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Ex-Offenbacher mit Kopfbedeckung: Klaus Gjasula.

Bundesliga-Serie

Die PS-Profis aus Paderborn

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Der Aufsteiger will auch in der Bundesliga offensiv spielen - in unserer Bundesligaserie geht es heute um den SC Paderborn.

Der Auf-Ab-Ab-Ab-Auf-Aufsteiger, wie der SC Paderborn kürzlich vom Boulevard getauft wurde, wird sich in dieser Bundesligarunde strecken müssen, um nicht noch ein Ab an seinen Titel dranhängen zu müssen. Denn die Ostwestfalen, die vor etwas mehr als zwei Jahren fast den Gang in die vierte Liga hatten antreten müssen und nur von der Insolvenz von 1860 München profitierten, sind Abstiegskandidat Nummer eins im Fußball-Oberhaus. Um die kleine Chance auf den Ligaerhalt zu nutzen, setzt der SCP vor allem auf zwei Dinge: den Trainer und dessen Spielidee.

Wie ist die Stimmung?
Die Begeisterung nach einem Aufstieg, heißt es oft, könne gerade in der Anfangsphase der Saison tragen, die Spieler zusätzlich motivieren. Darauf hoffen sie natürlich auch in Paderborn vor dem Saisonauftakt bei Bayer Leverkusen. Zwischenzeitlich aber hatten sie sich selbst ein Beinchen gestellt, die Bosse an der Pader, in dem sie mir nichts, dir nichts eine Kooperation mit dem wenig gemochten Brauseklub RB Leipzig veranlassten. Die Fans, vor allem die Ultras, gingen auf die Barrikaden, protestierten, drohten mit Liebesentzug. Es half, mittlerweile ruderten Leipzig und Paderborn zurück, eine Zusammenarbeit wird es nicht geben. Die Stimmung ist somit wieder Eins-A.

Wie stark ist der Kader?
Vielleicht sogar schlechter als zu Zweitligazeiten. Denn zum einen verloren die Paderborner ihre zwei besten Kicker des Aufstiegsjahres: Spielmacher Philipp Klement, der lieber weiter zweitklassig beim VfB Stuttgart kickt, dort aber erstklassig bezahlt wird, und Außenangreifer Bernard Tekpetey, den Schalke 04 erst für die im Vertrag festgeschriebenen 2,5 Millionen Euro auslöste, um ihn direkt an Fortuna Düsseldorf weiter zu verleihen. Klement schoss 16 Tore, Tekpetey zehn – diese Qualität wird fehlen. Denn zum anderen bringt keiner der 14 Zugänge eine derart hohe und bereits nachgewiesene Qualität mit, um mit Sicherheit sagen zu können, dass die Verluste locker kompensiert werden können. Die Neuen kommen unter anderem aus Siegen, Cottbus, Uerdingen, Braunschweig, viert- oder drittklassige Standorte. Und wilderten die Paderborner doch mal in der Bundesliga, etwa in Mainz, so waren Torhüter Jannik Huth und Außenspieler Gerrit Holtmann dort nur Männer der Ersatzbank. Und oft nicht mal das.

Worauf steht der Trainer?
Erstens offenbar auf Helene Fischer, zumindest beschallte Steffen Baumgart seine Profis während einer Laufeinheit in der Vorbereitung mit Schlagermucke des Trällersternchens. Und zweitens, viel wichtiger, auf Tempofußball. Waren die Paderborner schon in der zweiten Klasse die PS-Profis, soll sich daran auch eine Liga höher nichts ändern. Schnelles Umschalten bei Ballgewinnen, stets den Turbo an, eine offensives Auftreten ohne allzu große taktische Zwänge - so stellt sich Baumgart das vor. „Wir ändern unseren Spielstil nicht, nur weil wir eine Klasse höher spielen“, sagt Sport-Geschäftsführer Martin Przondziono, Vergangene Runde traf Paderborn 76 Mal, der Bestwert. „Wie schwierig es in der Bundesliga wird, ist jedem klar. Wir müssen immer über die Grenzen gehen“, sagt Baumgart.

