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Projekt Abbruch

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Von: Jan Christian Müller

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Ist er noch der Richtige? Bundestrainer Hansi Flick. Foto: AFP
Ist er noch der Richtige? Bundestrainer Hansi Flick. © afp

Für die ganz großen Bühne einer WM wirkte Bundestrainer Hansi Flick nun zu klein. Und ihm unterliefen fachliche Fehler. Ein Kommentar.

Wie sehr es die DFL unter Leitung von Donata Hopfen tangiert, dass die Muttergesellschaft DFB mit der Elitemannschaft des Landes unerfreulich früh bei der WM ausgeschieden ist, war am Freitagmorgen zu erfühlen. Da versendete die DFL-Zentrale eine Pressemitteilung in maximal bürokratischem Duktus. Aufgrund einer „angepassten Lageeinschätzung der niedersächsischen Polizei“ würden die Begegnungen Eintracht Braunschweig gegen Hannover 96 und Jahn Regensburg gegen den SC Paderborn 07 getauscht. Wäre das also geklärt.

Nicht geklärt sind bedeutendere Fragen, mit denen sich Frau Hopfens Chef Hans-Joachim Watzke gemeinsam mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf nun intensiv beschäftigen muss: die Zukunft von Hansi Flick als Bundestrainer und Oliver Bierhoff als Top-Manager des Verbands. Können diese beiden, die den DFB elf (Flick als Co-Trainer, Sportdirektor und Bundestrainer) und 18 Jahre (Bierhoff als DFB-Direktor, Präsidiumsmitglied und Geschäftsführer) an zentraler Stelle mit in den aktuellen Untergang navigiert haben, allfällige Herausforderungen für die Zukunft des deutschen Fußballs noch zufriedenstellend bewältigen?

Weder Flick noch Bierhoff selbst zweifeln daran, dass sie eine Perspektive aufbereiten können, welche die Kontrolleure als Strategie anerkennen. Mir einer aufwendigen Powerpointpräsentation dürfte es nicht getan sein. In seiner wenig prägenden Phase als DFB-Sportdirektor bewarb Flick unter Paukentrommel das DFB-Programm „Unser Weg. Erfolg entwickeln“, mit dessen Schubkraft eine „einheitliche Spiel-, Ausbildungs- und Trainingsvision über alle Leistungs- und Altersebenen etabliert werden“ sollte. Aber ihm fehlte Power, Geduld und Rhetorik, die vielen guten Ansätze bis in die Niederungen des deutschen Vereinswesen zu transportieren.

Abgelöst wurde der gescheiterte große Wurf durch das „Projekt Zukunft“. Bierhoff stellte auf dem DFB-Bundestag 2019 unverblümt die Probleme in der Talententwicklung dar. Es waren gute Worte, aber der alerte Manager hat es nie geschafft, an der Basis durchzudringen. Seine Ausstrahlung ist den Menschen in den Amateurklubs fremd geblieben, was auf Gegenseitigkeit beruht und zu Blockadehaltungen führte. Auch mit seinem Großprojekt DFB-Campus wird Bierhoff, inzwischen Herr über fast 200 Mitarbeitende, den Verdacht nicht los, er denke in zu großen Linien für die Kleinen.

Hansi Flick seinerseits ist von Bierhoff im Sommer 2021 mit bundesweit breiter Unterstützung in sein hohes Amt gehievt worden, seine Schwächen in der Außendarstellung wurden ihm nachgesehen. Aber für die ganz großen Bühne einer Weltmeisterschaft wirkte Flick nun zu klein. Der Mann aus Mückenloch konnte in bedeutenden Momenten nicht aus seiner Haut. Die Souveränität, Lässigkeit und Weltgewandtheit seines Vorgängers geht ihm ab. Und er beging - umringt von einem Heer an Beratern und Assistenten – fachliche Fehler. Auf seiner letzten Pressekonferenz in Katar monierte er etwa das Fehlen einer echten 9 im deutschen Fußball. Doch auf die 9, die ihm zur Verfügung stand, formstark und torhungrig, verzichtete er freiwillig.

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