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Lässiger Auftritt: Joachim Löw weiß dennoch um die Bedeutung der beiden Oktober-Länderspiele.

DFB-Team

Punkte statt Prestige

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Ein Duell gegen die Niederlande hat für den deutschen Fußball längst nicht mehr die Bedeutung wie früher - eine Niederlage sollte sich das DFB-Team dennoch nicht leisten.

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass der Tross der deutschen Nationalmannschaft am Freitag für insgesamt drei Nächte ein Quartier abseits des historischen Zentrums von Amsterdam bezogen hat. Dort, wo sich 7000 Baudenkmäler und 2500 Hausboote, 160 Grachten oder 80 Museen befinden, zieht es ja die Menschen hin wie die Motten das Licht. Hunderttausende spuckt Tag für Tage der auf Pfählen erbaute Bahnhof Amsterdam Centraal aus. Sechs Metrostationen weiter, an der Haltestelle Spaklerweg, findet sich hingegen mehr Ruhe. Und es sind auch nur zehn Minuten, um zur Johan-Cruyff-Arena zu gelangen, wo das Nations-League-Duell Niederlande gegen Deutschland (Samstag 20.45 Uhr/ ZDF) steigt.

Als der schwarz lackierte Mannschaftsbus am Freitagmittag mit leichter Verspätung direkt vor die Eingangspforte neben die Kästen mit den großen Sonnenblumen rollte, waren nur spontane Kiebitze zugegen. Ein glatzköpfiger Mann fuhr nicht nur eine besonders zackige Kurve mit seinem kultigen Holland-Rad, sondern brüllte übers Absperrband: „Welcome to Amsterdam!“. Einige Landsleute klatschten. Doch niemand aus der deutschen Delegation reagierte. Keiner konnte mit solch einer Begrüßung wohl etwas anfangen.

Bundestrainer Joachim Löw war da bereits strammen Schrittes mit Sonnenbrille und Halstuch durch die Glastür marschiert. Der Badener war noch ganz leicht erkältet, aber von einem Tatendrang zeugte eine unter den Arm geklemmte Tasche, die aussah, als würde dort der fertig ausgearbeitete Matchplan stecken. Der 58-Jährige  negierte am Abend auf der Pressekonferenz, dass speziell seine Person in zwei aufeinanderfolgenden Auswärtsspielen – danach geht es in Paris gegen Frankreich (Dienstag 20.45 Uhr/ ARD) – unter Erfolgszwang stehe. „Ich bin seit 2006 Bundestrainer. Ich spüre nicht mehr Druck als bei der Heim-WM 2006, bei der WM 2010 oder 2014. Warum sollte das jetzt in der Nations League so sein? Das muss ich verneinen.“

Es verhalte sich mit dem fürs Publikum gewiss noch gewöhnungsbedürftigen Wettbewerb laut Löw doch so: Er sei interessant und auch wichtig („man will in der Gruppe nicht unbedingt absteigen“), aber niemand solle das Konstrukt deswegen allzu hoch hängen: „Das Wichtigste ist die Qualifikation für die EM 2020: Das werden wir schaffen.“ Allerdings drohen bei der Auslosung am 2. Dezember in Dublin schwerere Gegner, sollte Deutschland zuvor in der Nations League in die B-Kategorie fallen.

Was dann sofort wieder Grundsatzdiskussionen bis hin zum Bundestrainer eröffnen würde, der laut „Süddeutschen Zeitung“ in seinem vor der WM voreilig bis 2022 verlängerten Arbeitspapier für 2020 eine beidseitige Ausstiegsklausel besitzen soll. Aus dem DFB-Präsidium wird zudem aus dem Sommer eine Aussage übermittelt, dass zwei Niederlagen im Oktober-Doppelpack nicht geduldet würden. Der einstige Capitano Michael Ballack hat dann noch verlauten lassen, dass Löw nicht der Richtige für den Neuaufbau sei. Eine Replik des Fußballlehrers blieb am Freitag erwartungsgemäß aus. Jeder dürfe sagen, was er möchte: „Diese Woche interessiert es mich nicht. Ich habe wirklich andere Dinge im Kopf.“ Und in der kommenden Woche werde es ihn „erst recht nicht mehr interessieren“.

Auch den Vorwurf, dass einige Spieler sich angeblich hinter vorgehaltener Hand beklagt hätten, bei täglich nur einmal Training sei es zu lasch zugegangen, lächelte Löw weg. Kurz darauf Thomas Müller schmunzelte auch über solch ein Thema nur. Der mit einer Einsatzgarantie versehene Münchner meinte: „Dienstag und Mittwoch gab es eine straffe Einheit.“ Überdies habe er niemand bei der Extraschicht entdeckt; ihm ist wichtiger, „dass wir mit einer gewissen Frische reingehen und Spielwitz rübernehmen.“

Die Zeiten spezieller Kampfansagen sind vor einem deutsch-niederländischen Duell sowieso vorbei. 14 von 21 Kaderkräften der aktuellen DFB-Auswahl waren beispielsweise noch gar nicht geboren, als sich Frank Rijkaard und Rudi Völler bei der WM 1990 in die Haare bekamen. Protagonisten wie Timo Werner, Jahrgang 1996, mussten vor dem 41. Aufeinandertreffen die Rivalität schon fast herbeireden: „Es wird vielleicht nicht so eine Schlacht wie früher, aber Deutschland gegen Holland ist immer ein brisantes Spiel.“

Bemerkenswert noch, dass es am Donnerstagabend in Berlin zu einem besonderen Treffen gekommen ist: Auf Betreiben von Kapitän Manuel Neuer stieß die querschnittsgelähmte Kristina Vogel zur Mannschaft. Der radsportbegeisterte Nationaltorwart, der sich beim Werbedreh eines Herstellers gerade in Torwartkluft aufs Rennrad gesetzt hat, stellte über den Bahnradfahrer Maximilian Levy den Kontakt zur Olympiasiegerin her. Vogel sagte dazu bei DFB.tv: „Es war schön, die Leute mal persönlich kennenzulernen, sonst sieht man sie ja nur über den Fernseher huschen. Das sind coole Jungs.“ Müller berichtete von einer „sehr offenen Person und starken Persönlichkeit“. Man habe der 27-Jährigen „Mut gemacht und das Gefühl gegeben, Teil der Gruppe zu sein.“ Sein Fazit: „Für beide Seiten war das Treffen gut.“ Kaum nachvollziehbar dann nur, dass es fast einen Tag geheim gehalten wurde.

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