Wo hapert’s noch?
Das muss differenziert betrachtet werden, denn in Paderborn sind sie mit ihrem Team in Relation zu den zur Verfügung stehenden Mitteln durchaus zufrieden. Aber klar, die Mannschaft ist jung, im Schnitt nur 24,5 Jahre alt, dazu kaum erstligaerprobt. Auf Verpflichtungen von erfahrenen Recken wie Christian Gentner oder Neven Subotic, die nun bei Mitaufsteiger Union Berlin ihr Geld verdienen, verzichtete der SCP bewusst. Das kann mächtig in die Hose gehen. Einerseits. Andererseits soll die Mannschaft aus ihrer Homogenität die Stärke für Überraschungen saugen.

Wer sticht heraus?
Einen Star gibt es nicht. Verpflichtet wurden vor allem Spieler, die ins Kontersystem passen. Der Ex-Mainzer Holtmann ist ein Geradeausspieler par excellence, der schnell rennen kann, dem die nötige Dribbelstärke aber oft fehlt. Ähnliches gilt für den neuen Mittelstürmer Streli Mamba, der zwar pfeilschnell ist, vor dem Tor aber häufig mit seinen Nerven zu kämpfen hat. Der gebürtige Schwabe mit kongolesischen Wurzeln sollte schon im Sommer 2018 aus Cottbus zum SCP wechseln, doch die Lausitzer forderten zu viel Ablöse. Nun kostete Mamba, der noch vor drei Jahren in der Oberliga kickte, keinen Cent. Der 25-Jährige traf vergangene Saison elf Mal für Cottbus.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Der dürfte pfeifend die Pader entlang spazieren, so sehr müsste die Transferbilanz seine Laune heben. Für Tekpetey und Klement kassierte Paderborn fünf Millionen Euro, einzig für Torhüter Huth wurde im Gegenzug eine sehr geringe Ablöse bezahlt. Aber klar, das hat auch seinen Grund. Viel Kohle ist in Paderborn grundsätzlich nicht vorhanden.

Was ist drin?
Vermutlich nicht viel, wahrscheinlich gar nichts. Ein Abstieg des Aufsteigers wäre logisch. Den Spaß am Kicken gegen die besten Fußballers der Republik wollen sie sich aber nicht nehmen lassen in Paderborn. Warum auch? Probieren kann man es ja mal. Klaus Gjasula, einst bei Kickers Offenbach aktiv und seit einer Verletzung am Kopf auf dem Rasen stets behelmt unterwegs, fasst das so zusammen: „Für mich geht ein Kindheitstraum in Erfüllung. Ich will es genießen, ich freue mich auf Spiele gegen super Mannschaften in einzigartigen Stadien. Das ist der komplette Wahnsinn.“

Zu- und Abgänge bei Paderborn

Zugänge:  Laurent Jans (FC Metz, Leihe), Gerrit Holtmann (Mainz 05, Leihe), Jan-Luca Rumpf (Sportfreunde Siegen), Cauly Oliveira Souza (MSV Duisburg), Rifet Kapic (Grasshopper Zürich), Marcel Hilßner (Hansa Rostock), Johannes Dörfler (KFC Uerdingen), Jannik Huth (Mainz 05), Luca Kilian (Borussia Dortmund II), Streli Mamba (Energie Cottbus), Felix Drinkuth (Sportfreunde Lotte), Julius Düker (Eintr. Braunschweig), Philip Tietz (Carl Zeiss Jena), Luca Pfeiffer (VfL Osnabrück), Justin Reineke (Jugend).

Abgänge:  Sergio Gucciardo (Alemannia Aachen, Leihe), Mohammed Kamara (unbekannt), Philipp Tietz (SV Wehen Wiesbaden), Lukas Boeder (MSV Duisburg), Julius Düker (SV Meppen), Luca Pfeiffer (Würzburger Kickers), Philipp Klement (VfB Stuttgart), Felix Herzenbruch (RW Essen), Bernard Tekpetey (Schalke 04), Sascha Heil (unbekannt).

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