich erst einmal der deutsche Fußball wieder vereinen, der nach dem ersten Vorrundenaus der WM-Geschichte inklusive einer hässlichen Rassismus-Debatte so viel Trennendes einbrachte, dass sich die höchste Politik mit ihm beschäftigte. Dass das erste Krisentreffen mit Führungskräften von fünf Klubs und Vertretern der DFL-Kommission Fußball am Stammsitz des Profifußballs stattfand, besaß wohl Symbolwert. Nachdem die Nationalmannschaft ihre eigenen Grundwerte teils mit Füßen trat und hernach ihre Verantwortungsträger inklusive dem zuständigen DFB-Direktor Oliver Bierhoff alles nur noch schlimmer machten, will die Liga solch amateurhaftes Tun nicht mehr dulden. Ohne den Schulterschluss mit ihr geht nichts bei einem Neuanfang der Nationalelf, wenn schon deren Sportliche Leitung bleiben darf.

Die Bundesliga sieht aber nicht nur den Bundestrainer Löw, sondern auch sich selbst in der Verantwortung. Deren Sportchefs wissen genauso wie der Nationalmannschaftsmanager Bierhoff um das Nachwuchsproblem, das sich in naher Zukunft eher vergrößert statt verkleinert. Und an dieser Stelle sind mehr die Nachwuchsleistungszentren unter Klubhoheit als die Juniorennationalmannschaften unter DFB-Obhut gefordert. Alle sitzen diesbezüglich in einem Boot: Gegenseitige Schuldvorwürfe helfen kaum weiter, da sind sich Max Eberl (Borussia Mönchengladbach), Jörg Schmadtke (VfL Wolfsburg) oder Rudi Völler (Bayer Leverkusen) einig. Dass viele Klubs bei der Suche nach Talenten in der Transferperiode vorwiegend im Ausland fündig wurden, ist ein weiteres Indiz für mangelnde Wettbewerbsfähigkeit.

Die sportlichen Probleme greifen direkt in die Schnittstelle zu den wirtschaftlichen Interessen: Wenn die Nationalmannschaft auf einmal als Zugpferd ausfällt und das Prädikat „Weltmeisterliga“ zum Nachbarn Frankreich wandert, dann wird auch DFL-Chef Christian Seifert ungehalten. Einem Wortführer wie Uli Hoeneß vom FC Bayern ist die Verselbstständigung der DFB-Vermarktungsmaschinerie ohnehin seit längerem ein Dorn im Auge. Hier will die Liga rote Linien einziehen. Zwar begann der Abnabelungsprozess mit der Inthronisierung von Jürgen Klinsmann und seinem Mitstreiter Bierhoff, aber irgendwann führte „die Mannschaft“ – spätestens mit Erfindung dieses Markennamens – ein Eigenleben.

Wenn Löw am Freitag dem DFB-Präsidium seine Aufarbeitung vorstellt und diese am Mittwoch nächster Woche der Öffentlichkeit erläutert, will vor allem auch Grindel gut aussehen: Als einer, der seinen Laden wieder im Griff hat. Sein größtes Problem: Er gilt weder als Vertreter der Amateure und erst recht nicht als Oberhaupt der Profis. Der gebürtige Hamburger überlegt sich nun jedes Manöver. Beim DFB-Pokalspiel am Fürther Ronhof hat er zwar am späten Montagabend dem „Spieler des Spiels“, Sebastian Ernst, eine Plakette überreicht, aber nicht für ein ARD-Interview zur Verfügung gestanden.

Dass der DFB-Chef zuvor in der „Bild am Sonntag“ seinen mächtigsten Direktor Bierhoff, der in der neuen DFB-Struktur den größten und wichtigsten Bereich Nationalmannschaft und Fußballentwicklung verantwortet, angezählt hatte, wirkte typisch: Der 56-Jährige richtete seine Haltung gerne nach der öffentlichen Meinung aus. Muss er wirklich sofort erfahren, dass Nationalspieler im WM-Quartier in Watutinki bis tief in der Nacht an der Playstation gedaddelt haben?

Das Ränkespiel zwischen dem Verbandschef und seinem Superdirektor könnte noch spannend werden. Lachender Dritter ist vielleicht nicht erst langfristig der zum Chef der EM-Bewerbung ernannte Philipp Lahm. Ligavertreter bereiten indes auch noch andere Planspiele vor. Solche Schubladen werden allerdings erst gezogen, sollte die Euro 2024 in einem Monat an den einzigen Mitbewerber Türkei gehen. Erst dann wäre der deutsche Fußball wirklich so tief gefallen, wie es einen Steinwurf weiter vom gestrigen Versammlungsort der Deutschen Bank passiert ist.

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